Kinematograph, Import und die größte Schlange der Welt. Der Send um 1900

20.09.2019

Die Sendanzeigen, hier aus dem Jahr 1890, geben einen Einblick in die verschiedenen Angebote und Attraktionen des Sends und stellen interessante Quellen dar. Archiv für Alltagskultur (LWL).

Kinematograph, Importwaren und die größte Schlange der Welt

Der Send um 1900

Mara Woltering

„Überhaupt die Kirmeswagen brachten ‚die Luft der großen weiten Welt‘ mit sich! Ich konnte dastehen und mich hineinträumen in all die bunten Bilder.“

So beschreibt Agnes B. in einem Antwortschreiben auf die Frageliste „Fahrende Leute“ ihre Kindheitserlebnisse auf der Kirmes in Essen zu Beginn des  20. Jahrhunderts. Eine ähnliche Faszination versuchen zur gleichen Zeit auch die Werbeanzeigen der StandbetreiberInnen auf dem Send  zu vermitteln.

Die Bezeichnung „Send“ leitet sich von „Synode“ ab – ein Gericht hochrangiger Geistlicher, das zweimal im Jahr stattfand. Erstmalig wird im 9. Jahrhundert von einem solchen Gerichtstag berichtet, wohl im 11. Jahrhundert etablierte sich zu Sendzeiten auch ein Markt. Durch gute Handelsbedingungen und einen besonderen Marktfrieden hatte dieser eine große Anziehungskraft auf die Bewohner der Stadt und ihre Umgebung.

Sendanzeigen von 1890 bis 1912 aus dem „Westfälischer Merkur“, einer lokalpolitischen Tageszeitung für Münster, dokumentieren, worauf diese Anziehungskraft um die Wende zum 20. Jahrhunderts zurückzuführen war. Geworben wurde mit Englischen Gummitüchern, Schweizer Stickereien oder auch Wiener Meerschaum-Pfeifen – importierte Waren, die für damalige Verhältnisse große Distanzen bis nach Münster zurücklegt hatten und zumindest teilweise als Luxusgüter gelten konnten.

Auch innovative Dienstleistungen wurden auf dem Send angeboten. So bewirbt sich zum Beispiel 1890 ein „Jedermann Selbstvergolder“ um die Gunst des Publikums, der mit seiner vermeintlich selbstentwickelten Methode der Wasservergoldung auf dem Send fast jeden Gegenstand vergolden konnte. Weil bei dieser Methode der Vergoldung keine Edelmetalle verwendet werden, konnte der „Selbstvergolder“ seine Dienste kostengünstig anbieten – eben für „Jedermann“. Solche Waren und Dienstleistungen imitierten einerseits den Luxus der Wohlhabenden, andererseits spielten sie mit dem Interesse des Publikums für neue Entwicklungen und Erfindungen.

Verschiedene Werbeanzeigen aus dem Westfälischen Merkur aus den Jahren 1912 (Bild 1) und 1890 (Bild 2 bis 4).

Dies machte sich auch ein weiterer Werbender zunutze, der Einblicke in die „Wunder der unsichtbaren Welt“ mithilfe von Mikroskopen um den Preis von einer Mark anpries. Dabei bleibt aufgrund der Kürze der Anzeige ungewiss, ob er für diesen Preis einen Blick durch das Mikroskop gewährte oder die Mikroskope als solche verkaufte. Ebenso bleibt der Name der werbenden Firma unbekannt – nur der Standort auf dem Send wird in der Anzeige angegeben.

Ein weiteres, zuvor unbekanntes, technisches Instrument war das „Theater lebender Photographien“ - der Kinematograph. Es handelt sich dabei um ein Gerät, das gleichzeitig Filmkamera und Filmprojektor ist und Filme von bis zu einer Minute Länge abspielen kann. Der Kinematograph wurde erstmalig 1895 in Frankreich der Öffentlichkeit vorgestellt. Auf dem Send 1901 wurden mithilfe eines solchen Kinematographen eine Aufnahme der Oberammergauer Passionsspiele sowie Humoristisches und weltgeschichtliche Ereignisse gezeigt.

Eine Anzeige aus dem Westfälischen Merkur vom 05.10.1897. Archiv für Alltagskultur (LWL).

Neben den Waren und Dienstleistungen verfügten auch die Darbietungen auf dem Send über eine große Anziehungskraft auf die BesucherInnen des Volksfestes. Im Westfälischen Merkur wird in der Zeit um 1900 immer wieder mit Aufführungen von verschiedenen Zirkussen und Menagerien geworben. Die BesucherInnen konnten dort „Wunderhunde“, Esel oder auch Pferde-reitende Affen bestaunen.

Besonders sticht die Werbung für „die größte Schlange der Welt“ aus dem Jahr 1912 hervor. Der Tierpark in Hamburg-Stellingen brachte eine angeblich 30 Fuß lange und 295 Pfund schwere Schlange nach Münster und behaupte damit, die größte Schlange und somit die größte Attraktion der Welt in seinem Besitz zu haben. Jedem, der das Gegenteil beweisen könne, wurde eine Belohnung von 1000 Mark geboten.

Die Angebote des Sends ermöglichten den Besuchern um 1900, ihrem Alltag zu entfliehen und „die große weite Welt“, oder zumindest eine Idee davon, zu erleben. Die Bedeutung und Anziehungskraft, die dem Send dadurch zukam, machte ihn zu einem besonderen Ereignis für die Besucher. Durch die Vermittlung dieser Eigenschaften werden die Sendanzeigen zu interessanten Quellen, die neben humoristischen Aspekten auch einen Einblick in die Multifunktionalität eines Volksfestes bieten.