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Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle

Die Geschäftsstelle der Kommission Alltagskulturforschung in Münster betreut die Mitglieder; zugleich ist sie Anlaufstelle für alle, die sich mit volkskundlichen Fragen beschäftigen.
Sie regt Forschungen in und über Westfalen an, fördert sie durch die Bereitstellung von Quellenmaterial und Publikationen, koordiniert Projekte, arbeitet mit anderen wissenschaftlichen Institutionen zusammen. Eine enge Kooperation besteht mit dem Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

 

Unsere Geschäftszeiten:

Montag bis Donnerstag: 8.30 bis 12.30 Uhr,
14.00 bis 15.30 Uhr; Freitag: 8.30 bis 12.30 Uhr.

 

Christiane Cantauw M. A.

Geschäftsführerin und wissenschaftliche Referentin

Kontakt:
Tel.: (0251) 83-24398
E-Mail: christiane.cantauw@lwl.org

Haushaltsbuch von Hildegard Weber aus Soest, 1949-1950

Archiv für Alltagskultur in Westfalen, Bestand Hildegard Weber, o. Inventarnummer

Unter den noch nicht inventarisierten Artefakten in der Sammlung der Kommission Alltagskulturforschung fand ich das Haushaltsbuch von Hildegard Weber, das mit den in das Buch eigelegten Rechnungen und Briefen den Bestand Weber bildet.

Das Haushaltsbuch im Format Din-A-5 wurde in der Buchdruckerei Richard Schmidt in Halberstadt hergestellt. Nach einem Deckblatt sind pro Seite jeweils zwei Spalten für Ausgaben vorgesehen. Die einzelnen Spalten sind mit den Wochentagen und einem noch einzutragenden Datum überschrieben. Nach jeweils sieben Tagen folgt eine Spalte, in der eine wöchentliche Abrechnung mit Einnahmen und Ausgaben vorgenommen werden kann.

Hildegard Weber hat das Buch nicht nur zur Dokumentation ihrer fast täglichen Einkäufe genutzt, sondern hier auch notiert, was sie an dem jeweiligen Tag gemacht hat. Wir erfahren von Geburtstagsfeiern, der Kündigung ihres Mannes, von der Krankheit des bereits erwachsenen Sohnes, von Kinobesuchen und von häuslichen Arbeiten wie der Großen Wäsche oder dem Putzen des Kellers.

Das Haushaltsbuch gewährt Einblicke in den Alltag einer Hausfrau mit Mann und zwei erwachsenen berufstätigen Kindern in der Nachkriegszeit. Es gibt Auskunft über den geographischen Raum, in dem sich Hildegard Weber bewegt hat, ebenso wie über ihr Freizeitverhalten oder die alltäglichen und nicht-alltäglichen Ausgaben für z.B. Milch, Brot und Butter oder die Reparatur von Seidenstrümpfen. Spannend ist, wie viele Informationen über die Familie aus der doch recht beschränkten Anzahl an Einträgen und Dokumenten abgeleitet werden können. So entsteht aus der Beschäftigung mit dem Haushaltsbuch heraus der Mikrokosmos einer Kleinfamilie, der das Leben in der Nachkriegszeit in einer westfälischen Kleinstadt greifbar werden lässt. 

Dörthe Gruttmann M. A.

Wissenschaftliche Referentin

Kontakt:
Tel. (0251) 83-24404
E-Mail: doerthe.gruttmann@lwl.org

Zeitkartenhalter und elektronische Stempeluhr memor electronic solari udine

Bei dem Kartenhalter aus Metall sowie der dazugehörigen elektronischen Stempeluhr handelt es sich nicht direkt um einen Archivfund, aber sicherlich um archivwürdige Bürogegenstände der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen. Denn beide befinden sich noch im Flur der Geschäftsräume der Kommission. Der Zeitkartenhalter aus Metall für 25 Stempelkarten sowie die elektronische Stempeluhr wurden von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Geschäftsstelle vom Zeitpunkt des Bezuges der Räume in der Scharnhorststraße 2001 bis zum Frühjahr 2017 verwendet. Seitdem hängt ein zweites Arbeitszeiterfassungsgerät an der Wand, welches die An- und Abwesenheitszeiten digital übermittelt, wenn eine Chipkarte davorgehalten wird.

Zuvor mussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jeweils vor dem ersten Tag des neuen Monats eine neue Stempelkarte ausfüllen. Der Name und die Sollarbeitszeit wurden handschriftlich eingetragen, ebenso mussten beispielsweise Urlaubstage aufgeschrieben werden, und zwar in eine extra dafür vorgesehene Spalte für Sondereintragungen. Die Uhrzeit des Kommens und Gehens wurde auf die Stempelkarte in anderen Spalten gedruckt, wenn man sie in die Stempeluhr einführte. Diese zeigte bei dem Vorgang die erfassten Zeiten elektronisch auf einem kleinen Display an. Hierbei wurde eine Stunde in 100 Einheiten berechnet. Am Ende des Monats musste jeder ausrechnen, ob seine/ihre geleisteten Stunden mit der Sollarbeitszeit übereinstimmte. Die Stempelkarten selbst wurden monatlich weitergeleitet, im Falle der Kommission gingen diese an die Zentrale Verwaltungseinheit (ZVE).

Die sogenannte Stechuhr gehört für viele Menschen ganz unhinterfragt zum Alltag dazu. Dabei hat sich die automatische Arbeitszeiterfassung erst im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert allgemein durchgesetzt und löste andere Formen der Zeiterfassung und Regelungen ab (zum Beispiel das Läuten von Werkglocken). Ihre Etablierung hat sich auf die Wahrnehmung von Zeit erheblich ausgewirkt, normierten sie doch den Arbeitsrhythmus. Galten sie zunächst als Disziplinierungsgerät der Arbeitgeber, die einheitliche Arbeitszeiten, Pünktlichkeit und Pausen dokumentierten, hat sich diese (negative) Zuschreibung bis heute durchaus gewandelt.

Anhand von Stempeluhren lassen sich Steuer- und Regulierungsfunktionen im Sinne eines Kontrollinstrumentes im Arbeitsalltag ablesen, ebenso wie der Wandel dieser Technologie im Laufe der Zeit und damit verbunden der Wandel von Formen der Arbeitszeiterfassung.

Niklas Regenbrecht M. A.

Wissenschaftlicher Referent und komm. Archivleitung

Kontakt:
Tel. (0251) 83-24405
E-Mail: niklas.regenbrecht@lwl.org

Totenzettel aus Westfalen, 19.-20. Jahrhundert

Archiv für Alltagskultur in Westfalen, Totenzettelsammlung, teilw. verzeichnet

Wie gedenken Menschen ihrer Verstorbenen? Und welche materiellen Zeugnisse bleiben vom Akt einer Beerdigung? Neben Grabsteinen, Todesanzeigen und Trauerkarten gehören auch die so genannten Totenzettel zu den Erinnerungsobjekten. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aufkommend, werden diese bei Beerdigungen an die Anwesenden verteilt.

Im Archiv für Alltagskultur befinden sich sowohl eine Reihe verzeichneter und digitalisierter Totenzettel, als auch bislang noch unverzeichnete Konvolute. Die frühesten Belege datieren auf das Jahr 1800. Sie stammen aus ganz Westfalen und darüber hinaus.

Die Gestaltung der Totenzettel unterliegt sich wandelnden Konventionen. Einblättrige Zettel wurden mit der Zeit vermehrt durch gefaltete Exemplare abgelöst. Bei Letzteren finden sich häufig auf den Vorderseiten Abbildungen von Heiligen oder Kreuzesdarstellungen, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch Fotografien der Verstorbenen. Auch die verwendeten Sinnsprüche, Gebete und Anrufungen der Heiligen unterliegen einem Wandel. Dieser geht tendenziell Richtung Vereinfachung und schlichterer Gestaltung.

Die Totenzettel waren und sind vor allem eine katholische Sitte. Es finden sich aber auch Spuren der Entfremdung von Religion, wenn beispielsweise Kreuze durch NS-Symbole ersetzt wurden. Totenzettel geben Auskunft über die Lebensdaten, Berufs- und Verwandtschaftsbeziehungen der Verstorbenen. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts finden sich häufig sogar biographische Kurztexte und Angaben zur Todesursache. Sie sind nicht nur für genealogische Fragestellungen, sondern auch für Forschungen, die den Umgang mit dem Tod, Religiosität und Konfessionalität in den Blick nehmen, eine hervorragende Quelle.

Was die Empfänger der Totenzettel mit diesen gemacht haben, darüber geben die archivierten Totenzettel freilich keine Auskunft. Häufig wurden diese in Gesangbüchern gesammelt und – wenn sich allzu viele angesammelt hatten – in Schächtelchen ausgelagert. Sie einfach wegzuwerfen, scheint gewissermaßen tabubehaftet zu gewesen sein. Zusammenhängende Sammlungen können so manchmal auch Auskunft über das persönliche Umfeld einer sammelnden Person geben.

Marcel Brüntrup M. A.

Wissenschaftlicher Volontär

Kontakt:
Tel. (0251) 83-24406
E-Mail: marcel.bruentrup@lwl.org

Mareen Averbeck B. A.

Studentische Volontärin

Archiv

Tel.: (0251) 83-22400

Quittungsbüchlein der Familie Gerling aus Saerbeck, [1727/]1729 – 1826

Archiv für Alltagskultur in Westfalen, Bestand Hofarchiv Gerling, Inventarnummer K02951.0247

Das Quittungsbüchlein ist Teil der umfangreichen Sammlung eines Hofes aus Saerbeck, dessen derzeitige Hofbesitzer 2017 Schriftgut aus vier Jahrhunderten als Depositum an das Archiv für Alltagskultur gegeben haben. Im Einzelnen handelt es sich u.a. um Hofübergabeverträge, viele handschriftliche Rechnungen und Quittungen sowie Unterlagen zur Flurbereinigungsmaßnahmen.

Bei einer Größe von 9,6 cm x 7,8 cm umfasst das in Leder eingeschlagene Büchlein 16 Doppelseiten. Ein Band sorgt dafür, dass das Buch verschlossen werden kann.

Vom ersten Eintrag vom 21. Oktober 1729 bis zum letzten Eintrag am 2. März 1826 dokumentiert das kleine Büchlein mit jeweils einigen wenigen Zeilen eine jährliche Pachtzahlung der Gerlings. Für was genau die Pachtzahlung fällig wurde, beantwortet das Büchlein selber nicht. Der erste Eintrag bezieht sich rückwirkend auf die Jahre 1727 und 1728. Auch andere Beiträge belegen, dass die Pacht wohl nur alle paar Jahre beglichen wurde. Neben Geld zahlten die Gerlings auch in Form von Naturalien: „d 28 october zahlet Gerlich seine pfagt und zweij Huhner pro annis 1734 et 1735 – mit [summa?] 3 Rth A v Groten“

Unterzeichner und Empfänger der Abgaben war von 1729 bis 1748 Alexander von Groten, der königliche Landrat der Grafschaft Tecklenburg. Bevor das Büchlein erneut zu ihm finden konnte, verstarb Alexander von Groten 1752 ohne Erben, weswegen sein Besitz über seine Schwester an die Familie von Blomberg ging, deren Angehörige nun bis 1826 die Pachtzahlungen quittierten.

Die in einigen Einträgen angegebenen Orte lassen darauf schließen, dass sich Mitglieder der Familie Gerling in einer Zeitspanne von fast 100 Jahren zum Haus Vorlage bei Lengerich, dem Gut Meesenburg bei Ledde und nach Tecklenburg und Osnabrück begaben, um ihre Pachtzahlung quittierten zu lassen. Da es sich um ein gebundenes Büchlein handelt, war die langfristige Nutzung des Quittungsbüchleins offenbar von Anfang an vorgesehen gewesen und auf den verbleibenden 11 Seiten hätten sicherlich noch weitere Einträge späterer Generationen Platz gefunden.

Weitere Dokumente aus dem Bestand zeigen, dass die Zahlungen bis mindestens 1859 weitergingen und somit das Quittungsbüchlein überdauerten. Darunter befindet sich auch eine gerichtliche Aufforderung, die Zahlungen zu belegen. Zusammen mit dem Quittungsbüchlein zeigt sich, wie wichtig es war, das Geben und Nehmen genau zu dokumentieren, da davon Rechte abhingen.

Aus den anderen Dokumenten lässt sich auch schließen, dass es sich bei der geleisteten Zahlung wohl um eine Grundabgabe an das Gut Meeseburg handelte. Vermutlich gab es einen gesonderten Vertrag, der aber leider nicht auf uns gekommen ist, und so macht das Büchlein letztlich auch deutlich, dass unser Blick auf die Geschichte ein begrenzter ist, dessen Reichweite davon abhängt, was überliefert wurde.

Nikola Böcker B. A.

Studentische Volontärin

Archiv

Tel.: (0251) 83-22400

Freibrief für Ennike Gerling ausgestellt von der Äbtissin und Erzdiakonin des Stifts Freckenhorst Hedewich Christina Gertrudt, 1710

Archiv für Alltagskultur in Westfalen, Bestand Hofarchiv Gerling, Inventarnummer K02951.0026

Der Freibrief ist Teil der Hofakten eines Hofes aus Saerbeck und der einzige seiner Art in der Sammlung der Kommission Alltagskulturforschung. Die derzeitigen Hofbesitzer haben Schriftgut aus vier Jahrhunderten aufbewahrt und die gesammelten Zeugnisse 2017 als Depositum in unsere Sammlung gegeben. Dabei handelt es sich u.a. um Hofübergabeverträge, viele handschriftliche Rechnungen und Quittungen sowie Unterlagen zu Flurbereinigungsmaßnahmen.

Der Brief dokumentiert die Entlassung von Ennike Gerling aus der Leibeigenschaft und ist auf den 13. September 1710 datiert. Unterzeichnerin ist Hedewich Christina Gertrudt, Äbtissin des Stifts Freckenhorst, deren Siegel sich in der linken unteren Ecke des Freibriefs befindet. Die Empfängerin des Freibriefs war fortan von allen Pflichten gegenüber dem Stift Freckenhorst befreit, „kraft gegenwertiger Brieffes, gestalt sie sich nunmehro anderen freien Leuthen gleich verhalten, und dahin kehren und begeben mag, woh es ihr am dienligst, und gelegensten zu sein Vermeinen wirdt“. Im Gegensatz zu den Leibeigenen war sie nun nicht länger zu Frondiensten verpflichtet, durfte etwa vom Grund ihrer Leibherrin wegziehen und ohne ihre Genehmigung heiraten. Warum genau Ennike den Freibrief erhielt, geht aus dem Bestand nicht hervor. Es könnte sein, dass sie den elterlichen Wohnsitz verlassen wollte, um an anderer Stelle zu heiraten. Dafür musste sie erst ihr bestehendes Hörigkeitsverhältnis auflösen. Die Leibeigenschaft wurde im Königreich Westfalen etwa 100 Jahre nach der Erstellung dieses Freibriefs im Jahr 1808 aufgehoben.

Peter Herschlein

Studentischer Volontär

Bibliothek

Tel.: (0251) 83-24389

Foto und Tonaufnahme einer Tonpfeife aus Westerkappeln

Archiv für Alltagskultur in Westfalen, Inventarnummern: 0000.69312 und 12149

Unter der Inventarnummer 0000.69312 ist im Archiv für Alltagskultur die Schwarz-Weiß-Fotografie einer kleinen Tonpfeife verzeichnet. Unter den Tondokumenten findet sich zudem eine rund einminütige Audioaufnahme, welche das Blassen auf dieser Pfeife dokumentiert. Welche Geschichte verbirgt sich hinter diesen Archivalien?

In den 1970er Jahren wurde die Tonpfeife von dem damaligen Archäologie-Studenten Wieland Wienkämper auf einem Acker in der Westerkappelner Bauerschaft Sennlich aufgesammelt. Da er sein Fundstück nicht deuten konnte, wandte er sich an die Volksmusikforscherin Renate Brockpähler von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen um weitere Informationen über sein Fundstück zu bekommen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Foto- und Tonaufnahmen angefertigt und im Archiv hinterlegt. Doch auch die Expertin konnte bei der Einordnung des Fundstückes nur bedingt weiterhelfen. Denn es konnte kein vergleichbares Stück aus der Region ausfindig gemacht werden. Daher wurden verschiedene Überlegungen zur Herkunft und Bedeutung des Fundes angestellt.

Pfeifen werden zur Signalübermittlung zwischen Personen oder auch zur Kommunikation zwischen Mensch und Tier, beispielsweise bei der Jagd, eingesetzt. In der wissenschaftlichen Literatur finden Tonpfeifen als Musikinstrumente nur wenig Beachtung. So sind sie sowohl in Veröffentlichungen zur Volksmusik bzw. Musikgeschichte, als auch in Betrachtungen zum Töpferhandwerk kaum präsent.

Umso interessanter erscheinen damit die Funde im Archiv für Alltagskultur. Die Foto- sowie Tonaufnahmen und eine kleine Skizze zeigen, dass man sich eingehend mit dem Stück beschäftigt hat. Zudem ist eine französischsprachige Literaturangabe notiert. Diese führt zu einem Artikel in der Zeitschrift „Folklore Suisse“ von 1946. In dem dort abgedruckten Bericht werden kleine Tonpfeifen aus der schweizerischen Ortschaft Bonfol vorgestellt. Diese Pfeifen wurden im Winter in Heimarbeit von den Töpferfamilien hergestellt. Anschließend wurden diese an Bäckereien verkauft und als Schwanzanhängsel für kleine Pferde aus Pfefferkuchen verwendet. Besonders bei den Kindern waren die Pfeifen nach dem Verspeisen der Pferdchen als „Musikinstrument“ beliebt.    

Für die Pfeife auf den Aufnahmen des Archivs für Alltagskultur kann ein solcher Verwendungszweck jedoch nicht bewiesen werden. Möglicherweise war die Pfeife bei der Jagd als Signalinstrument für einen Jagdhund im Einsatz gewesen. Die Kommunikation zwischen Jäger:innen und Hund/en ist ein wichtiger Bestandteil der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier. Durch den Einsatz einer Pfeife können klare Befehle an den Hund auch über weite Distanzen weitergegeben werden. Beweisen lässt sich die Verwendung der Tonpfeife bei der Jagd jedoch nicht, so scheinen auch andere Verwendungsmöglichkeiten, beispielsweise als Kinderspielzeug, möglich.

Über diese Fragen hinaus sind die Archivfunde auch aus epistemologischer Sicht von Interesse. So zeigen sie, welche Objekte in das Archiv für Alltagskultur aufgenommen wurden und welche Informationen dabei von Interesse waren und daher festgehalten worden sind.
Dabei werden die unterschiedlichen Herangehensweisen von Volkskunde und Archäologie sichtbar. So sind beispielsweise keine Angaben zum Fundkontext notiert worden, der in der archäologischen Forschung eine große Rolle spielt. Zudem lassen sich anhand dieses Archivfundes auch neue Methoden in der Musikforschung, wie in diesem Fall das Erstellen von Tonaufnahmen, nachvollziehen.

Anastasia Margariti-Börgel

Studentische Volontärin

Archiv / Redaktion

Tel.: (0251) 83-24389

Postkartenalbum von Laura Trögler in Silschede, angelegt im Juli 1899

Archiv für Alltagskultur in Westfalen, Bestand Trögler, Inventarnummer: K03127.0002

260 Exemplare eng beschrifteter, mit herzlichsten Grüßen versehener Ansichtskarten, manche in Lichtdruckverfahren auf blauem Karton, andere Lithografien oder Chromolithografien, wurden auf den Seiten des durch die Jahre und das Durchblättern blau-gräulichen, stark beanspruchten Albums zusammengestellt. Das in Leder gefasste mit Kartonbeschichtung versehene ca. 24 x 40 x 5 cm große Album trägt auf der Vorderseite eine illustrierte Postkarte, die das Idyll eines Dorfes mit Kirche und Berglandschaft abbildet, umrahmt von Ornamenten und betitelt in Goldschrift mit „Album für Postkarten“. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf den Zweck des Albums – das Sammeln von Postkarten – eine Beschäftigung, die um 1900 weit verbreitet war.

Im Inneren des Albums, dessen Seiten aus Karton/Pappe angefertigt wurden und mit Einschubmöglichkeiten für bis zu vier Postkarten pro Seite versehen sind, befinden sich auf dem ersten Blatt der Name und die Adresse der Besitzerin Laura Trögler, sowie die Datierung Juli 1899.

Die Inhaberin des Albums wurde am 11.07.1845 in Silschede als viertes von fünf Kindern geboren und war seit 1867 mit Friedrich Peter Külpmann vermählt. Aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor. Anhand der Korrespondenzen im Album ist zu erkennen, dass sie enge Beziehungen zu Freunden und vor allem zu Familienmitgliedern pflegte. Einige Karten stammen aus Korrespondenzen mit ihren Kindern. Zweimal kommt es vor, das ein Familienmitglied den Abschlussgruß mit der Nennung des Verwandtschaftsgrades vervollständigt: zum einen bei der Korrespondenz mit dem Bruder von L. Trögler, Karl, und zum anderen bei jener mit einem „Onkel Fritz“. Auch Korrespondenzen mit Cousinen und Cousins kommen vor, allerdings ist der Beziehungsstatus nicht immer klar ausformuliert. Ein interessantes Vorkommnis ist die Abwandlung des Nachnamens von Trögler zu Trögel auf einigen Postkarten.

Das Album ist stark beschädigt und mehrere der darin vorhandenen Karten sind lose zwischen den Seiten platziert. Die Postkarten datieren auf einen Zeitraum zwischen 1890 und 1903.  Sie legen Zeugnis ab von einer weit verbreiteten Form der Korrespondenz zwischen Familienmitgliedern und Freunden, die einen Gruß oder eine Kurznachricht per Postkarte versendeten. Die Korrespondenz mit den Geschwistern von Laura Trögler beinhaltet Nachrichten für und über die Eltern, Informationen über das Studium und die Arbeit oder alltägliche Angelegenheiten. Einige Ansichtskarten stammen auch aus einer Korrespondenz mit einem Onkel, der sich mit Kartengrüßen aus dem Ausland (Frankreich, Bern oder Amerika) meldete.

Vorwiegend stammen die Karten aus Westfalen und dem Rheinland. Es finden sich Kurbäder, Gärten sowie Hotels und örtliche Sehenswürdigkeiten wie Denkmäler, Stadtbrunnen, Paläste und Kirchen abgebildet. Da eine Seite der Karten bis ca. 1905 für die Adresse reserviert war, teilen sich Abbildungen und Textnachricht die andere Seite. Für die Mitteilung stand also nur wenig Raum zur Verfügung, der vielfach in jeglicher Schreibrichtung ausgenutzt wurde.

Als Adressangabe reichten zunächst anscheinend Familienname, Vorname und Ortsname bzw. Kreis völlig aus.  Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommen Straße und Hausnummer dazu.

Zum Teil wurden die Briefmarken samt einem Eckchen der Postkarte, wo diese angebracht waren, abgerissen. Dies verweist auf eine:n Briefmarkensammler:in in der Familie.

Innerhalb einer Stadt und im städtischen Umland wurde die Post täglich, teils sogar mehrmals am Tag zugestellt. Dies machte die Ansichtskarten in dem genannten Zeitraum zur schnellsten und kostengünstigsten Form der Nachrichtenübermittlung. Dementsprechend wurden sie zur Kommunikation von verschiedensten alltäglichen Informationen genutzt, aber auch, um der/dem Adressat:in zum Geburtstag- oder Namenstag zu gratulieren und Grüße anlässlich von Feiertagen zu versenden. Auch Ausflüge oder Kuraufenthalte waren offenbar ein Anlass, um Ansichtskarten zu verschicken, wohingegen Urlaubspostkarten in dem Album eher selten vorkommen. 

Von ihrem Nutzwert als Kommunikationsmedium abgesehen waren Ansichtskarten ein begehrtes Sammelobjekt, um das sich um 1900 eine eigene Szene bildete: Im In- und Ausland gründeten sich Vereine, deren Zeitschriften Möglichkeiten eröffneten, Kontakte zu anderen Sammler:innen zu knüpfen. Ansichtskarten mit Abbildungen von Sehenswürdigkeiten und Prominenten rund um den Globus fanden auf diese Weise Eingang in Sammelalben, die als Beweis für den Sammeleifer und die Kontakte, aber auch für die Weltläufigkeit ihrer Besitzer:innen gern hergezeigt wurden.

Der massenhafte Versand von Postkarten als Kommunikationsmittel im Alltag ging mit der Einführung schnellerer Kommunikationsmedien wie dem Telegramm und vor allem dem Telefon sukzessive zurück. Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert sind Ansichtskarten eher der nicht-alltäglichen Kommunikation vorbehalten: den Grüßen aus dem Urlaub und der Gratulation zum Geburtstag.  

Das Postkartenalbum als Forschungsobjekt bietet Einblicke in alltägliche familiäre (und teils auch über-familiäre) Kommunikationsformen und –inhalte. Es ist aber auch ein Beleg für Praktiken des Sammelns und Bewahrens, wie sie um die Wende zum 20. Jahrhundert verbreitet waren.

Sophie Ullrich B. A.

Studentische Volontärin

Archiv

Tel.: (0251) 83-22400

Bierzeitung der Studierenden am staatlichen Berufspädagogischen Institut zu Köln 1928

Archiv für Alltagskultur in Westfalen, Bestand Johanna Gipmann, Inventarnummer: K02908.0002

Bei meinem Archivfund handelt es sich um eine Kölner Bierzeitung aus dem Personenbestand Gipmann, die 1928 von Studierenden des Berufspädagogischen Instituts in Köln angefertigt wurde. Studierende einer solchen Einrichtung strebten den Beruf des Gewerbefachlehrers, also Berufsschullehrers, an. Dieser pädagogische Studienzweig war in den 1920er Jahren neu geordnet worden und oblag seitdem berufspädagogischen Instituten.

Die Kölner Bierzeitung von 1928 wurde offenbar mit Hingabe und viel Liebe zum Detail gestaltet. Es gibt zehn paginierte Seiten, sowie Vorder- und Rückseite, deren Texte sämtlich handgeschrieben sind. Auch die Abbildungen sind offensichtlich handgefertigt. Auf der Titelseite findet sich eine Illustration, die zeigt, wie die am Institut ausgebildeten Gewerbeschullehrer mit ihren Zeugnissen durch das „Tor der Freiheit“ laufen. Die „Trauernd Hinterbliebenen“, also all jene, deren Studium noch andauert, müssen hinter dem Tor bleiben. Die vier Särge, die sich vor dem Tor befinden, könnten sinnbildlich für diejenigen stehen, die bei den Prüfungen durchgefallen sind oder die das Studium abgebrochen haben.

Eine eher positiv-satirische Sicht auf die Zeit am Institut bestimmt den Inhalt der Zeitung: Sprüche, Anekdoten, Zitate, Gedichte und allerlei Zeichnungen, gewähren einen Einblick in die Studienzeit der angehenden Berufsschullehrer. Zum Beispiel heißt es ironisch auf Seite acht: „Tips kurz vor der Prüfung billig abzugeben!! Garantie für Erfolg!! Dozenten-A-G. Köln.“

Bierzeitungen stammen ursprünglich aus dem Studentenmilieu und waren als Festzeitungen zum Gebrauch in der Kneipe gedacht, wo sie auch verlesen wurden. Brauch und Begriff wurden dann aber auch für andere Anlässe wie z.B. Hochzeiten, Jubiläen etc. übernommen. Dementsprechend finden sich unter den AutorInnen von Bierzeitungen StudentInnen, SchülerInnen, Hochzeitsgäste, Stammtischgruppen oder Kegelclub-Mitglieder.

Bierzeitungen spielen auch eine wichtige Rolle für die Erinnerungskultur, da sie beispielsweise Rückschlüsse auf Werthaltungen und alltägliche Erfahrungen (in diesem Fall von angehenden Berufsschullehrern) ermöglichen. Sie bündeln das, was die Autoren zu einem bestimmten Zeitpunkt für erinnerungswürdig gehalten haben. Nach der bestandenen Prüfung sind dies offenbar ausschließlich die positiven Momente ihrer Ausbildung. Lediglich die vier Särge auf dem Titelbild trüben dieses Zeugnis frohen Abschiednehmens.