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Call for papers: Echt jetzt? Fotografie/Film und KI/AI

Künstliche Intelligenz wird die Fotografie und den Film nicht ersetzen, aber sie wird sie radikal verändern. Zu erwarten ist ein ähnlicher Paradigmenwechsel wie durch den Einzug von Digitalfilm und digitaler Fotografie: Beide bleiben, aber ihre Bedeutung, Reichweite und Relevanz wandeln sich. Die Grenze zwischen Foto/Film und Bildbearbeitung verschwimmt. Damit einher gehen ethische und gesellschaftliche Fragen. Was „echt“ ist und was nicht, kann seitens der Betrachtenden immer schwieriger entschieden werden. Letztlich stellt sich die Frage, ob Authentizität künftig überhaupt eine relevante Kategorie bleiben wird, kann und soll.

Ebenso grundlegend verändert sich die Arbeitsweise der Fotografie- und Filmschaffenden. Postproduktion wird stark beschleunigt: automatisches Retuschieren, Freistellen, Farb-Grading. Fotograf*innen werden stärker zu Kurator*innen oder Regisseur*innen von visuellen Inhalten und sind weniger reine Bildmacher*innen. Es stellt sich die Frage, ob  mit der anwachsenden Bilderflut auch neue kreative Möglichkeiten einhergehen: Die KI-Visualisierungen können Elemente der Animation, Montage, Malerei und Kollage enthalten. Möglicherweise entsteht mit den generierten und auf Papier reproduzierten visuellen Erzeugnissen eine neue Kunstform. Neue Standards wie digitale Wasserzeichen, Content Credentials oder Bildmanifeste werden zu zentralen Bestandteilen der Arbeit mit fotografischen Bildern und Filmen. Bildrechtliche Fragen geistiges Eigentum betreffend wären neu zu fassen.

Bereits jetzt deutet sich an, dass sich die Berufe im fotovisuellen Sektor gravierend verändern werden. Einige fotografische Bereiche (z. B. Stock, einfache Produktaufnahmen) werden durch KI ersetzt. Dafür entstehen neue Felder: Prompt-Engineering, KI-Inszenierung, Datenfotografie, Faktencheck u.a.. Und auch im archivalischen, musealen und wissenschaftlichen Kontext könnte die KI vor allem bei großen Bildmengen ein Hilfsmittel bei der Erschließung von Sammlungen und der Entschlüsselung von Bildinhalten sein.

Fotografie und Film werden mit KI technisch leichter beherrschbar (KI als Werkzeug), flexibler (Bilder als hybride Konstrukte), zugänglicher (kreative Barrieren fallen), problematischer (Authentizität und Urheberrecht). Fraglich ist, ob der menschliche Blick angesichts der Suggestivkräfte der Medien entscheidend bleiben wird. Werden sich unsere Geschichtsbilder und die Wahrnehmung unserer Gegenwart unter dem Druck des technisch Möglichen verändern? Oder behalten Empathie, Kontext und Vision ihre Relevanz?

Die Tagung "Echt jetzt? Fotografie/Film und KI/AI" versucht, im interdisziplinären kulturwissenschaftlichen Kontext sowie für die Felder, Museum, Archiv und Dokumentation, die kulturell-technische Bedeutung von KI-gestützten Formen der Visualisierung aufzufächern. Das Thema ist bewusst breit gewählt, denn die Grenzen zwischen den visuellen Genres sind im Zeitalter der Artifiziellen Intelligenz (AI) noch einmal durchlässiger und möglicherweise kaum mehr zu fassen. Deshalb werden wir auch die laufenden Bilder sowie Formen der Animation berücksichtigen.

Mögliche Arbeitsfelder für die Tagung:

1. Erstellen von KI-generierten Bildmedien:

  • Wie und warum erfolgt die Erstellung von Bildmedien mit KI/AI? Welche Aspekte (Arbeitserleichterung, Erweiterung des künstlerischen Spektrums etc.) sind für die Urheber*innen relevant?
  • Welche Chancen und Gefahren birgt das Arbeiten mit KI?
  • Wie verändert die Nutzung von KI die Arbeit von Bildschaffenden (Fotografen, Filmemacher, Künstler*innen, Grafiker/Zeichner etc)? Wie ordnen sie diese Veränderungen ein?
  • Wie verändert sich die Arbeit von Bildagenturen?
  • Welche Herausforderungen stellen KI-generierte Bildmedien an die Pressefotografie?

2. Nutzung/Rezeption von KI-generierten Bildmedien:

  • Gehören KI-generierte Bildmedien längst zu unserem Alltag? Wo begegnen wir ihnen?
  • Ist den Betrachtenden immer klar, dass es sich um KI-generierte Bildmedien handelt?
  • Welche Relevanz hat die Frage der „Echtheit“ des Dargestellten für die Nutzer*innen?
  • Inwieweit verändern sich die Wahrnehmung der Gegenwart, Wirklichkeitserfahrungen und Zukunftsperspektiven infolge der Durchdringung unseres Alltags mit KI-generierten Bildmedien?
  • Erweitert das Angebot an KI-generierten Bildmedien die Nutzung von Bildern (etwa im Museum oder durch die Generierung von Avataren Verstorbener)? Welche Auswirkungen hat das?

3. Recht/rechtliche Aspekte:

  • Urheberrechte
  • Persönlichkeitsrechte/Drittrechte
  • Nutzung von KI-generierten Bildwerken aus rechtlicher Perspektive
  • Welche (presse)rechtlichen Konsequenzen haben Bildmanipulationen? Wie werden sie aufgedeckt? Durch wen?

4. Gesellschaftliche Aspekte:

  • Wie verhalten sich KI-generierte Bildmedien zu Fragen der Intersektionalität? Wer nutzt KI-generierte Bildmedien zu welchen Zwecken?
  • Was kann über die gesellschaftliche Wirkung KI-generierter Bildmedien gesagt werden? Ist der Glaube an „Echtheit“ und „Wahrheit“ von Bildmedien verschwunden? Oder war er längst mindestens erschüttert?

5. Theorie

  • Müssen wir die Foto-/Film-Theorie neu denken?
  • Oder sind KI-generierte Bildmedien nur die logische Konsequenz des wirklichkeitsgenerierenden Potenzials von Fotografie und Film?

6. Praktische Anwendungsfelder der KI zur Erschließung von archivalischen und musealen Sammlungsbeständen

  • KI-generierte Beschreibungstexte zu Bildinhalten
  • Kontexte durch KI?
  • KI-Verschlagwortung
  • KI-Erkennung von Persönlichkeitsrechten

Wir laden ein zu Vorschlägen für Vorträge (20 Minuten plus 10 Minuten Diskussion). An einem transdisziplinären Austausch sind wir besonders interessiert und freuen uns über Einreichungen aus der Empirischen Kulturwissenschaft, Kultur- und Sozialanthropologie, Geschichts-, Kunst- und Bildwissenschaft, Medienwissenschaft.

Eingesandt werden können ausschließlich Originalbeiträge. In einer Zusammenfassung von maximal 2.000 Zeichen sollten Sie Ihr Thema darstellen sowie Methode und Ziele kurz skizzieren. Zudem bitten wir in derselben Datei um einen Lebenslauf (max. 1.000 Zeichen), gegebenenfalls mit drei themenrelevanten Veröffentlichungen. Bitte notieren Sie Ihren Namen, die postalische Adresse, Ihre Telefonnummer und die E-Mail-Adresse in derselben Datei.

Die Texte werden 2027 in einem Sammelband der Reihe „Visuelle Kultur. Studien und Materialien“ (Waxmann, Münster) veröffentlicht. Wir gehen davon aus, dass Sie Ihren Vortrag und die druckfertig bearbeiteten Bildvorlagen (mindestens 300 dpi Auflösung, mit Angabe der eingeholten Bildrechte und gegebenenfalls vom Hintergrund freigestellt) für die Publikation zur Verfügung stellen.

Interessierte werden gebeten, ihr Abstract bis zum 31. Mai 2026 an Christiane Cantauw (Christiane.Cantauw@lwl.org) zu senden.

Konzept und Veranstaltung: Kommission Fotografie der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft (Christiane Cantauw, Ulrich Hägele), LWL-Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen, LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Ruhr-Museum, Essen

Tagungsort: LWL-Museum für Kunst und Kultur, Domplatz, 48143 Münster

Soweit eine anderweitige Kostenübernahme nicht möglich ist, übernehmen die Veranstalter*innen für die zugesagten Vortragenden die Kosten für Reise (Bahnfahrt 2. Kl.) und bis zu zwei Übernachtungen in Münster.

Zeitraum: 24.09.2026 bis 25.09.2026; Deadline für Einreichungen: 31.05.2026