17.09.2019

Herford Meadows und Calftown

Historische Straßenszene in Quincy/Illinois (Foto: Quincy Public Library).

Herford Meadows und Calftown

Westfalen als Einwanderer in Quincy/Illinois

Mehrere Millionen Deutsche wanderten im 19. Jahrhundert in die USA ein, darunter auch zahlreiche Westfalen. Die meisten stammten aus dem ländlichen Raum und träumten von einer eigenen Farm. Doch in der Realität jenseits des Atlantiks boten auch das Handwerk, der Handel und die aufblühende Industrie der USA einen guten Einstieg in eine neue Existenz.

Das galt besonders für die aufstrebende Kleinstadt Quincy/Illinois, die sich dank ihrer verkehrsgünstigen Lage am Mississippi rasch zu einem Zentrum für Gewerbe und Industrie entwickelte. Über 10.000 Deutsche ließen sich in der Zeit zwischen 1840 und 1870 hier nieder, die meisten davon stammten aus Nordwestdeutschland. Für eine Kleinstadt war das eine ganze Menge und so bildeten die Deutschen die größte ethnische Gruppe in Quincy. 1870 stammten hier 43 % der Einwohner aus Deutschland. Sie wohnten verstreut unter anderen Nationalitäten im ganzen Stadtgebiet, aber schwerpunktmäßig im Südwesten der Stadt in der Nähe der Industrieanlagen am Mississippi. Hier gab es viele deutsche Läden, Handwerksbetriebe, eine deutschsprachige Zeitung und deutsche Kirchengemeinden. Auch wer kein Englisch sprechen konnte, kam hier bestens zurecht. Für die deutsche Community war Quincy weithin bekannt.

Viele deutsche Einwanderer kauften sich, aus der Landwirtschaft stammend, ein großes Grundstück und errichteten sich darauf in Eigenarbeit ein kleines Häuschen in einem einfachen Baustil. Dabei bevorzugten die Deutschen den soliden Backsteinbau, der – für Amerika ungewöhnlich - in ihren Straßen rund 70 % der Bebauung ausmachte. Vor dem Haus wurden Blumenbeete und ein großer Gemüsegarten angelegt, im Hinterhof grunzten die Hausschweine, liefen Hühner und Gänse und viele deutsche Familien hielten sogar eine eigene Kuh. Kein Wunder, dass dieses Viertel bald unter dem Namen „Calftown“ bekannt wurde. Und da viele Einwanderer aus dem Raum Herford stammten, nannte man das angrenzende Wiesengelände die „Herford Meadows“.

Das deutsche „Calftown“ mit der Bäckerei Underbrink (Foto: Andreas Eiynck).

Der Familienforscher Michael Brinkman hat die Herkunft der deutschen Einwanderer recherchiert und in drei dicken Bänden publiziert, die auch in Deutschland zu einem Bestseller wurden. Denn Familienforschung ist beiderseits des Atlantik sehr populär und dank Internet gibt es immer neue Recherche- und Kontaktmöglichkeiten.

Im Stadtbild von Quincy sind die Spuren der deutschen Neubürger von damals auch heute noch sichtbar. Nicht nur auf den zahllosen Grabsteinen mit deutschen Inschriften oder bei Firmen und Geschäften mit deutschen Namen, etwa dem Fahrzeugbauer „Knapheide“, heute einer der größten Arbeitgeber der Stadt.

Der deutschen liebstes Getränk ist bekanntlich das Bier. Und so gründeten ab etwa 1835 mehrere Deutsche in Quincy eigene Brauereien, darunter die von dem gebürtigen Bayern Henry Rupp eingerichtete „Bluff Brewery“ oder die von den bayrischen Brüdern Eber gegründete „Eber-Brothers-Brewery“. Die aus dem Weinort Ruppertsberg in Rheinland-Pfalz stammenden Brüder John, Jacob und Metthew Dick entdeckten bei einem Besuch in Quincy zufällig eine ergiebige Wasserquelle und erwarben das entsprechende Grundstück, um hier die „Dick Brothers Brewery“ zu errichten. Diese entwickelte sich ab 1857 zu einem der größten Brauereibetriebe im mittleren Westen. Beim Ausbau der Brauerei und im laufenden Betrieb waren zweitweise fast 2000 Arbeitskräfte beschäftigt.

Der von dem deutschen Einwanderer Knapheide gegründete Fahrzeugbaubetrieb stellte zunächst landwirtschaftliche Anhänger her (Foto: Firma Knapheide, Quincy).

Die Arbeiter wurden direkt in Deutschland angeworben und mussten sich verpflichten, mindestens ein Jahr lang für Dick zu arbeiten – in der Brauerei oder auf der Baustelle. In dieser Zeit wurde es ihnen außerdem ermöglicht, Englisch zu lernen und nach einem halben Jahr durften sie ihre Familien aus Deutschland nachholen. Die Neuankömmlinge lebten zunächst in Sammelunterkünften auf dem Brauereigelände und bauten sich später für ihre Familien ein Eigenheim, bevorzugt im unmittelbar benachbarten deutschen Stadtteil „Calftown“.

Während des Alkoholverbotes zur Zeit der Prohibition (1920 bis 1933) stellten Dick Brothers den Betrieb auf Mineralwasser in Flaschen um, was damals in den USA noch unbekannt war. Später wurde die Bierbrauerei wieder aufgenommen. Die technischen Anlagen erwiesen sich aber mittlerweile als veraltet und 1951 musste die Firma schließen. So berichtet es Bret Austin, der vor einigen Jahren die lange Zeit leerstehenden Gebäude erworben hat, um sie zu einem Zentrum für Gastronomie, Kultur und Wohnen auszubauen. Ein kleines Brauereimuseum ist schon geöffnet. Bei der Freilegung der Keller stieß Austin auf manche Überraschung. Immer wieder entdeckte er verschüttete Gewölbekeller und traf schließlich tief unter dem Gebäude auf die alte, aber immer noch ergiebige Wasserquelle.

Der gebürtige Bayer Henry Rupp errichtete die „Bluff Brewery“ (Foto: Historical Society of Quincy and Adam County).

Die deutsche Community in Quincy bot einst weit mehr als Bier und Wasser. Jedenfalls bis zum Ersten Weltkrieg. Zwar kehrten nach Kriegsbeginn 1914 sogar einige junge Einwanderer nach Deutschland zurück, um für ihren Kaiser in den Krieg zu ziehen. Doch spätestens beim Kriegseintritt der USA 1917 kippte die Stimmung. Nun mussten auch die deutschstämmigen jungen Männer aus Quincy gegen den Feind in Europa einrücken. Deutsche Familiennamen wurden anglisiert, die deutschsprachigen Zeitungen stellten ihr Erscheinen ein oder wechselten Titel und Sprache. Alles Deutsche verschwand aus der Öffentlichkeit.

Heute pflegt die „German Society of Quincy“ auf vielfältige Weise das deutsche Kulturerbe in der Stadt und setzt sich besonders für die Erhaltung der historischen Gebäude in den deutschen Vierteln ein. 1992 wurde das „Calftown“ in das „National Register of Historic Places“ eingetragen. Aber trotz „Octoberfest“ und „German Heritage Day“ – deutsch fühlt und spricht hier keiner mehr. Restaurants mit typisch deutscher Küche gibt es schon lange nicht mehr, aber immerhin noch eine deutsche Bäckerei und einen „Deutschverein“ im Seniorenprogramm der örtlichen Volkshochschule.

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