Schwerpunkt Fotografie: Büroalltag um 1930 im Fotoalbum

20.02.2024 Niklas Regenbrecht

Christiane Cantauw

Fotoalben aus Privatbesitz sind für das ausgehende 19. und das 20. Jahrhundert eine in großen Mengen vorliegende Quelle, die seit etwa zwei Jahrzehnten auch wissenschaftlich stärker wahrgenommen wird. Materialität und Gebrauch, Funktion und Erzählweise wurden und werden dabei in den Blick genommen. Im Rahmen von Tagungen (beispielsweise 2022 zum Thema „Kuratierte Erinnerung: Das Fotoalbum“, Tagung der Kommission Fotografie innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft in Berlin) wurden Ergebnisse der Forschungen präsentiert und im Nachgang auch publiziert.

Auch wenn täglich Alben weggeworfen werden, so konnte doch eine Vielzahl von Alben unterschiedlicher Provenienz in Archiven und Sammlungen gesichert werden. Ihre Quantität sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei privaten Fotoalben um Unikate handelt, die überdies – solange sie in Gebrauch sind – mehr oder weniger starken Veränderungen unterliegen. Das, was der Nachwelt als abgeschlossenes Album vorliegt, hatte während seiner aktiven Nutzung einen prozesshaften Charakter: In einem Zeitraum von mehreren Jahren oder Jahrzehnten wurden Fotografien zusammengetragen, ausgewählt, auf Einzel- oder Doppelseiten angeordnet, bearbeitet, wieder entfernt und neu arrangiert.

Das zeigt sich auch am Beispiel eines 23-seitigen Albums aus dem Personenbestand Schirra, das im Alltagskulturarchiv vorliegt. Das querformatige 28,5 x 19,5 Zentimeter große Fotoalbum besteht komplett aus kartoniertem Papier. Der verstärkte Umschlag ist farbig mit einem Muster aus unregelmäßigen Kreisen in den Farben orange und braun versehen. Als Hersteller/Gestalter des Albums wird im Innenumschlag die Firma Paul Hildebrand/Ed. Mende Nachf. aus Dortmund benannt. Dem Innenumschlag ist auch eine handschriftliche Zueignung zu entnehmen: „Zum Namenstag 1926. Deine Ferdi“.

Fotoalben unterliegen während ihres Gebrauchs steten Veränderungen. Fotografien und andere Dokumente werden entfernt, ergänzt oder bearbeitet. Seiten werden neu arrangiert und vieles mehr. (Fotoalbum Personenbestand Schirra, Archiv für Alltagskultur, Sign. K03129.0011)

Verschiedenes weist darauf hin, dass es sich bei der Besitzerin des Albums um Elisabeth Schirra geb. Niggemann (* 1901) handelte. Vermutlich erhielt sie das Album mit einigen Fotografien als Geschenk von einer Freundin. Darauf verweisen neben der Widmung die ersten Seiten, die Gruppen von jungen Frauen zeigen, darunter auch die ausschließlich weibliche Belegschaft der höheren Mädchenschule Castrop-Rauxel. Elisabeth Niggemann war dort von 1925 bis 1931 als „technische Lehrerin“ in den Fächern Hauswirtschaft, Handarbeiten und Turnen tätig. Infolge des ‚Lehrerinnenzölibat‘ schied sie nach ihrer Eheschließung zum 31.12.1931 nach geltendem Beamtenrecht aus dem Schuldienst aus. Die hinteren Seiten des Albums legen den Schluss nahe, dass Elisabeth Niggemann das seinerzeitige Geschenk zum Namenstag nach 1926 weitergenutzt hat, denn sie zeigen u. a. Hochzeitsbilder, Bilder aus dem Familienleben und Fotografien, die ihr Mann beigesteuert haben dürfte, beispielsweise aus seiner Zeit als Soldat bei der Luftwaffe. 

Elisabeths Ehemann Peter Schirra (* 1898) war zur Zeit der Eheschließung als Obersekretär in der Stadtverwaltung der Stadt Castrop-Rauxel beschäftigt. Das war laufbahnmäßig bereits die erste Beförderungsstufe, der im Laufe seines Berufslebens noch zwei weitere bis hin zum Stadtinspektor folgen sollten. Vermutlich ist es sein Arbeitsplatz, der auf einer Doppelseite des Albums dokumentiert wird. Auf insgesamt neun Fotografien unterschiedlicher Größe sind hier vier Männer und drei Frauen in unterschiedlichen Konstellationen zu sehen.

Diese und die nächste Seite versammelt Fotografien aus dem Büroalltag. (Fotoalbum aus dem Personenbestand Schirra, Archiv für Alltagskultur, Sign. K03129.0011).

Die Fotografien geben vertiefte Einblicke in ein Büro. Sie zeigen die Büroausstattung und lassen Aussagen über das Kleidungsverhalten der dort Beschäftigten zu. Auch geben sie Aufschluss über die geltenden Geschlechterverhältnisse und das Selbstverständnis der Fotografierten.

Das Büro, sei es in der öffentlichen Verwaltung oder in privatwirtschaftlichen Betrieben, erlangte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert als Arbeitsplatz zunehmend Bedeutung. Neu war seit der Wende zum 20. Jahrhundert, dass immer mehr Frauen in den Arbeitsmarkt und damit auch in die Büroarbeit drängten. Betrug der Anteil von Frauen an Angestellten und Beamten 1882 lediglich 4,8%, so waren es 1933 bereits 30,4%. Der wachsende Anteil der (weiblichen und männlichen) Angestellten an den Berufstätigen insgesamt fand seinen Ausdruck auch in der Herausbildung einer ‚Angestelltenkultur‘, die diese Berufsgruppe gegen die Arbeiterschaft abgrenzen sollte und Eingang fand in zeitgenössische Romane, Filme und in die Werbung. 

Auf privaten Fotografien finden sich Büros nur selten abgebildet. Das liegt zum einen daran, dass Fotoamateure sich generell seltener an Innenaufnahmen versuchten. Zum anderen galten Arbeitsplätze in einer Zeit, als eher das Außergewöhnliche als das Gewöhnliche abgelichtet wurde, anscheinend nicht als dokumentationswürdig. Fotografien der Belegschaft vor ihrer Arbeitsstätte oder auf Betriebsausflügen finden sich in historischen Fotoalben deshalb sehr viel häufiger als Aufnahmen, die in einem Büro gefertigt wurden.    

Die unterschiedliche Qualität und Ausführung der im Fotoalbum von Elisabeth Schirra eingeklebten Abzüge legen den Schluss nahe, dass sie nicht zeitgleich entstanden sind. Das lässt sich auch anhand der Kleidung der abgebildeten Personen belegen, die durchaus modische Unterschiede aufweist. 

Das Telefon gehörte um 1930 noch nicht zur Ausstattung eines jeden Arbeitsplatzes. (Fotoalbum Personenbestand Schirra, Archiv für Alltagskultur, Sign. K03129.0011)

Die Büroausstattung Ende der 1920er Jahre

Schaut man sich die Fotografien genauer an, so erkennt man eine Vielzahl von Gegenständen, die das Arbeiten in einem Büro um 1930 herum kennzeichneten: Neben Aktenschrank, Rollschrank und eng zusammenstehenden massiven Schreibtischen sind zahlreiche Utensilien wie Federhalter, Tintenfässer, Schreibmaschine, Löschwiegen zum Aufsaugen von überschüssiger Tinte, Schreibtischlampe, Briefwaage, Schere oder Aschenbecher zu sehen. An den Wänden befinden sich unter anderem Kleiderhaken, ein Barometer, eine Landkarte, ein Schriftdokument, drei Abreißkalender und ein Vorhang.

Das anscheinend einzige Telefon wird auf einer gesonderten Fotografie in Szene gesetzt. Das besondere an der Nahaufnahme des Tischapparates mit Wählscheibe ist die Platzierung eines ausgestopften Rabenvogels auf dem auf der Gabel liegenden Hörer. Auf den abgebildeten Schreibtischen der Bürobelegschaft ist der Apparat nicht zu sehen. Vielleicht gehörte er zur Einrichtung eines anderen Büros? Die besondere Inszenierung deutet jedenfalls darauf hin, dass der Telefonapparat zum Zeitpunkt der Aufnahme durchaus etwas Besonders darstellte. Es kennzeichnete einen Arbeitsplatz, der durch die Nutzung moderner Kommunikationsmittel aufgewertet wurde. Wer Zugriff auf einen Telefonapparat hatte und seine Benutzung reglementieren konnte, zeichnete sich vor denjenigen aus, die sich an diese Regeln zu halten hatten.

Das Kleidungsverhalten der Büroangestellten

Im Büro der Stadtverwaltung Castrop-Rauxel scheint es einen ausgesprochenen oder unausgesprochenen Dresscode gegeben zu haben: Alle Männer tragen dreiteilige Anzüge in dunklen Farben oder hellgrau (mit Nadelstreifen), dazu weiße Hemden, Krawatte oder Fliege. Ihre Haare sind kurz geschnitten; die Schuhe sind geputzt. Teilweise sieht man Uhrenketten, an deren Ende sich in der Westentasche wohl eine Taschenuhr befindet. Ein Mann trägt Brille, ein anderer geringelte Socken. Die Frauen tragen Kleider beziehungsweise Rock und Bluse; die Haare sind am Hinterkopf hochgesteckt.

„Alle sehen einander ähnlich. Gleichheit des Tageslaufs und der Empfindungen hat ihnen den Serienstempel aufgedrückt.“ (Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Neuauflage. Düsseldorf 1979, S.13) (Fotoalbum Personenbestand Schirra, Archiv für Alltagskultur, Sign. K03129.0011)

Solcherart Kleidung muss nicht vor Schweiß, Schmutz oder Gefahrenstoffen schützen, sie muss keinen zuvorderst praktischen Nutzen haben und wird – außer an den unteren Ärmelteilen – nur wenig beansprucht. Nach außen signalisiert diese Kleidung, dass die so Gekleideten nicht zur Arbeiterschaft zählen, sondern dass sie Angestellte (oder Beamte) sind, die ihren Berufsalltag nicht in einer Maschinenhalle, sondern in einem Büro verbringen.  

Was die Fotografien nicht zeigen, ist die Tatsache, dass Büros vor allem für Frauen oft finanziell prekäre Arbeitsstätten waren. Ihre Löhne lagen statistisch deutlich unterhalb derjenigen ihrer männlichen Arbeitskollegen und reichten mit monatlich weniger als 200 Mark nicht aus, um eine eigene Existenz abzusichern. Viele der weiblichen Büroangestellten konnten sich keine eigene Wohnung leisten und wohnten bei ihren Eltern.

Unabhängigkeit und Modernität, die den „neuen Frauen“ in der Weimarer Zeit angedichtet wurden, finden sich trotzdem zumindest teilweise auf den Fotografien widergespiegelt: Eines der Fotos zeigt eine Mitarbeiterin mit Seidenstrümpfen und Spangenschuhen im knieumspielenden Rock und lässigem geringeltem Jumper. Ihre Haare trägt sie zwar nicht zu einem Bubikopf geschnitten, sondern zu einer Hochsteckfrisur drapiert; zumindest für das Foto steht sie jedoch gleichberechtigt neben den männlichen Kollegen.

Die Geschlechterordnung im Büro

Zwei der neun Aufnahmen deuten auf eine Arbeitsteilung in dem Büro hin, wie sie für die Zeit um 1930 typisch war: Gemeint ist die Bedienung der Schreibmaschine durch Frauen. Während die Männer mit dem Füllfederhalter schreiben, ist der Platz hinter der Schreibmaschine mit einer Frau besetzt. Die sogenannten Stenotypistinnen beherrschten auf der Schreibmaschinentastatur meist die Zehnfinger-Blindschreibmethode, die Richard Siering 1889 in Deutschland eingeführt hatte. Mit dieser Methode, die in Abendkursen oder auf den Handelsschulen erlernt werden konnte, ließ sich die Effizienz der Schreibarbeit mit der Schreibmaschine steigern.

Die Vorstellung weiblicher Berufstätigkeit war um 1930 fest mit der Arbeit an der Schreibmaschine verknüpft. (Fotoalbum Personenbestand Schirra, Archiv für Alltagskultur, Sign. K03129.0011)

Die Rationalisierung des Maschineschreibens führte zu einer Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit im Büro und damit auch zu einer Hierarchisierung der dort Beschäftigten. Während die einen (die Männer) diktierten, schrieben die anderen (die Frauen) das Diktierte auf. Eine solche durchaus übliche Arbeitsteilung deutet sich auch auf den vorliegenden Fotografien an.

Scherzhaft gemeinte Fotografien deuten auf das Bemühen hin, sich der Rationalisierung der Büroarbeitsplätze wenigstens zeitweise zu entziehen. (Fotoalbum Personenbestand Schirra, Archiv für Alltagskultur, Sign. K03129.0011)

Bürokulturen

Die Fotografien zeigen aber auch, dass der Alltag im Büro nicht ausschließlich ein Arbeitsalltag war. Neben der Arbeit blieb zumindest im vorliegenden Fall auch Zeit und Raum für (derbe) Späße. Das dokumentierten nicht nur der Rabenvogel auf dem Telefonhörer oder die lässig auf den Schreibtisch hochgelegten beschuhten Füße, sondern vor allem ein anderes Foto, das drei der Mitarbeiter zeigt, die vor den vollen Regalbrettern eines Aktenschrankes ihre Erhängung simulieren.

Unabhängig davon, ob dieser Scherz ein gelungener war oder nicht, dokumentiert sich daran auch eine Selbstermächtigung der Angestellten/Beamten, die sich nicht komplett instrumentalisieren ließen, sondern sich einen Rest von Widerstand gegen die Zumutungen ihrer Arbeitswelt bewahrten. 

Literatur:

Ute Frevert: Vom Klavier zur Schreibmaschine. Weiblicher Arbeitsmarkt und Rollenzuweisungen am Beispiel der weiblichen Angestellten in der Weimarer Republik. In: Annette Kuhn/Gerhard Schneider (Hrsg.): Frauen in der Geschichte I. Frauenrechte und die gesellschaftliche Arbeit der Frauen im Wandel. 3. Auflage. Schwann, Düsseldorf 1984, S. 82–112.

Ursula Holtgreve: Schreib-Dienst. Frauenarbeit im Büro. Marburg 1989.

Burkhard Lauterbach (Hrsg.): Großstadtmenschen. Die Welt der Angestellten.  Frankfurt am Main 1995.