Call for Papers zur Tagung „COUNTRYSIDE(S) – Fotografische Konstruktionen des Ländlichen“

18.01.2024 Marcel Brüntrup

Fotoalbum der Familie B. aus dem Tecklenburger Land, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, Sammlung BF Nr. 2, S. 43.

Die Visualisierungen des ländlichen Raums und des ländlichen Lebens mit der Kamera unterlagen in Europa seit dem 19. Jahrhundert einem stetigen Wandel – von romantischen Vorstellungen einer beschaulichen, als naturnah wahrgenommenen Lebensweise über das nationalsozialistische Modell einer vermeintlich homogenen, völkischen Gemeinschaft innerhalb der rassistisch motivierten „Blut-und-Boden“-Ideologie (dafür stehen z.B. Fotograf*innen wie Erna Lendvai-Dirksen und Hans Retzlaff) bis hin zu eher sozialdokumentarischen Aufnahmen ländlicher Lebensverhältnisse seit den 1930er-Jahren. Die rurale Welt erscheint in den Bildmedien als vielschichtiges und wandelbares Konstrukt, das von unterschiedlichen Perspektiven, Wahrnehmungen und Vorstellungen vom Leben auf dem Land geprägt ist. Diese Unterschiede betreffen die Akteure vor und hinter der Kamera gleichermaßen. Einzelbilder aus öffentlichen Archiven und privaten Sammlungen oder im Fotoalbum bringen das genauso zum Ausdruck wie gedruckte Bildstrecken in Illustrierten Zeitschriften und Buchpublikationen. Eine genauere Betrachtung dieser Bildkonstruktionen kann Aufschluss über gesellschaftliche Wahrnehmungsgewohnheiten geben und helfen, die Normen, Werte und Deutungshorizonte zu verstehen, die das kollektive Bildgedächtnis des Ländlichen bis heute prägen. Mögliche Themenfelder und Fragestellungen sind:

(1) Veränderung: Wie haben sich die visuellen Konstruktionen des Ländlichen seit dem 19. Jahrhundert gewandelt? Was wurde aufgenommen? Welche Rolle spielen Menschen, Tiere und Pflanzen? Wie werden Gegenstände und Architekturen in den Blick gerückt? Wer hat eigentlich fotografiert? Wie wurden die Aufnahmen verwendet und weitergegeben? Welche Rolle spielen im Bild festgehaltene Modernismen (Werbung, Straßen, Mobilität)? An welchen Quellenbeständen, lassen sich Wandlungsprozesse besonders gut untersuchen? Welche gesellschaftlichen Vorstellungen und Veränderungen spielen dabei eine Rolle („Blut-und-Boden“-Ideologie, Strukturwandel der Landwirtschaft)?

(2) Ikonologie: Mit welchen Motiven und Symbolen wird das Ländliche visualisiert und welchem Veränderungsprozess waren und sind sie unterworfen? Welche Rolle spielen veränderte Vorstellungen und Repräsentationen von Natur, Landschaft und Landwirtschaft?

(3) Soziale Formen: Welche sozialen Aspekte sind im Bild festgehalten? In Frage kommen zum Beispiel folgende Themenfelder: Landwirt als Beruf, Familie, Mitarbeiter*innen, Saisonarbeit, Gender- und Generationenaspekte, Kleinbetrieb versus Gutshof und LPG, soziale und ökologische Protestbewegungen auf dem Land.

(4) Medientechnologien: Wie zirkulieren nationale und internationale Darstellungen des Ländlichen im historischen und zeitgenössischen Kontext? Thematisiert werden können hierbei sowohl analoge (Fotoalben, Propagandafotografie, Plakate, Tourismuswerbung) als auch digitale Medien (soziale Netzwerke, Handyfotografie).

Wir laden ein zu Vorschlägen für Vorträge (20 Minuten plus 10 Minuten Diskussion). An einem transdisziplinären Austausch sind wir besonders interessiert und freuen uns über Einreichungen aus der Empirischen Kulturwissenschaft, Kultur- und Sozialanthropologie, Geschichts-, Kunst- und Bildwissenschaft, Medienwissenschaft.

Eingereicht werden können ausschließlich Originalbeiträge. In einer Zusammenfassung von maximal 2.000 Zeichen sollten Sie Ihr Thema darstellen sowie Methode und Ziele kurz skizzieren. Zudem bitten wir in derselben Datei um einen Lebenslauf (max. 1000 Zeichen), gegebenenfalls mit drei themenrelevanten Veröffentlichungen. Bitte notieren Sie Ihren Namen, die postalische Adresse, Ihre Telefonnummer und die E-Mail-Adresse in derselben Datei.

Die Texte werden 2025 in einem Sammelband der Reihe „Visuelle Kultur. Studien und Materialien“ (Waxmann, Münster) veröffentlicht. Wir gehen davon aus, dass Sie Ihren Vortrag und die druckfertig bearbeiteten Bildvorlagen (mindestens 300 dpi Auflösung, mit Angabe der eingeholten Bildrechte) für die Publikation zur Verfügung stellen.

Kontakt: Interessierte werden gebeten, ihr Abstract bis zum 31. Mai 2024 an Marcel Brüntrup (marcel.bruentrup@lwl.org) zu senden.

Konzept und Veranstaltung: Kommission Fotografie der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft (Christiane Cantauw, Ulrich Hägele), LWL-Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen, LWL-Medienzentrum für Westfalen (Markus Köster).

Tagungsort: Liudgerhaus, Überwasserkirchplatz 3, 48143 Münster. Die Veranstalter:innen übernehmen für die zugesagten Vortragenden die Kosten für Reise (Bahnfahrt 2 Kl.) und zwei Übernachtungen in Münster.

Zeitraum: 26.09.2024 bis 27.09.2024

Deadline: 31.05.2024