27.01.2021

„Der höchste Feiertag des Jahres“. Kaisers Geburtstag

Kaiserzeitliche 5-Mark-Silbermünze, gepresst 1888-1908. Diese Münze wurde als Votivgabe der Muttergottes von Lünen geopfert. Foto: Archiv für Alltagskultur, 0000.26607.

Christiane Cantauw

 

„Das war selbstverständlich der höchste Feiertag des Jahres“, erinnert sich der 1903-1906 zur Lehrerausbildung eine Präparandie im münsterländischen Langenhorst besuchende Heinrich Mevenkamp, dessen Lebenserinnerungen im Alltagskulturarchiv bewahrt werden. Doch auch wenn es dem angehenden Volksschullehrer angesichts der Feierlichkeiten als selbstverständlich erscheinen wollte: Ein offizieller, ein gesetzlich verfügter Nationalfesttag war der Kaisergeburtstag nicht – weder der Kaiser Wilhelms II. am 27. Januar noch zuvor der seines Großvaters Wilhelm I. am 22. März.

Mevenkamp erinnert sich in Bezug auf die Feier des 27. Januar 1904 an eine „amtlich vorgeschriebene Feier auf der Aula“. Weitaus erfreulicher war für die Seminaristen seinerzeit aber der am Nachmittag dieses Tages offenbar übliche gemeinsame Gang zur „Herrlichkeit“, einer an der Ems gelegenen Kaffeewirtschaft. Im Vorfeld waren für einen Umtrunk hier von jedem Seminaristen zehn Pfennig eingesammelt worden. Dafür bekamen die angehenden Lehrer jeweils eine Flasche Bier: „Offiziell wurde ja auch nicht mehr getrunken“, merkt Mevenkamp dazu an.

Sowohl der Spaziergang zur „Herrlichkeit“ als auch das Festprogramm in der Aula, das Mevenkamp leider nicht eingehender beschreibt, waren Bestandteile der auch schon vor 1871 in Preußen üblichen Herrschergeburtstagsfeiern, zu denen ein Hoffest in Berlin ebenso gehörte wie Kirchen- und Schulfeiern sowie Spaziergänge und öffentliche Vergnügungen wie Bälle und Festessen. Die Gewerbeordnung für den Norddeutschen Bund vom 21. Juni 1869 enthielt ein zivilrechtliches Arbeitsverbot für Feiertage, das hier griff.

Auch in den Städten des Deutschen Kaiserreichs wurde der Geburtstag des Monarchen gefeiert. In den Chroniken der Stadt Münster ist von katholischen, aber auch evangelischen Festgottesdiensten, von Militärparaden, Festakten an den Schulen, Feiern der Akademie mit Festreden des Rektors und von nachmittäglichen Festessen im Rathaussaal für geladene Bürgerinnen und Bürger die Rede. Mindestens im Jahr 1900 waren wohl auch die Straßen und Plätze beflaggt und die öffentlichen Gebäude illuminiert.  

Das Konterfei des Kaisers (in diesem Fall Wilhelm II., daneben Kaiser Franz Joseph I. von Österreich) war den Untertanen nicht nur durch den alltäglichen Zahlungsverkehr geläufig. Es fand sich ebenso auf Postkarten oder alltäglichen Gegenständen wie dieser Porzellanschale. Inschrift: „Gott mit uns“. 1914/15, Iserlohn. Foto: Archiv für Alltagskultur, 0000.22582.

Einen Einblick in das schulische Festprogramm liefern zwei Programme „zur Feier des Geburtstages Sr. Maj. Kaiser Wilhelms II“ aus den Jahren 1915 und 1916, die ebenfalls im Alltagskulturarchiv überliefert sind. Beide Feiern liegen zeitlich im Ersten Weltkrieg, was sich auch auf die Auswahl der Gedichte und Lieder auswirkte, die von den Schülerinnen der Höheren Mädchenschule in Lünen vorgetragen wurden: Die Gedichte „Gebet des deutsche Wehrmanns“ von Hans Schmidt-Kestner (1882-1915) oder „Im Felde“ von Bernhard Schäfer waren ebenso dabei wie die von Chören vorgetragenen Lieder „Stolz weht die Flagge“ (Text: Norbert Lindner, Musik: R. Thiele), das „Hindenburglied“, als dessen Urheber im Programm von 1916 W. Geyr angegeben wird, und selbstverständlich auch die inoffizielle Nationalhymne des Kaiserreichs „Heil Dir im Siegerkranz“. Das letztgenannte Lied wurde offenbar als so bekannt erachtet, dass der Urheber des Textes, Heinrich Harries, nicht einmal genannt wird.

Das Hindenburglied, über dessen Urheber (Text und Musik) musikhistorisch keineswegs Einigkeit herrscht, verbreitete den Mythos um die sogenannte Schlacht bei Tannenberg (1914) und den dortigen Sieg der Kaiserlichen Truppen unter der Führung des Generals Paul von Hindenburg. Seine Aufnahme in das Festprogramm von 1916 zeugt von einem im Deutschen Kaiserreich weit verbreiteten Nationalismus und den zugehörigen nationalen Mythen, die angesichts der festgefahrenen Fronten im Stellungskrieg den Durchhaltewillen und den Glauben an einen Sieg befördern sollten.

Das Lied „Der Kaiser ist ein lieber Mann“ nach einer Melodie von Wolfgang Amadeus Mozart findet sich übrigens in keinem der beiden Festprogramme. Dieses Lied galt wohl für die Höhere Mädchenschule als zu kindlich, war es doch Liedgut, welches im Deutschen Kaiserreich bereits in den Kinderverwahranstalten oder spätestens im ersten Schuljahr gesungen wurde, wie eine Gewährsfrau des Alltagskulturarchivs aus Mülhausen betont: „Letzteres [das Lied ‚Der Kaiser ist ein lieber Mann‘] ward schon im ersten Schuljahr verlangt“. Und eine andere Gewährsperson aus Dortmund erinnert sich daran, das Lied in einer von evangelischen Ordensschwestern geleiteten Kinderverwahrschule gelernt zu haben.

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Schlagworte: Kaiserzeit · Christiane Cantauw