„Der schönste Tag des Lebens“: Erstkommunion am Weißen Sonntag

09.04.2021 Dorothee Jahnke

Foto: Christiane Cantauw, Kommission Alltagskulturforschung.

Christiane Cantauw

 

Sonntag, der 19. April 1903, war für die katholisch getaufte Luise Witte aus Lingen ein wichtiger Tag: Sie empfing zum ersten Mal das Sakramet der heiligen Kommunion. Die Erinnerung an diesen Initiationsritus liegt im Alltagskulturarchiv in Form von zahlreichen Glückwunschkärtchen vor, wie sie um die Wende zum 20. Jahrhundert üblich waren. Verwandte, Freundinnen, Freunde der Familie, aber auch der Pastor und Caplan Hanewinkel gratulierten Luise zur „ersten heiligen Communion“ und widmeten dem Andenken an „den schönsten Tag des Lebens“ mannigfaltig gestaltete Druckgrafiken mit religiösen Motiven.

Die kirchliche Feier des erstmaligen Sakramentempfangs etablierte sich in der römisch-katholischen Kirche im 17. Jahrhundert. Bis zum 19. Jahrhundert setzte sich dieses Ritual allgemein durch. Als Termin für die Erstkommunionfeiern erfreute sich in vielen Kirchengemeinden der „Weiße Sonntag“ großer Beliebtheit. Diese Bezeichnung für den zweiten Sonntag der Osterzeit geht auf die weiße Bekleidung der in der Osternacht Getauften zurück, die diese die gesamte Woche während der Gottesdienste trugen und am Sonntag nach Ostern, dem Weißen Sonntag, wieder ablegten.Dass die Erstkommunion 1903 in Lingen kein rein kirchliches Fest mehr war, belegen die vielen Glückwünsche, die Luise erhielt. Die meist 8 x 13 cm und 5 x 12,5 cm großen Kärtchen zeigen zwar eine große Bandbreite an religiösen Motiven – Darstellungen von Jesus, Maria, Engeln, Kreuzen oder Hostien –, es finden sich aber auch Kärtchen mit Blumenschmuck oder einer Kombination aus beidem. Bei einem Teil dieser Andenken handelt es sich um Einblattdrucke; darüber hinaus liegen auch Klappkarten oder kleine Heftchen vor, in denen für das Fest passende Gebete abgedruckt sind. Prägedruck, aufwändig kolorierte Lithografien, Goldauflage, dekorative Rahmungen und ausgestanzte Ränder betonen die hohe Wertigkeit der Papierprodukte.

Alle Kärtchen sind mit Widmungen versehen; die Übersender wollten sich damit Luise und ihrer Familie in Erinnerung halten. Ähnlich wie durch die Einträge in Stammbücher oder Poesiealben wurden durch die Glückwünsche Kontakte geknüpft und bestätigt – heute würden wir sagen, sie dienten dem Netzwerken.

Ein wichtiges Element der Erstkommunionfeiern waren die festlichen Kleider der Kommunionskinder. Auch daran erinnert eine der Glückwunschkarten. Die sehr aufwändig gestaltete Karte im Format 7 x 11 cm – es handelt sich um ein Spitzenbild mit applizierter Papierfaltung aus Pergament – zeigt eine Erstkommunikantin mit Schleier und langem weißem Kleid. In ihren Händen hält sie ein Gesangbuch sowie eine Stabkerze. Die handschriftliche Widmung auf der Rückseite lautet: „Zum Andenken an die erste hl. Communion gewidmet von deiner dich liebenden Anna Schröder“.

Ähnlich wie weiße Brautkleider wurden weiße Kommunionkleider bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts überwiegend in adeligen und gut situierten bürgerlichen Kreisen getragen. Alle anderen Mädchen trugen zur Erstkommunion – auch hier die Parallele zur Hochzeitskleidung – lange dunkle Kleider. In den 1930er Jahren hatten sich dann jedoch überall die prächtigen weißen Kleider durchgesetzt, die uns heute so geläufig sind.

Beim Empfang der Erstkommunion dürfte Luise zwischen zwölf und 14 Jahren alt gewesen sein. Im Kommunionunterricht, der etwa drei Monaten dauerte und von einem der Pfarrgeistlichen erteilt wurde, war sie auf diesen Tag vorbereitet worden, der ihre Aufnahme in die Mahlgemeinschaft der Gläubigen besiegelte. Schriftliche Materialien für den Vorbereitungsunterricht lagen seit Ende des 19. Jahrhunderts gedruckt vor, z. B. das von dem katholischen Theologen und Pfarrer Franz Xaver Fecht (1842-1909) verfasste, 1902 in Donauwörth verlegte Buch „Der weiße Sonntag. Belehrungen und Gebete für Erstkommunikanten und die gesamte Jugend, welche würdig und mit Nutzen kommunizieren will. Mit einer Beigabe: Unterricht und Gebete für Firmlinge und Gefirmte“, das nach Fechts Tod bis in die 1930er Jahre erschien und in verschiedenen Ausgaben Millionenauflage erreichte.

Nicht nur in dieser Publikation werden die Erstkommunikanten als Jugendliche angesprochen. Auch in ihren Familien hatten die Mädchen und Jungen mit der Erstkommunion eine neue Entwicklungsstufe erreicht; dieser Umstand zeigte sich in Verhaltensmaßregeln, die ihnen die Erwachsenen mit auf den Weg gaben. Kindliche oder gar kindische Verhaltensweisen wurden nun mit dem Hinweis getadelt, dass ein Kommunionkind „so etwas“ nicht tue oder sage. Dieses Verhalten richtete sich in Ansätzen noch an der Bedeutung der Erstkommunion als „Übergangsritual“ in eine andere Lebensphase aus, fiel doch die Erstkommunion um die Wende zum 20. Jahrhundert zeitlich vielfach mit dem Schulabschluss zusammen. Papst Pius X. setzte dem mit dem Dekret Quam singulari im Jahre 1910 ein Ende, indem er die anni discretionis, also die Jahre des Vernunftgebrauchs, auf das Alter ungefähr ab dem siebten Lebensjahr, manchmal etwas später, jedoch auch früher, festlegte. Für das Kind begann von dieser Zeit an die Pflicht, dem Doppelgebot der Beichte und der Kommunion nachzukommen.

In Folge des päpstlichen Dekrets setzte sich die vielfach als „Frühkommunion“ bezeichnete Erstkommunion im Alter von neun bis zehn Jahren durch.

Der Tag, an dem sie zum ersten Mal das Sakrament der heiligen Kommunion empfangen, ist im römisch-katholischen Leben der erste kirchliche Termin, den Kinder bewusst erleben und im Gedächtnis behalten. Erinnerungsstücke an diesen besonderen Anlass werden oft über Jahre oder gar lebenslang aufbewahrt. Eines der Luise zugedachten Andenken enthält unter anderem das Gedicht „Der schönste Tag“, dessen Autorschaft, da nur die Initialen J. B. angegeben sind, im Dunkeln bleibt. Eine Strophe beschwört Luises Erstkommunionstag als Glückstag und fordert sie auf:

„Mein Kind, o denke oft zurück
An diesen Tag, an dieses Glück,
Bewahr‘ dein Herz stets fromm und rein,
So wirst du immer glücklich sein.“