06.04.2021

Vom Köggebüren – oder: Wie es einst um die Haltungsbedingungen des Rindviehs stand

Altwestfälische Kuh. Abbildung aus Hermann Landois, Westfalens Tierleben in Wort und Bild, Bd. 1, Paderborn 1883, S. 101.

Christof Spannhoff

 

Wissen Sie, was man unter „Köggebüren“ versteht? Nein? Grämen Sie sich deswegen nicht! Das ist keine wirkliche Bildungslücke. Denn die mit diesem Begriff verbundene Tätigkeit gibt es schon seit über einem Jahrhundert in dieser Form nicht mehr. Übersetzt bedeutet der plattdeutsche Ausdruck so viel wie „Küheheben“, zum ostwestfälischen Mehrzahlwort Kögge ‚Kühe‘ und dem Verb büren ‚heben‘. Die Vorstellung, dass Kühe ‚gehoben‘ werden, mag vielleicht heute etwas merkwürdig anmuten und an extreme TV-Unterhaltungsformate erinnern. Doch stellte das „Köggebüren“ bis mindestens in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein ein in Westfalen weit verbreitetes Phänomen dar.

Damals waren der Viehhaltung noch enge Grenzen gesteckt. Insgesamt herrschte überwiegend das Rindvieh vor. Im Kernmünsterland waren 1818 nur etwa 13.000 Schweine gegenüber 55.000 Rindern zu finden. Mehr als Dreiviertel des gesamten Nutztierbestandes machten Rinder auch im Westmünsterland aus. Die Fütterung des Viehs ging seinerzeit Hand in Hand mit den regionalen Verhältnissen des Ackerbaus: Nach der Privatisierung der Gemeinheitsflächen konnten die Tiere nur auf den brachliegenden Feldern geweidet werden und wurden im Herbst auf die abgeernteten Äcker zur „Stoppelweide“ getrieben. Wiesen und Weiden, wie man sie heute kennt, waren damals noch Mangelware, weil es an Dünger fehlte und die Be- und Entwässerung durch Zuleitungen und Abzugsgräben schwierig war.

Alles in allem war dies eine recht bescheidene Versorgungslage. Futterpflanzen selbst wurden damals erst wenige angebaut, sodass sich eine effektive Stallfütterung als schwierig erwies. Im Winter musste das Rindvieh deshalb ganz kärglich mit Stroh und bestenfalls Rüben versorgt werden. Das hatte zur Folge, dass die Tiere im Frühjahr so schwach waren, dass sie am Morgen nicht aufstehen konnten, geschweige denn sich aus eigener Kraft bis zu ihrer Futterstelle zu schleppen. Daher mussten sich die Nachbarn gegenseitig beim „Köggebüren“ unterstützen. Man schob den Kühen starke Säcke unter den Bauch, vier Männer ergriffen die Enden und zogen die Tiere so weit empor, bis sie sich schließlich aus eigener Kraft erheben konnten. In seinen um 1920 niedergeschriebenen Lebenserinnerungen beschreibt der Heuerlingssohn und Landwirt Friedrich Brundiek (1833–1921) aus Lengerich-Hohne (damals Kreis Tecklenburg, heute Kreis Steinfurt) diese jährlich wiederkehrende Praxis und nachbarschaftliche Hilfeleistung.

Bei einer derart mangelhaften Versorgung sah das Rindvieh natürlich anders aus als heute. Das durchschnittliche Gewicht einer Kuh betrug zu dieser Zeit 300 bis 350 Pfund. Auch die Milchleistung der Kühe war unter solchen Voraussetzungen recht bescheiden. Sie lag damals bei etwa 1.000 Liter pro Jahr – zum Vergleich: heute geben Spitzenkühe etwa die zehnfache Menge. Das reichte zumeist nur für den eigenen Bedarf und für eine spärliche Kälberaufzucht. Hinzu kam zudem, dass die Kühe oft als Zugtiere eingesetzt wurden, weshalb sie ebenfalls weniger Milch gaben. Von einer Viehzucht im eigentlichen Sinn kann daher keine Rede sein.

Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Zuchttiere aus anderen Regionen (Ostfriesland) und dem Ausland (Niederlande, England) eingeführt und auf Tierschauen vorgestellt. Bis dahin diente den Bauern das Vieh vor allem zur Dungerzeugung, von dem in einer Zeit, in der es noch keinen mineralischen Dünger gab, der Ertrag der Felder weitgehend abhing.

Erst als Klee und Spörgel als Viehfutter vermehrt angepflanzt wurden, konnte sich die Stallfütterung zumindest teilweise durchsetzen. In Regionen mit Sandböden erfolgte das schneller als auf den Kleiböden, die dem Vieh noch eine verhältnismäßig gute Weide boten. Mit der verbesserten Futterversorgung stiegen Milchleistung und Schlachtgewicht der Tiere, weshalb sich auch der Viehbestand vergrößerte. Hinzu kam eine wachsende Nachfrage nach Milchprodukten aus dem sich entwickelnden Ruhrgebiet. Ferner wurden am Ende des Jahrhunderts durch Molkereien die Voraussetzungen dafür geschaffen, Milchprodukte haltbar und damit auch überregional vermarktbar zu machen.

Die Zahl der Schweine – fast ausschließlich Landschweinrassen – war zu jener Zeit sehr gering. Sie wurden fast nur für den Eigenbedarf gehalten. Auch das änderte sich mit dem Import englischer Schweinerassen zur Zucht seit der Mitte des Jahrhunderts.

Zum Viehbestand gehörten darüber hinaus Schafe, die Wolle und Dung lieferten. Größere Herden fanden sich allerdings nur in ausgedehnteren Heidegebieten. Die recht anspruchslosen Heidschnucken wurden hauptsächlich von Kleinbauern gehalten und fanden sich am Südrand des Teutoburger Waldes und auf den Heideflächen des Kernmünsterlandes.

Ein „Pferdeland“ wie heute war Westfalen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenfalls noch nicht. Genutzt wurden die Pferde vorwiegend als Zugtiere. Doch auch damals besaßen diese Tiere ein besonderes Prestige für ihren Besitzer. Deshalb waren hier bereits Ende des 18. Jahrhunderts Zuchtversuche unternommen worden. Allerdings erst der Einfluss des 1826 eingerichteten preußischen Landgestüts in Warendorf und des „Vereins zur Verbesserung der Pferdezucht im Regierungsbezirk Münster“ führten seit Mitte des Jahrhunderts zu systematischen Zuchtbemühungen der Bauern. Anreiz stellte zudem die Möglichkeit des lukrativen Verkaufs guter Pferde an die preußische Armee dar.

Mit der Steigerung des Futterbaus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den Zuchtbemühungen durch die Bauern gehörte das „Köggebüren“ der Vergangenheit an. Es erinnert heute an eine Zeit, in der die Haltungsbedingungen für Vieh noch weit von den heutigen Maßstäben entfernt war, aber auch an frühere Formen der nachbarschaftlichen Hilfe auf dem Lande.

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Schlagworte: Christof Spannhoff · Tiere