13.08.2019

Runkeln wie Gummibälle

Mancher Weidebrunnen wie hier auf dem Hof Wibbeling in Ostenwalde bei Hopsten fiel im Dürresommer 1959 trocken. Bildarchiv Emslandmuseum Lingen.

Runkeln wie Gummibälle

Erinnerungen an den Dürresommer 1959

Andreas Eiynck

Jede Erinnerung braucht Markierungen. Was das Wetter betrifft, so war dies lange Jahre der „Jahrhundertsommer“ 1959. „Das heißteste Jahr seit 1959“ oder „der trockenste Sommer seit 1959“ hieß es noch viele Jahre. Und das wohl zu Recht. Denn schon im April herrschten außergewöhnlich hohe Temperaturen und am 9. Juli verzeichnete man im Münsterland 34 Grad im Schatten, den Spitzenwert für diese Jahreszeit.

Nach dem „Jahrhundertsommer“ 1947 mit Rekordtemperaturen brachte das Jahr 1959 aber neben Hitze vor allem eine lang anhaltende Trockenheit. So blieb 1959 vor allem als „Dürrejahr“ in Erinnerung. Zu den am stärksten betroffenen Gebieten zählte das Münsterland, wo von Mai bis Oktober kaum Niederschläge fielen. Eine Lokalzeitung meldete: „Unschätzbare Dürreschäden im Kreis Tecklenburg: Verdorrte Wiesen, staubtrockenes Land, kein Futter“. Viele Bauern versuchten, ihre Viehbestände wegen Futtermangel zu reduzieren und die Milchproduktion ging drastisch zurück.

Die Ernte auf den Feldern vertrocknete und besonders bei den Runkelrüben, damals noch eine wichtige Futterpflanze, gab es große Ertragseinbußen. „Die Runkeln fühlten sich an wie Gummibälle, weil die Rüben nicht genügend Wasser aufnehmen konnten“, erinnert sich eine Zeitzeugin. Auch bei den Kartoffeln, damals noch ein Grundnahrungsmittel, ging die Ernte hinsichtlich Menge und Qualität stark zurück.

Auf den kleinen landwirtschaftlichen Betrieben, besonders bei den Heuerleuten, hatte man seinerzeit noch nicht überall einen Motor für die Wasserpumpe. Dort musste das Wasser für Haushalt, Garten und Vieh mit der Hand gepumpt werden. Wenn der Brunnen nicht ganz versiegte. Dann musste man das Wasser mit Eimern oder Milchkannen per Schiebkarre vom nächsten Bauern holen.

Die Heuerlingsfamilie Feismann in Schapen bei Rheine baute 1959 ein eigenes Haus. Der Beton für die Zwischendecke wurde, wie damals noch üblich, selber vor Ort angemischt. Das gesamte dazu nötige Wasser mussten Feismanns mühsam mit der Hand aus dem Brunnenloch pumpen, denn an ihrem abgelegenen Bauplatz gab es keine Wasserleitung. Doch damit war es noch nicht getan. Später musste auch noch Wasser auf die Decke gegossen werden, damit sich bei der Hitze und Trockenheit keine Risse bildeten.

In Recke versiegten damals aufgrund von Bergschäden aus dem Ibbenbürener Steinkohlenbergbau zahlreiche Weidebrunnen und Pumpen. Das Bergwerk ließ Weidetränken an die betroffenen Landwirte verteilen, die mit einem Tankwagen befüllt wurden.

Viele Bäche versiegten und die Ems hatte ihren niedrigsten Wasserstand seit Menschengedenken. Die Talsperren im Sauerland leerten sich zusehends und in manchen Städten musste das Trinkwasser rationiert werden.

In den Moorgebieten entstanden zahlreiche Moorbrände, die bis zum Einsetzen ergiebiger Regenfälle im Herbst nicht gelöscht werden konnten. So endete 1959 auch der industrielle Torfabbau im Weißen Venn bei Coesfeld, nachdem die letzten verbliebenen Torfvorkommen bei einem Moorbrand weitgehend zerstört wurden.

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Schlagworte: Andreas Eiynck · Landwirtschaft · Jahreszeiten · Nachkriegszeit