29.06.2021

„Fröhliche Fremdlinge“ und „tätowirte Kannibalen“. „Völkerschauen“ im alten Zoo Münster

Das Ensemble der Zurschaustellung „John Hagenbeck’s Süd-Indien“ 1925 im alten Zoo Münster. Foto: Hermann Reichling © LWL-Medienzentrum für Westfalen.

Christin Fleige

Lediglich der alte Eulenturm und einige andere Mauerreste erinnern heute noch daran, dass sich der Münsteraner Zoo bis vor knapp 50 Jahren nicht an der Sentruper Straße, sondern auf dem Gelände zwischen Himmelreichallee und Promenade an der Aa befand. 1875 wurde der „Westfälische Zoologische Garten“ auf Initiative des Zoologen und Theologen Hermann Landois (1835–1905) als erster Tiergarten Westfalens eröffnet. Er musste 1973 dem Neubau der Westdeutschen Landesbausparkasse weichen und wurde ein Jahr später als „Allwetterzoo“ an anderer Stelle neu eröffnet.

Ein wenig rühmliches und weitgehend in Vergessenheit geratenes Kapitel in der Geschichte des alten Zoos ist die Präsentation sogenannter Völkerschauen zwischen 1879 und 1928. Diese öffentlichen Zurschaustellungen „exotischer“ indigener Menschen z.B. aus Afrika, Nordamerika, Australien und auch Nordeuropa waren seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein in Europa und den USA weit verbreitetes Phänomen, das eng mit dem europäischen Kolonialismus und Rassedenken zusammenhing. Die Veranstalter solcher Schauen, zu denen u.a. der Hamburger Zoodirektor und Tierhändler Carl Hagenbeck (1844–1913) gehörte, ließen Gruppen indigener Menschen über Monate oder sogar Jahre hinweg unter der Aufsicht sogenannter Impresarios durch Europa und Nordamerika reisen und vermeintlich authentische kulturspezifische Tätigkeiten und Fertigkeiten vorführen. In vielen deutschen Städten zogen die „Völkerschauen“ während der Kaiserzeit und der Weimarer Republik regelmäßig ein Massenpublikum an – so auch in Münster, wo über einen Zeitraum von 49 Jahren mindestens 20 solcher Veranstaltungen auf dem Gelände des alten Zoos stattfanden.

Ablauf, Wirkung und Rezeption dieser Veranstaltungen lassen sich unter anderem durch die zeitgenössische Presseberichterstattung nachvollziehen. Für die „Völkerschauen“ im Münsteraner Zoo, die in der Regel zwischen fünf Tagen und zwei Wochen lang gezeigt wurden, sind Ankündigungen, Berichte und Werbeanzeigen in lokalen Tageszeitungen wie dem Münsterischen Anzeiger und dem Westfälischen Merkur zu finden. So machten die Zeitungen die „Völkerschauen“ auch im Alltag derjenigen präsent, die sich die Zurschaustellungen nicht selbst im Zoo ansahen. Als historische Quellen dokumentieren sie den europäischen Blick auf das „Fremde“, während die Perspektive der zur Schau gestellten Menschen im Dunkeln bleibt.

 

Einen großen Platz nahm in der Berichterstattung die Beschreibung der physischen „Andersartigkeit“ dieser Menschen ein: Hautfarbe, Körperbau, Kleidung und Körperschmuck wie Tätowierungen wurden als „exotisch“, „primitiv“ und als Ausdruck der angeblichen Unterlegenheit interpretiert. Auch die vorgeführten Tätigkeiten und Fertigkeiten wurden beschrieben und kommentiert, wobei der Großteil der in Münster gezeigten Inszenierungen einem genau festgelegten, für alle Stationen der Tournee einheitlichen Programm folgte. Typische Elemente waren tänzerische und musikalische Darbietungen, Kampfszenen und Vorführungen „exotischer“ Tiere, die ebenso wie weitere Requisiten, z.B. Hütten, Zelte und Palmen, eine vermeintlich authentische Kulisse schaffen sollten. Oftmals spiegelt sich in den Berichten eine Mischung aus Überlegenheitsgefühl, Faszination und z.T. auch Anerkennung wider. So berichtete z.B. der Münsterische Anzeiger 1896 im Rahmen der Zurschaustellung der „Samoa-Karawane“ über ein „Festmahl wirklich primitivster Art“, für das ein ganzes Schwein „nach der Wilden Art“ in einem Erdofen zubereitetet wurde. Abschließend heißt es: „Wir haben auch von dem Braten und den Kartoffeln gekostet und müssen gestehen, daß wir einen saftigeren Braten noch nicht gegessen haben.“

Werbeanzeige für eine „Ostafrikanische Karawane“, Münsterischer Anzeiger, 02.05.1894. Online abrufbar über das Zeitungsportal NRW (www.zeitpunkt.nrw).

Tatsächlich boten die „Völkerschauen“ einem Teil des europäischen Publikums erstmals die Möglichkeit der Begegnung mit außereuropäischen Menschen und Kulturen. Direkte Kontaktaufnahmen zwischen Besucher:innen und zur Schau gestellten Menschen wurden in den Münsteraner Zeitungsberichten mehrfach z.B. in Form von Kommunikationsversuchen oder dem Austausch von Geschenken wie Zigarren, Tabak oder Kleidungsstücken erwähnt. Solche Kontakte wurden jedoch nicht von allen Zeitgenoss:innen gutgeheißen, und manche sorgten sich sogar um das Wohlergehen des Publikums: Der Münsterische Anzeiger druckte z.B. 1896 einen Leserbrief, in dem ein Besucher eine Gefährdung des Publikums durch das Ballspiel der „Samoaner-Truppe“, bei dem ein Zuschauer durch einen Ball am Kopf verletzt worden war, anprangerte.

Welch menschenunwürdige Behandlung viele der zur Schau gestellten Menschen erfuhren, offenbart sich nur selten, etwa wenn der damalige Zoodirektor Hermann Landois 1885 im Münsterischen Anzeiger in einem als „Ethnographische Gelegenheits-Beobachtungen“ betitelten Bericht über eine Gruppe australischer Indigener schreibt: „[...] in Kurzem wird der Eine nach dem Andern gestorben und [der Impresario] Mr. Cunningham schließlich der einzig überlebende lachende Erbe sein. [Er] machte mir gegenüber auch gar kein Hehl daraus, daß er nicht im geringsten beabsichtige, die Wilden wieder in ihre Heimath zurückzuführen, vielmehr sie als Opfer seiner Geldgier bis zum letzten Athemzuge auszunutzen.“ Der US-Amerikaner Robert A. Cunningham (1837–1907) war für sein skrupelloses Vorgehen bei der Organisation von „Völkerschauen“ bekannt: Für besagte Schau verschleppte er mindestens acht Indigene, von denen die Hälfte zum Zeitpunkt der Vorführung in Münster bereits aufgrund mangelhafter Versorgung gestorben war.

Werbeanzeige für die Zurschaustellung der „Austral-Ureinwohner“, Münsterischer Anzeiger, 22.07.1885. Online abrufbar über das Zeitungsportal NRW (www.zeitpunkt.nrw).

Während das Geschäftsmodell Cunninghams ein besonders grausames Beispiel darstellt, erfolgte die Anwerbung der indigenen Menschen in der Regel mit deren Einwilligung; Verträge legten die Dauer des Aufenthalts, Arbeitszeiten, Aufgaben und Gehalt fest. Dennoch ist anzuzweifeln, inwieweit die Angeworbenen eine Vorstellung davon hatten, was sie tatsächlich erwartete. Viele kamen z.B. aus Interesse am Warenaustausch oder Abenteuerlust weitgehend unvorbereitet nach Europa, wo sie u.a. mit ihnen unbekannten klimatischen Verhältnissen, Ernährungsgewohnheiten und Krankheiten konfrontiert waren. Dass Darsteller:innen verstarben, war daher keine Seltenheit. Diejenigen, die die „Völkerschauen“ überlebten, kehrten in ihre Heimat zurück oder versuchten sich in Europa ein selbstständiges Leben z.B. als professionelle Schausteller:innen aufzubauen.

Werbeanzeige für „Hagenbeck’s Süd-Indien“, Münsterischer Anzeiger, 10.05.1925. Online abrufbar über das Zeitungsportal NRW (www.zeitpunkt.nrw).

Während die zur Schau gestellten Menschen von den Veranstaltern in erster Linie als finanziell gewinnbringende Objekte angesehen wurden, betonte man in der Außendarstellung die wissenschaftliche Bedeutung der Schauen. Auch in der Münsteraner Berichterstattung wurde immer wieder auf den angeblich edukativen Wert der „ethnographischen Schaustellungen“ hingewiesen und der Besuch z.B. für Schulklassen ausdrücklich empfohlen. Die Werbeanzeigen, die von der Zoo-Direktion in der Lokalpresse geschaltet wurden, lassen jedoch auch erkennen, dass neben dem Versprechen der Bildung vor allem Sensationslust und Sehnsucht nach Exotik angesprochen werden sollten: Die Werbeanzeigen zielten wahlweise auf den „malerischen Reiz“ des „Exotischen“ oder auf die vermeintliche Unzivilisiertheit, ja Monstrosität des „Fremden“ ab. So wurden beispielsweise die Samoaner:innen als unmündige, „allzeit fröhliche Fremdlinge“ beschrieben, während die australischen Indigenen als „tätowirte Kannibalen“ beworben wurden. Ergänzt wurden die Anzeigen in einigen Fällen außerdem durch klischeebehaftete Abbildungen. Nicht nur die Zurschaustellungen selbst, sondern auch die Zeitungsberichte und Werbeanzeigen trugen so zur Reproduktion und Verbreitung rassistischer Bilder im Alltag bei.

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Schlagworte: Kaiserzeit · Christin Fleige · Weimarer Republik