Mit Kapitän Prehn auf der „Sierra Córdoba“: Die 10. Norwegenfahrt der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“

30.05.2023 Niklas Regenbrecht

Christiane Cantauw

„So fahret denn hin in die Heimat und kündet von der Märchenwelt des hohen Nordens“, heißt es in der Sonder-Ausgabe der Bordzeitung des Dampfers Sierra Córdoba zum Abschluss einer einwöchigen Seereise nach Norwegen. Ausgelaufen war das 156 Meter lange und 20 Meter breite Dampfschiff des Norddeutschen Lloyd am 11. September 1935 um 12.12 Uhr vom Kolumbushafen in Bremerhaven Richtung Norwegen. Um 14.45 Uhr ließ man das Weser-Feuerschiff hinter sich und befand sich fortan auf hoher See. Um 16.15 Uhr passierte die Sierra Córdoba Helgoland. Norwegen würde am Nachmittag des Folgetages in Sicht kommen.

Die nationalsozialistische Organisation „Kraft durch Freude“ veranstaltete 1935 eine einwöchige Seereise mit dem Dampfer Sierra Córdoba entlang der norwegischen Küste, an der auch das Ehepaar Bülskämper aus Nottuln teilnahm. (Foto: Archiv für Alltagskultur)

Für die 1.171 Seemeilen waren sechs Tage eingeplant. Mit An- und Abreise waren die Urlauber:innen also acht Tage unterwegs. Unter den mehr als 1.000 Passagieren (insgesamt 497 Kabinen im Vor-, Mittel- und Hinterschiff, die mit zwei oder vier Betten ausgestattet waren) befanden sich auch Max und Erna Bülskämper aus dem münsterländischen Nottuln, auf deren akribischer Dokumentation dieser Reise, die im Archiv für Alltagskultur verwahrt wird, dieser Beitrag beruht.

Veranstaltet wurde die Seereise nach Norwegen von der 1933 gegründeten NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude (KdF), einer Abteilung der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Die KdF, die offiziell angetreten war, allen Deutschen die Teilhabe an Urlaubs- und Erholungsreisen zu ermöglichen, war gauweise organisiert. Jeder Gau stellte eigene Reiseprogramme auf, die sich gauübergreifend aber durchaus ähnelten. Neben eintägigen Kurz- und Wanderreisen wurden auch mehrwöchentliche Urlaubsfahrten angeboten. Seereisen gehörten seit Mai 1934 zum KdF-Prgramm. Ziele dieser Reisen waren zunächst der Nordatlantik und Norwegen, später auch Italien, Spanien, Portugal und Madeira, die Azoren und Teneriffa.

 

Obwohl die KdF die Seereisen als „Arbeiter-Urlaubsfahrten zur See“ bewarb, war der Anteil der Arbeiter:innen unter den Passagier:innenen solcher Reisen verschwindend gering. (Foto: Archiv für Alltagskultur)

Von der Abfahrt vom Münsterschen Bahnhof bis zur Rückkehr dorthin war die Norwegenreise der Bülkskämpers offenbar detailliert durchgeplant: Der für sie gebuchte Sonderzug 34 b fuhr um 11.30 Uhr in Münster ab. Zuvor hatte er die Bahnhöfe Wetter, Witten-West, Dortmund und Hamm angefahren. Nach einem 34-minütigen Halt in Münster ging es weiter über Osnabrück und Bremen. In Bremen standen nach einem gemeinsamen Mittagessen im Lloyd-Heim eine Stadtbesichtigung und eine Hafenrundfahrt an, bevor es zur Einschiffung in den Kolumbushafen ging, der um 18.31 Uhr erreicht werden sollte. Jede:r Reisende erhielt für die Reise einen ansichtskartengroßen, farbigen Ausweis, der auf Verlagen dem Reiseleiter vorzuzeigen war. Die Einschiffung auf der Sierra Córdoba begann bereits am 10. September 1935. Die Reisenden waren darüber informiert, welchen der drei Aufgänge sie zu nutzen hatten. Ob das Auslaufen des Schiffes eventartig ausgestaltet wurde, lässt sich aus den Unterlagen nicht ableiten. Angesichts der Öffentlichkeitswirksamkeit ist aber davon auszugehen, dass es eine propagandistische Inszenierung mit Marschmusik, Parteiprominenz und fahnenschwenkenden Menschenmassen gegeben hat.

Jede:r Teilnehmer:in der KdF-Reise erhielt einen eigenen „Ausweis“ für die Sonderzugfahrt nach Bremerhaven. (Foto: Archiv für Alltagskultur)

Bülskämpers, denen die Kabine 467 zugeteilt worden war, sollten sich über Aufgang 3 auf das Hinterschiff begeben. Für ihre Mahlzeiten (Frühstück, Mittagessen, Kaffee, Abendessen und spätabendlicher Imbiss) waren ihnen „Ausgabe 4“, Tisch 11, Platz 55 und 57 im hinteren Rauchzimmer zugewiesen worden. Am ersten Abend, an dem der Dampfer noch im Kolumbushafen lag, stand „Lammragout mit Gemüsen und Kartoffeln“ auf dem Speiseplan. Dazu wurden Butter und Brot gereicht und Tee ausgeschenkt. Um 22 Uhr konnten sich die Reisenden darüber hinaus noch mit „belegte(n) Schnittchen“ stärken.

Die auf dickes Papier gedruckten Menükarten sollten einen Eindruck von Exklusivität erwecken. (Foto: Archiv für Alltagskultur)

Sieht man sich die von den Bülskämpers aufbewahrten Menükarten an, so entsteht der Eindruck, einer durchaus ambitionierten Verpflegung der Reiseteilnehmer:innen: Mittags und abends wurde je eine warme Mahlzeit serviert, die aus zwei bis drei Gängen bestand. Gefüllte Kalbsbrust, gebratenes Kabeljaufilet, Kalbsfrikassee, Sauerbraten oder eine Rahmsuppe „Königinnen Art“ standen während der Seereise auf dem Speiseplan, der aber teils auch einfachere Gerichte wie „Weiße Bohnensuppe“ oder „Hausmacher Bratwurst“ enthielt. Zum Kaffee am Nachmittag mussten die Reisenden mit Platenkuchen vorliebnehmen, die in der gewünschten Menge (weit über 1.000 Portionen für Passagiere und die 287-köpfige Besatzung) wohl einfacher und schneller herzustellen waren. Es gab Butterkuchen, Streuselkuchen oder Rosinenstollen und Wickelkuchen. Alkoholische Getränke waren im Reisepreis offenbar nicht inkludiert, wohl aber wahlweise Tee, Kaffee und zum Frühstück auch Kakao. Auf Wein, Bier und Spirituosen musste trotzdem niemand verzichten. Sie konnten in der Bar gesondert bestellt werden: Für 1,40 Reichsmark beispielsweise eine Flasche Bernkasteler Moselwein oder ein Glas Korn für 10 Pfennige.

Die Preisliste für Getränke und Tabakwaren auf dem Lloyd-Dampfer Sierra Córdoba galt speziell für die KdF-Reisen. Ob die Getränke subventioniert waren, ist nicht bekannt. (Foto: Archiv für Alltagskultur)

Dass die Verpflegung eine wichtige Rolle spielte, lässt sich auch der Werbung für diese Reise entnehmen. So hieß es in der Wittgensteiner Ausgabe der National-Zeitung vom 28.8.1935: „Es gibt – Bordverpflegung! – Fragt einmal eure Kameraden, die eine derartige Seereise schon hinter sich haben, was das heißt. Denn mit Stolz und Freude können wir behaupten, daß unsere Schiffahrtsgesellschaften die großzügigsten Gastgeber sind.“

Die Menükarten gewährten aber nicht nur eine Übersicht über die Verpflegung, sondern boten auch Informationen. Die Passagiere wurden über die Funktionsträger an Bord (Kapitän O. Prehn, leitende Offiziere, Stewards und Schiffsarzt), das Schiff (technische Daten), Zollbestimmungen oder über die Bedeutung grundlegender seemännischer Begriffe wie Luv und Lee, Steuerbord und Backbord aufgeklärt. Eine der Menükarten enthält auf der Rückseite eine Darstellung der übergeordneten Ziele der KdF-Seereisen, die im Gegensatz zu den eintägigen KdF-Reisen stark auf Außenwirkung abzielten: „Die deutschen Ozeanschiffe geben der Welt ein Beispiel von deutscher Kraft und Leistung, von der Zuversicht und dem Glauben, der durch das neue Deutschland geht.“ Aber auch nach innen sollte durchaus Bewusstsein geschaffen werden. Nicht von ungefähr kommt in dem Kurztext von fünf Sätzen auf 19 Zeilen achtmal das Adjektiv „deutsch“ vor.  

Angesichts des breiten Angebots an verhältnismäßig preisgünstigen Alkoholika ist es nicht weiter verwunderlich, dass es auf den KdF-Schiffen nicht selten zu Auseinandersetzungen zwischen den angetrunkenen Passagieren kam. (Foto: Kommission Alltagskulturforschung)
Die Bordzeitung und eine Sonderbeilage unter dem Titel „Walfisch“ hielten die Passagier:innen in der vom Regime gewünschten Weise über das Tagesgeschehen auf dem Laufenden. (Foto: Archiv für Alltagskultur)

Das Tagesprogramm der Reise begann mit einem Trompetensignal um 7 Uhr am Morgen. Bis zum „Barschluß“ um 23.30 Uhr wurden die Passagier:innen mit Flaggenparaden, Schallplattenübertragungen, Vorträgen, Filmen, Deckspielen, Verlosungen, Besichtigungen auf dem Schiff, Konzerten und Tanzveranstaltungen unterhalten. Landgänge waren nicht eingeplant. Ab 24 Uhr herrschte Nachtruhe. Im Tagesprogramm deutet sich ein fast schon militärischer Drill an, der Individualisierung vermeiden und Vergemeinschaftungen fördern sollte.

Über neueste Nachrichten aus dem In- und Ausland informierte auf der Sierra Córdoba die einseitige „Offizielle Bordzeitung des Norddeutschen Lloyd“. Diese „Transozean Nachrichten“ wurden „übermittelt von der Großfunkstelle der deutschen Reichspost in Nauen“. Wichtigstes Thema der Postille war in der Woche vom 11. bis 14. September 1935 der siebte nationalsozialistische Reichsparteitag in Nürnberg, dessen fünfter Tag der Hitlerjugend und der Deutschen Arbeitsfront gewidmet war. Deren Leiter, Dr. Robert Ley (1890 – 1945), gab in Nürnberg 1935 einen Zehnjahresplan für den Ausbau der KdF-Reisen bekannt: Nicht nur sollten drei neue Seebäder für ein Massenpublikum geschaffen werden, sondern es wurde auch der Bau weiterer Urlauberschiffe mit einer Kapazität von jeweils 1.500 Betten in Aussicht gestellt (Bordzeitung, 15.9.1935). 

„Der Walfisch“ war eine Sonderbeilage zur Bordzeitung, die der Unterhaltung mit Poesie und Prosa diente. (Foto: Archiv für Alltagskultur)

Hier deutet sich bereits die Schwierigkeit des Konzeptes an, denn letztlich galt es Dumpingpreise und Massentourismus mit der Sehnsucht nach Exklusivität (Seebad, Seereise) in Einklang zu bringen. Das konnte nicht gelingen, waren doch selbst niedrigste Preise für viele Menschen aus den unteren Einkommensklassen finanziell nicht zu realisieren. Ob dies der Grund dafür war, dass die Nachfrage nach den Seereisen offenbar gar nicht so groß war, ist schwer zu sagen. Zumindest wurde noch im August 1935 beispielsweise in der Velberter Zeitung (26.8.1935) und in der Nationalzeitung; Wittgensteiner Ausgabe (28.8.1935) für die am 10. September beginnende Seereise mit der Sierra Córdoba geworben.

Auch standen die organisatorischen und logistischen Herausforderungen des Massentourismus (Timeslots für die Nahrungsaufnahme, Lenkung der Passagierströme, Unterhaltungsangebote in Schichten) in einem gewissen Widerspruch zur Vorstellung von Exklusivität und Besonderheit einer Reise in ein Seebad oder auf einem Ozeandampfer. Mit den von Ley in Aussicht gestellten Vorhaben deutete sich 1935 aber bereits eine Entwicklung an, die die KdF-Reisen vom herkömmlichen Tourismusbetrieb separierten, indem beispielsweise abgelegene Gebiete als Urlaubsorte erschlossen wurden oder die KdF-Reisenden auf Dampfern und in Sonderzügen unter sich blieben. Letzteres hatte auch den Vorteil, dass hier eine größere Kontrolle durch staatliche Organe möglich war.

Eine Vielzahl von Souvenirs sollte Max und Erna Bülskämper noch lange danach an die Seereise erinnern. (Foto: Archiv für Alltagskultur)

Ob Max und Erna Bülskämper aus Nottuln sich dieser Zusammenhänge bewusst waren, ist unwahrscheinlich. Sie freuten sich vermutlich, dass der Traum von einer Seereise für sie wahr wurde: Für 49,45 Reichsmark pro Person konnten sie sich von Bord eines Schiffes aus die norwegischen Fjorde, pittoresken Fischerdörfer, mondänen Küstenhotels und schneebedeckten Berge ansehen. Sie kauften sich 14 Ansichtskarten (schwarzweiß) und eine zwölfteilige Fotoserie (ebenfalls schwarzweiß) - ebenso wie die Menükarten, die Bordzeitungen und die Reiseausweise Belege dafür, dass sie die Märchenwelt des hohen Nordens mit eigenen Augen gesehen hatten.

 

Quellen und Literatur:

Archiv für Alltagskultur, Personenbestand Bülskämper, Max, Akte: Urlaubsfahrt nach Norwegen, Sign.: K03153.0023.

Schallenberg, Claudia: KdF: „Kraft durch Freude“. Innenansichten der Seereisen, Bremen 2005.

Spode, Hasso: Some quantitative aspects of Kraft durch Freude tourism, 1934 – 1939. In: European Tourism and Culture. History and national perspectives. Athen 2007, S. 123 – 133.