Schwerpunktthema Arbeit(en): Arbeit als Kulturerbe. Der Studiengang Master Professional für Restaurierung im Handwerk an der Akademie Schloss Raesfeld

10.04.2026 Aleksandra Stojanoska

Historische Holzkonstruktionen. (alle Fotos im Beitrag: Andreas Eiynck)

Andreas Eiynck

Beim Begriff Denkmalpflege denkt man zunächst an materielles Kulturerbe wie historische Gebäude, Wandmalereien oder bedeutende Einrichtungsstücke. Zu deren Herstellung waren jedoch spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten erforderlich, die in der heutigen Handwerkspraxis gar nicht mehr oder nur noch selten zur Anwendung kommen. Dies führt bei Restaurierungen von Baudenkmälern oder historischen Objekten häufig zu Schwierigkeiten, denn wie soll man Dinge restaurieren, wenn niemand mehr die alten Techniken beherrscht?

Um diese Lücke zu schließen wurde Anfang der 1980er-Jahre an der Akademie des Handwerks auf Schloss Raesfeld im Münsterland der Studiengang „Restaurator im Handwerk“ eingerichtet und ausgestattet. Handwerksmeister und Meisterinnen aus Berufen wie Steinmetz, Maurer und Betonbauer, Zimmerleute, Tischler, Maler, Stuckateure, Raumausstatter und Polsterer, Schmiede und Metallbauer können hier seitdem die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten für den Einsatz in der Denkmalpflege erwerben. Der geschützte Studienabschluss „Restaurator im Handwerk“ wurde zunächst einem Bachelorabschluss gleichgesetzt und 2022, verbunden mit einer starken Erweiterung der Kursinhalte, zu einem „Master Professional“ erweitert. Die Ausbildung erfolgt 24 Monate lang berufsbegleitend in Theorie- und Praxisseminaren in den Werkstätten auf Schloss Raesfeld.

Dokumentation und Schadensanalyse.

Das Grundstudium ist gewerkeübergreifend ausgerichtet. Themen sind hier etwa Grundlagen der Denkmalpflege und Denkmalrecht, Bau- und Kunstgeschichte, Dokumentations- und Untersuchungstechniken, aber auch Bauphysik und Bauchemie. Für diese Zwecke stehen eine umfangreiche technische Ausstattung sowie eine Fachbibliothek zur Verfügung. Die Teilnehmer:innen werden durch das Grundstudium befähigt, Probleme und Schäden zu erkennen und zu analysieren, um dann eigenständig denkmalgerechte Lösungen zu entwickeln. Dabei ergeben sich häufig unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten, die in ihren Folgen für das Baudenkmal oder das Objekt abgeschätzt werden müssen. Am Ende kann dann in Absprache mit den Denkmalbehörden eine der Lösungen favorisiert und umgesetzt werden.

 

Der zweite Ausbildungsteil erfolgt fachbezogen in den einzelnen Gewerken. Erfahrene Meister und Fachleute aus der Restaurierungspraxis vermitteln hier den Umgang mit den historischen Materialien und die Anwendung am konkreten Objekt. Bei den Zimmerleuten sind dies zum Beispiel traditionelle Holzkonstruktionen und Holzverbindungen, bei den Tischlern etwa historische Furnier- und Oberflächentechniken, aber auch der traditionelle Fenster- und Treppenbau. Die Raumausstatter arbeiten nicht nur an Vorhängen und Wandbespannungen, sondern auch an Polstermöbeln, deren Schnürungen und Federungen eine Handwerkskunst für sich bilden. Die Stuckateure beschäftigen sich mit alten Mischungen von Gips und Mörtel, dem Modellieren von Profilen und dem freien Formen von Schmuckelementen sowie der Einfärbung von Stuckmarmor, die Maler mit historischem Farbmaterial auf verschiedenen Untergründen sowie mit traditionellen Ornamenten und Bildthemen. Wichtige Themen bei den Steinmetzen sind die Festigung von Natursteinoberflächen sowie der Gewölbebau. Die Mauerer und Betonbauer arbeiten mit historischen Mörteln und Backsteinen in unterschiedlichen Formaten und Verbänden. Besonders groß ist die Bandbreite der Aufgaben in den Metallberufen. Sie reicht von der Beseitigung von Korrosionsschäden bei Schmiedeeisen und Buntmetallen bis zur Herstellung von Damaszenerstahl.

Anders als bei der industriellen Fertigung von Bauteilen ist in der handwerklichen Restaurierung noch vieles Handarbeit. Traditionelle Werkzeuge wie Zimmermannsaxt, Schreinerhobel und Malerpinselpinsel kommen dabei ebenso zum Einsatz wie Schmiedefeuer und Amboss. Da wird geknetet, geformt und modelliert, angepasst und beigearbeitet, denn historische Bauten und Baudenkmäler kennen keine DIN-Norm.

Profile aus Stuck.

Neben den hauptamtlichen Dozenten an der Akademie verfügt der Studiengang über einen breit angelegten Dozentenpool mit Referenten aus den Denkmalbehörden und aus der Restaurierungspraxis. Viele von ihnen verfügen über langjährige Erfahrungen in diesem Bereich und können hier ihr Wissen und ihre Fertigkeiten an jüngere Kolleg:innen weitergeben.

In vielen Fällen sind bei Restaurierungen oder Reparaturen an historischen Gebäuden, Gebäudeteilen oder Mobiliar verschiedene Gewerke am gleichen Objekt gefragt. Hier hat sich die interdisziplinäre Arbeitsweise in den Kursen immer wieder bewährt. Durch die Kursgruppen, die Dozenten und die Fachgruppen Restaurator im Handwerk, in denen die fertig ausgebildeten Restauratoren im Handwerk organisiert sind, hat sich über die Jahre ein breites Netzwerk im Bereich der handwerklichen Denkmalpflege entwickelt.

Präsentation einer Projektarbeit.

Am Ende der Ausbildung steht eine umfangreiche Projektarbeit. Darin wird das jeweilige Objekt zunächst eingeordnet und in seinem Ist-Zustand umfassend dokumentiert. Hierzu gehört auch die Untersuchung und Darstellung der Objektgeschichte mit allen ihren Veränderungen. Die Schadensanalyse bildet dann die Grundlage für das Restaurierungskonzept, wobei häufig mehrere Varianten oder Alternativlösungen möglich sind. Hier muss dann abgewogen werden, welche Lösung dem jeweiligen Denkmalcharakter am ehesten entspricht. Am Ende wird die Projektarbeit in einer mündlichen Abschlussprüfung einem Expertenkreis vorgestellt und fachlich diskutiert.

Einsatzgebiete der Restauratoren im Handwerk sind die klassischen Aufgaben im Bereich der Baudenkmalpflege. Hinzu kommen Arbeiten an beweglichen Kunstobjekten und Antiquitäten wie Möbelstücken oder Metallobjekten. Auch im Bereich der Sanierung von nicht denkmalgeschützten Altbauten sind die Kenntnisse alter Handwerkspraktiken häufig vorteilhaft. Nicht selten kommt es sogar vor, dass Kunden bei Neubauten historische Bauweisen oder Dekorationen bevorzugen. Auch hier bietet sich ein breites Anwendungsfeld für traditionelle Handwerkstechniken.

Vielfalt in der Malerwerkstatt.

Ohne die Denkmalakademie in Raesfeld wären viele Kenntnisse aus dem Bereich des historischen Handwerks vermutlich längst verlorengegangen oder müssten mühsam aus historischen Quellen und Materialanalysen rekonstruiert werden. Ob dadurch auch die handwerkliche Arbeitsweise rekonstruierbar wäre, ist in vielen Fällen fraglich. Denn diese buchstäbliche Handarbeit ist in Text und Bild nur schwierig zu dokumentieren und kann eigentlich nur über die handwerkliche Praxis weitervermittelt werden. Insofern leistet die Akademie Schloss Raesfeld auch einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des Immateriellen Kulturerbes im Bereich des Handwerks und der Denkmalpflege.

Kategorie: Schwerpunkt Arbeit(en)

Schlagwort: Andreas Eiynck