16.10.2019

„In Detmold war es eigentlich ganz schön“

Der Tagungsort: das Krumme Haus im LWL-Freilichtmuseum Detmold. Foto: Regenbrecht/LWL.

Abschied vom Kanon – Internationale Tagung im LWL-Freilichtmuseum Detmold

Niklas Regenbrecht

Vom 10. bis zum 12. Oktober 2019 luden die WWU Münster, das LWL-Freilichtmuseum Detmold und die Volkskundliche Kommission für Westfalen ins Freilichtmuseum Detmold zur Tagung „Abschied vom Kanon. Detmold 1969“ ein. Es wurde ein internationaler Rückblick auf die deutsche Volkskunde und ihre Fachgeschichte geboten. Anlass war eine denkwürdige Detmolder Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv) 50 Jahre zuvor.

Schon zu Beginn ihres Eröffnungsvortrages erinnerte Silke Göttsch daran, dass Fachgeschichte stets Deutungsgeschichte ist, es eine Meistererzählung dabei jedoch nicht geben könne. Sie spürte der fachgeschichtlichen Rezeption und der Einordnung der Detmolder Tagung des Jahres 1969 nach. Dabei ging sie der Frage nach, ob hier das Fach Volkskunde fast zerbrochen oder ob die „Schicksalsfrage der Volkskunde“ gestellt worden sei. War die Detmolder Tagung ein Bruch oder ein Umbruch, wie in der Vergangenheit oft geurteilt wurde? Nach Göttsch hatte das Fach Volkskunde in gemäßigter Form seine studentische Revolte, die Detmolder Tagung war der Beginn einer Reihe von Aktionen der Unruhe. „Detmold“ sei innerhalb der Fachgeschichte nicht nur als Topos für Umbruch zu verstehen, man müsse auch die Wirkungsgeschichte betrachten. Diese äußere sich insbesondere in vier Punkten: Erstens traten in der Namensdebatte neue Angelpunkte für die Bezeichnung des Faches auf, obgleich diese Debatte in der Zeit danach ihre Brisanz verlor. Zweitens sorgte die Beteiligung der Studierenden in der dgv für eine gewisse Öffnung und in der Folge für eine Befriedung. Drittens wurde der Dialog mit den KollegInnen in Europa verstärkt und viertens sorgte die Annährung an andere Disziplinen für einen Blick über den Tellerrand.

Am Freitagmorgen betrachteten die Veranstalter Hande Birkalan-Gedik, Friedemann Schmoll und Elisabeth Timm zunächst die Geschichte der Planungen zur Detmolder Tagung 1969 und den fachhistorischen Kontext. Danach kamen Zeitzeugen zur Wort. Wolfgang Emmerich berichtete über die Stimmungen der Zeit und insbesondere über den Umgang mit der fachinternen NS-Vergangenheit, der er seine im Jahr vor der Detmolder Tagung 1969 erschienene Dissertation gewidmet hatte. Konrad Köstlin berichtete als Teilnehmer jener Veranstaltung: „In Detmold war es eigentlich ganz schön.“ Und: „Die haben es in Detmold ganz vergnügt gemacht. Die haben auch gelacht.“ Bemerkenswert sei gewesen, dass die Professoren schnell die Verhaltensweisen und Kulturtechniken der Studierenden übernahmen, indem sie trampelten, stampften, klopften, störten, um mit ihrem Lärm die Studierenden in der Diskussion zu übertönen. Nach Köstlin war in der Rückschau „Detmold“ der Ort und Zeitpunkt der Trennung von Museumsvolkskunde und der universitären Volkskunde. Die Fraktionierung habe zwischen den Polen Hermann Bausinger und Günter Wiegelmann stattgefunden. Die Frage nach Identität und Name des Faches sei damals intensiv diskutiert worden. In Detmold habe „noch der Kanon stattgefunden“, wie Bärbel Kerkhoff-Hader als weitere Teilnehmerin der damaligen Tagung in der Diskussion äußerte. Die Geschlechterfrage sei kein Thema gewesen.

Nach den persönlichen Zeugen wurden die medialen Zeugnisse in den Blick genommen. Neben einigen wenigen Fotografien der Tagung, gefunden von Heinrich Stiewe, beschäftigte sich Karin Bückert mit den Audiodokumenten. An einem Tagungstag 1969 waren die Vorträge und Diskussionen mit einer Länge von sechs Stunden aufgezeichnet worden. Heute können diese Tonbänder Auskunft über Vortragsstile und Diskussionskultur, Stimmung und Atmosphäre geben. Man hört förmlich, dass sich die akademische Kultur zu dieser Zeit gewandelt hatte. Auf den Tonbändern sind Zwischenrufe, Spott, Gelächter und Stöhnen, kurz emotionale Reaktionen auf das Gesagte, dokumentiert. - Die aktuelle Tagung wurde im Übrigen zur Gänze aufgezeichnet.

Elisabeth Timm zeigte einen weiteren Aspekt der Mediengeschichte dieser Tagung. Es wurden 1969 insgesamt zwölf Stunden Filmprogramm gezeigt. Parallel zu Exkursionen wurden volkskundliche Dokumentationen, wie etwa das „Abendessen einer Tiroler Bauernfamilie“ vorgeführt. Interessiert habe das niemanden – so die Zeitzeugen – Anlass zum Spott der damaligen Studierenden war es trotzdem.

In einem Vortrag am Freitag und gänzlich am Samstag wurde die internationale Perspektive eingenommen. Dabei wurde der österreichische Blick erläutert (Olaf Bockhorn). Mit fachgeschichtlichem und biographischem Fokus wurde die Situation in den Niederlanden (Rob van Ginkel) und jene der deutsch-jüdischen Volkskunde untersucht (Dani Schrire). Anschließend wurde mit Blick auf die Namensfrage die Lage in den USA (John H. McDowell) und der Abschied vom Kanon im Slowenien der 1960er und 1970er Jahre untersucht (Ingrid Slavec Gradišnik). Der Abschlussvortrag, gleichsam das Schlusswort zur Tagung, war der schweizerischen Sicht vorbehalten. Konrad J. Kuhn stellte heraus, dass die Detmolder Ereignisse eine Verschiebung der fachinternen Hegemonie zur Folge hatten. Auch machte er darauf aufmerksam, dass bei den Planungen für 1969 bereits ein Referat zum Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung in der Volkskunde angedacht war. Dieses kam zwar nicht zustande, zeigt jedoch auch eine gewisse Modernität.

Zeitgenössische Deutungen sahen die Detmolder Tagung 1969 als Theater, Karneval oder Beben. Die zurückschauende Tagung des Jahres 2019 war alles andere als das. Die Veranstaltung zeigte wie sehr die Selbstreflexion zur Fachgeschichte der Volkskunde gehört und wie nutzbringend die Beschäftigung mit ihr sein kann.

Kategorie: Veranstaltungen

Schlagworte: Tagung · Niklas Regenbrecht