Wissen – Können – Weitergeben

18.10.2019

Akademie des Handwerks Auf Schloss Raesfeld

Wissen – Können – Weitergeben

Akademie des Handwerks bewahrt immaterielles Kulturerbe

Andreas Eiynck

Immaterielles Kulturerbe ist „in“, seit die UNESCO auch in Deutschland mit einem Listenplatz im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes winkt. Dass NRW dabei gleich im ersten Durchgang 2014 den Kölner Karneval platziert hat, ist Ehrensache. Aus Westfalen war immerhin das Glasbläserhandwerk dabei und auf die „Landesliste NRW“ kam das Bochumer Maischützenfest, nachdem das deutsche Schützenwesen bereits 2015 in das Bundesweite Verzeichnis eingetragen wurde. 2018 kamen aus Westfalen der Osterräderlauf in Lügde, die Nieheimer Flechthecken und die Haubergswirtschaft im Siegerland hinzu. An mehreren Eintragungsvorschlägen waren Mitglieder der Volkskundlichen Kommission maßgeblich beteiligt.

Eine Liste der aussterbenden Handwerkskünste könnte man in diesem Zusammenhang wohl endlos erweitern, denn sang- und klanglos verschwinden in Zeiten von Massenfertigung, High Tech und Globalisierung immer mehr Handwerksberufe aus dem Alltag. Nicht nur Zinngießer und Kupferschläger, Stellmacher und Korbflechter, Drechsler und Holzschuhmacher kann man heute selbst auf einem historischen Handwerkermarkt lange suchen. Bald könnten auch Uhrmacher und Radio-/Fernsehtechniker, vielleicht sogar Bäcker und Schlachter zu den ausgestorbenen Berufen zählen – jedenfalls, wenn man Backstraßen und Wurstfabriken nicht unter Handwerk einordnen möchte.

Und mit jedem Berufszweig stirbt nicht nur ein Stück Tradition, sondern auch handwerkliches Wissen und Können – eben jene Fertigkeiten, die den spezialisierten Handwerker ausmachen. Und diese Überlieferung lässt sich auch in einem Handwerksmuseum nicht so ohne weiteres konservieren und schon gar nicht lebendig halten.

Dabei wird dieses handwerkliche Können mitunter dringend gebraucht – z.B. in der Denkmalpflege. Und daher hat sich die Akademie des Handwerks auf Schloss Raesfeld schon vor über 30 Jahren entschlossen, das Wissen und Können im gestaltenden Handwerk zu bewahren und weiterzugeben. Hierzu wurde ein eigener Studiengang „Restaurator im Handwerk“ (staatlich anerkannt) eingerichtet, in dem sich inzwischen mehrere hundert Handwerksmeister zu Restauratoren in Bereichen wie Maler und Tischler, Maurer und Zimmerleute, Raumausstatter und Polsterer, Steinmetze und Stuckateure, Schmiede und Metallbauer qualifiziert haben. Über Aufträge können sich die ausgewiesenen Restaurierungsexperten nicht beklagen. Ihre Kenntnisse über  historische Materialien und Techniken sind gefragt, spielen derartige Fertigkeiten in der „normalen“ Berufsausbildung doch kaum noch eine Rolle.

Schauplätze der Ausbildung bilden die Seminarräume und Werkstätten auf der Vorburg des Wasserschlosses Raesfeld aus dem 17. Jahrhundert, das selber quasi das beste Anschauungsbeispiel für zahlreiche Fragestellungen direkt vor Ort bietet. Denn auch für Restauratoren im Handwerk gilt: Restaurieren heißt nicht neu machen! Und diese Philosophie steht bei der Ausbildung an erster Stelle. Eine Studiensammlung oder ein Museum mit alten Handwerksgeräten gibt es auf Schloss Raesfeld nicht. Es geht dort ja nicht um die Bewahrung historischer Handwerkszeugnisse, sondern um die Weitergabe von handwerklichem Wissen und handwerklichen Fertigkeiten. Das unterscheidet die Akademie von einem Handwerksmuseum.

Schwierigkeiten beim Erlernen der historischen Techniken haben die Handwerksmeister in der Regel nicht. Sie sind gestandene Handwerker und da sitzt jeder Handschlag. Auf diesem Feld macht ihnen keiner etwas vor. Doch auch Denkmalrecht, Dokumentation, Kunst- und Kulturgeschichte, Bauchemie und Bauphysik stehen auf dem Ausbildungsplan. Handwerk ist längst eine komplexe Angelegenheit geworden, nicht nur im Bereich der Denkmalpflege.

Dass traditionelles Wissen, Können und Fertigkeiten auch die Kreativität steigern, wird von vielen Teilnehmern des Studiengangs bestätigt. Und eine kleine künstlerische Ader des ausführenden Handwerkers kann in der Denkmalpflege niemals schaden. Ihr berufliches Tätigkeitsfeld finden die Absolventen hauptsächlich in spezialisierten Handwerks- und Restaurierungsbetrieben. Auch für zahlreiche Museen und Freilichtmuseen sind Absolventen der Akademie mittlerweile tätig.

Kategorie: Ankündigungen

Schlagworte: Handwerk · Andreas Eiynck