29.09.2020

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde …

Ein Pferd mit Beulenpest. Georg Simon Winter 1680, Wikimedia Commons.

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde …

Sebastian Schröder

 

… aber nur, wenn diese auch gesund sind! Doch das liebe Vieh war empfänglich für allerlei Malaisen. Aus leidvoller Erfahrung wussten auch die Besitzer des adligen Gutes Stockhausen im einstigen Fürstentum Minden (heute ein Teil der Stadt Lübbecke) ein Lied davon zu singen. Im Jahr 1732 zählten 16 Pferde zum Eigentum der Adelsfamilie von der Recke, darunter Stuten, Hengste, Ackergäule, Tiere zum Reiten und selbstgezüchtete Fohlen ganz unterschiedlicher Abstammung. Einige dieser Pferde besaßen einen beträchtlichen Wert. Die „englische Stute“ etwa habe er für 150 Reichstaler zu Reitzwecken erworben, notierte Freiherr von der Recke. Einen Rappen, der zum Ackern bestimmt war, hatte er dagegen für lediglich zehn Reichstaler verkauft. Der Adlige trieb regen Handel mit den Tieren. Allerdings hatte er mitunter auch Rückschläge zu verkraften. 1734 „verreckten“ ein dreijähriger schwarzer Hengst, der immerhin 70 Reichstaler wert war, und eine selbst gezogene schwarze Stute, die zum Reiten ausgebildet werden sollte. Außerdem verendete ein Fohlen.

Damit sich derartige Todesfälle nicht häuften, war von der Recke sehr auf die Gesunderhaltung seiner Tiere bedacht. Deshalb sammelte er Rezepte, um Pferdekrankheiten kurieren zu können. Einerseits beschrieb er lose Zettel, aber andererseits ist von ihm auch ein „Pferde-Artzney-Buch“ überliefert, das über 190 Anleitungen zur Herstellung von Medikamenten und Tinkturen enthält. Teilweise erscheinen die Behandlungsmethoden allerdings sehr martialisch – nicht umsonst spricht man von einer „Rosskur“, die die tierischen Patienten über sich ergehen lassen mussten. Leider sind die Vorlagen dieser Sammlung nicht überliefert. Allerdings gaben bereits ab dem 17. Jahrhundert zahlreiche Autoren Ratgeber heraus. Erwähnt seien etwa Gottfried Freytags „Bewährtes und approbirtes Roß-Artzney-Buch“ oder Johann Christoph Baders „Ross-Artzney-Buch wie die Pferde von allerley Schäden und Gebrechen zu curiren seien“ sowie die zahlreichen Veröffentlichungen Georg Simon Winters von Adlersflügel. Unklar bleibt darüber hinaus, ob von der Recke sein Wissen ausschließlich aus der zeitgenössischen Literatur erwarb oder ob er kundige Experten persönlich kontaktierte.

Blutgefäßsystem des Pferds, Georg Simon Winter 1680, Wikimedia Commons.

Viele der aufgeführten Beschwerden sind noch heutzutage bekannt: Schon damals litten die Tiere zum Beispiel unter Grauem Star, Wurmbefall, Hufrehe und sonstigen Verletzungen der äußeren Extremitäten, Räude, Husten- und Atemnot, Verdauungs- und Gelenkproblemen, Kolik oder Rotz. Darüber hinaus konnte es natürlich vorkommen, dass ein Pferd während der Jagd von Pfeilen oder Geschosskugeln getroffen wurde – auch in diesem Fall bot ein Blick in das „Arzneibuch“ Hilfe. Schließlich widmen sich viele Kapitel der Vorsorge und benennen vorbeugende Mittel. Der regelmäßige Aderlass war dabei ein anerkanntes Verfahren, um Krankheiten sogleich im Keim zu ersticken. Selbst die beste Prophylaxe verhinderte jedoch nicht, dass beizeiten Gebrechen auftraten.

Ein grasendes Pferd, Georg Simon Winter 1680, Wikimedia Commons.

In diesem Fall nahm Freiherr von der Recke seine umfangreichen Aufzeichnungen zur Hand. Anhand eines Registers konnte er sich schnell einen Überblick verschaffen. Im Folgenden sollen einige Beispiele vorgestellt werden:

Damit ein mageres Pferd an Gewicht zunehme, könne man ihm die Eingeweide einer Taube und von Fischen zu fressen geben. Sofern die Tiere von Würmern befallen waren, sollte man das Holz eines verfaulten Sarges nehmen, in dem ein menschlicher Leichnam lag. Das Holz musste getrocknet und zu Pulver gestoßen, mit einer Handvoll Hafer vermengt und dem Pferd morgens auf nüchternen Magen zu fressen gegeben werden. Anschließend dürfe das leidgeplagte Ross zwei Stunden lang keine andere Nahrung zu sich nehmen – „eß wirdt mitt Gottes Hülff auch beßer“. War gerade kein geeigneter Sarg vorhanden, halfen auch pflanzliche Mittel, um den Würmern zu Leibe zu rücken. Im Sommer sollte man das Kraut des Storchenschnabels und der Hundszunge dem Futter zugeben, im Winter dagegen die Wurzeln dieser Pflanzen. Schließlich konnte der Wurm beschworen werden. Dazu waren folgende Worte zu sprechen: „Würme, Ich beschwere euch bey dem heiligen Tage, Wurme, Ich beschwere euch bey dem Heiligen grabe, Würme, Ich beschwere euch bey den Heiligen fünff wunden, Wurme, Ich beschwere euch bey den Heiligen fünff stunden, Wurm, Ich beschwere dich, du seist Weiß oder grun, Ich beschwere dich schwartzer Wurm, Ich beschwere dich, du seist roter Wurm, Ich beschwere dich, du seist gelber Wurm, Ich beschwere dich, du habest Vor farbe, waß Vor farbe du habest, daß du mir müßet Zu waßer werden, Im Nahmen Gottes des Vatters, Gottes des Sohns Vndt Gottes des Heiligen Geistes, Vnnd der heiligenn Dreyfaltigkeit, Amenn.“

Eine damals so bezeichnete Wurmerkrankung muss im Gegensatz zum heutigen Verständnis übrigens nicht zwangsläufig ausschließlich mit einem Parasitenbefall zusammenhängen. Vielmehr wurde auch der bakteriell bedingte Rotz als „Wurm“ bezeichnet. Bei einer Infektion mit Rotz treten Entzündungsprozesse in den Atemwegen oder Geschwüre an der Haut auf – von außen können diese Verdickungen für den Laien so aussehen, als ob ein Parasit sein Unwesen treibe. Der Rotz war gefürchtet. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass von der Recke in seinem Ratgeber auch gegen diese Seuche eine Behandlungsmethode auffand. Das erkrankte Tier solle ein bis vier Tage lang hungern. Anschließend gieße man Wasser in ein sehr hohes Gefäß und gebe Hafer dazu. Nun lasse man das Pferd den Hafer aus dem Behältnis fressen, wobei dieses so tief sein solle, das die Augen von dem Wasser berührt würden. In den nächsten ein bis vier Tagen sei stets neues Wasser hinzuzufügen. Nach Ablauf dieses Zeitraums sollte man ein halbes Pfund Baumöl nehmen, in einer Pfanne braten, abkühlen lassen und mit einem „Viertel“ Quecksilber vermengen. Diese Mischung habe man dem Tier in den Hals einzuflößen – „so ist es ein halb Jahr gesundt oder eß stirbt.“

Ein Pferd mit Kehlsucht, Georg Simon Winter 1678, Wikimedia Commons.

Mitunter kam es vor, dass sich ein Pferd beim Reiten verletzte oder zu stark beansprucht wurde. Eine der empfohlenen Linderungsmethoden erscheint aus moderner Perspektive sehr kurios: Denn man habe dem Tier die Beine und den Bauch mit Kuhmist einzuschmieren. Sodann sei ein großer Ameisenhaufen in einen Sack mit Holz, Erde und Eiern zu legen. Dieser derart gefüllte Sack müsse in einem mit Wasser gefüllten Kessel gesiedet werden. Nach dem Kochen könne das abgekühlte Wasser dem Pferd zum Trinken gegeben werden. Zum Fressen eigne sich das Schrot grüner Gerste oder Weizens anstelle des sonst verfütterten Heus. Diese Prozedur solle alle vier Wochen wiederholt werden – „so wirdt eß gesundt“.

Möglicherweise stand das Huftier zu lange in der Sonne und erlitt einen „Sonnenschuß“. Von der Recke tröpfelte dem Pferd sodann die Menge einer halben Nussschale voll Branntwein in die Ohren. Unter das Futter mischte er ferner Fenchelkörner und Petersilie.

Grausam mutet die Therapie gegen den Grauen Star, eine Augenerkrankung, an. In diesem Fall sollte man die Haut unterhalb des Auges einen Fingerbreit aufschneiden. Zum Vorschein kam eine „große Ader“, die man zu eröffnen habe. In die Wunde sei die Rinde einer Brennnesselwurzel und etwas Eiweiß zu legen. Daraufhin müsse das Pferd in einen düsteren Stall geführt werden.

Viele der Rezepte im „Pferde-Artzney-Buch“ von der Reckes besitzen in der modernen Veterinärmedizin keine Berechtigung mehr. Dennoch ist das Büchlein eine eindrucksvolle Quelle, um den Umgang mit Tierkrankheiten im 18. Jahrhundert zu studieren und auf diese Weise die zeitgenössischen Wissenshorizonte abschätzen zu können.

 

Quelle: LAV NRW W, Familie von der Recke-Obernfelde (z. T. Dep.), Akten (Dep.), Nr. 207.

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