02.10.2020

Was mir noch denkt von meiner Jugend

Preußischer Dragoner auf der Wetterfahne am Haus von 1888

Was mir noch denkt von meiner Jugend

Aufzeichnungen von Josef Krüler (1869-1939)

Andreas Eiynck

Der Hof Krüler ist ein traditionsreicher münsterländer Bauernhof in der Emsdettener Bauerschaft Hollingen. Das uralte Bauernhaus wurde 1888 durch einen Neubau ersetzt. Dieses Haus, das heute noch steht, errichteten Krüler aus Backsteinen aus einer eigenen Ziegelei. Die Herdwand von 1723 wurde 1888 aus dem alten Haus in den Neubau übertragen. Bei der Umsetzung 1888 wurden die Kragsteine von 1723 um Sandsteintafeln und Bänkchen ergänzt. Diese Herdstelle bildete nun den Mittelpunkt der großen Bauernküche. Mittlerweile befinden sie sich nicht mehr dort, sondern im aktuellen Wohnhaus.

1935 wurde von der großen Küche im alten Haus eine seitliche Stube abgetrennt. Die neue Trennwand verdeckte seitdem eine seitliche Nische im Kaminblock. In dieser Nische fanden Krüler bei einem späteren Umbau ein Schriftstück, dass ihr Vorfahre Josef Heinrich Krüler (1869-1939) dort 1935 beim Umbau eingemauert hatte.

Der Autor schildert in diesem Schriftstück wichtige Stationen aus der Hofgeschichte im 19. und frühen 20. Jahrhundert, die vor allem den Wandel in der Landwirtschaft zwischen 1870 und 1930 dokumentieren. Gerade in den Sandgebieten des Münsterlandes bewirkte der damals neu eingeführte Kunstdünger wahre Wunder. Die großen Flächen aus der Markenteilung konnten nun kultiviert und als zusätzliche Ackerflächen genutzt werden. Die Erträge und die Viehbestände nahmen rasch zu. Neue, größere Bauernhäuser und Wirtschaftsgebäude wurden errichtet.

Parallel dazu begann die Industrialisierung entlang der Ems durch die Textilfabriken. Viele Heuerleute wanderten in die Textilbetriebe ab, weil sie dort bessere Verdienstmöglichkeiten sahen. Die frei gewordenen Heuerstellen konnten nicht mehr besetzt werden.

Am Ende des Textes geht Josef Krüler auf den Ersten Weltkrieg und die Zeit der Wirtschaftskrisen ein. 1935 sah er bessere Zeiten kommen – zumindest wirtschaftlich. Die Schrecken der Nazi-Herrschaft hat der damals schon hochbetagte Bauer wohl nicht gesehen. Er starb 1939.

Die Herdwand aus dem alten Bauernhaus.

Das Schriftstück wurde vor ein paar Jahren bei einem erneuten Umbau des Hauses entdeckt und in die Hofchronik übertragen:

„Was mir noch denkt von meiner Jugendzeit, was ich von meinen Eltern und Großeltern gehört habe, werde ich aufschreiben, um es der Nachwelt zu erhalten. Ich lege es am Kamin, wo früher die Bürsten und Putzlappen lagen [in die Kaminnische].

Oben am Herd-Mauerkopf steht „IK MH“ = Johann Krüler und Maria Hilbert aus Isendorf. Sie sind Eheleute gewesen im Jahre 1723.

Dann steht 1788 von Anna Maria Dreihues aus Hollingen vor einem eisenbeschlagenen Koffer.

Leute, die ich noch gekannt habe, waren meine Großeltern, Bernhard Krüler und Gertrud Gripskamp aus Greven, getraut 1825. Im Jahre 1932 feierten wir Silberhochzeit mit zusammen 10 Kindern. Josef ist 1918 in Frankreich vermißt. Franz war schon mit 17 Jahren Soldat und kam 1918 in Gefangenschaft. …

Unsere Besitzung war immer 228 Morgen. Bewirtschaftete Fläche war bloß 60 Morgen. Für 2 Pferde, 12 Stück Rindvieh und wenig Schweine, weil man noch wenig Korn hatte.

Jeder Bauer hatte damals Schafe. Auch wir hatten im Winter 10 Stück. Im Jahre 1898 habe ich die Schafe abgeschafft, weil von da an Dünger herankam, und wir schon im Kleinen angefangen hatten zu kultivieren. Auch Gründünger wurde angebaut und es begann eine nie geahnte Zeit für den Bauern.

Die im Text genannte Truhe von 1788.

Wir durften früher kein Stroh im Stall streuen, sondern nur Erde und Plaggen - welche Arbeit für Menschen und Pferde.

Wir hatten ein kleines Haus, genau an der Stelle des jetzigen Hauses. Das Wohnhaus war gut 1 Meter kürzer und die Tenne war 2 Meter kürzer. Hinter dem Schornstein waren früher nur zwei Teile, rechts Keller und darüber die Upkammer, links war ein Zimmer zum Heizen. Es standen zwei Webstühle darin, eine Kartoffelkiste, eine Bettstelle, halb im Zimmer, halb im Keller.

Die Küche ging quer durch, eine Pumpe stand an der Wand, und dahinter war ein großes Bleifenster. Das Ganze bestand aus zehn Einzelfenstern, fünf nebeneinander und zwei übereinander, kleine Scheiben, vielleicht 250 Stück.

An der Tenne im Westen war ein großes Schlafzimmer für meine Großeltern, da standen zwei große Schränke, eichen, mit weit überstehenden Aufsätzen, vielleicht Brautstücke. Auch die Bettstelle war ein Brautstück, von der Küche her schön getäfelt wie ein Schrank.

Nach Osten hin war ein kleines Zimmer mit nur einem Fenster, an dieser Stelle ist im Neubau auch mein Schlafzimmer.

Auf unserem Hof standen viele kleine Gebäude. Neben unserer Küche, vier Meter im Garten, stand ein kleiner Schweinestall, zwei Ställe und ein Gang. Drei Meter dahinter das Backhaus mit Ofen dahinter. Da, wo in der Scheune der Keller ist, da stand ein Wagenschuppe, ganz mit Stroh gedeckt, wie auch unser Haus.

Etwas weiter in der Wiese stand ein Heuerhaus, wurde 150 Jahre von der Familie Feld bewohnt. Feld hat später am Kanal gebaut.

Auf dem Platz am Hoftor stand ein Torfschuppen, fünfzig Meter weiter den Weg entlang stand zwanzig Meter rechts vom Weg ein Schafstall, wieder sechzig Meter weiter stand ein Heuerhaus, war von Ottenjann und später von Lehmkuhl, jetzt in Veltrup, bewohnt. Das von Feld bewohnte Haus ist im Jahre 1872 abgebrochen und am Weg zum Fudel rechts wieder aufgebaut worden.

[Es folgen zunächst Notizen zur Schule, Kirche, Krankenhaus]

In den folgenden Jahren wurden viele Fabriken gebaut. Es wurde gut verdient und viel angebaut, so daß wir in Emsdetten jetzt 16.000 Einwohner haben und zwei Kirchen.

Im Jahre 1881 kam ich aus der Schule, es war ein sehr schlechtes Jahr, wir mußten Essen für Menschen und Vieh kaufen. Es konnte nicht gefüttert und auch nicht gedüngt werden, mancher Bauer hat seinen Hof verkaufen müssen.

Zum Glück kam der Kunstdünger. Es gab eine gute Zeit, alle hatten guten Verdienst in den Fabriken. Fast alle Heuerleute zogen zum Dorf und die Heuerhäuser wurden abgebrochen, auch unsere. Eins wurde verkauft an Kötter in Ahlintel, das andere haben wir 1887 auf unserm Hof wieder aufgebaut. Dieser Schuppen wurde später von unserem fünfjährigen Karl angesteckt. Er wäre beinahe darin verbrannt. Es war der erste Brand, der hier auf dem Hof gewesen ist.

Ein Jahr später haben wir unser Wohnhaus gebaut. Steine kosteten die tausend 19 Mark, Zimmerleute verdienten bei unserer Kost 1,50 Mark und die Maurer 2,25 Mark bei zehnstündiger Arbeit.

Im Herbst 1888 wurde mein Bruder Franz Soldat, 130er in Metz. Er kam nach zwei Jahren wieder, weil er Gefreiter war. Alle anderen musste noch ein Jahr dienen.

Als er wiederkam, haben wir 25.000 rothe Steine gebrannt. Tenne und Ställe wurden 1892 gebaut…

[Es folgen Familienereignisse]

Die Scheune wurde noch 1914 errichtet, 27 Meter lang. Der Maschinenschuppen 1918. Die Schweineställe 1923. Das Heuerhaus war schon 1909 gebaut worden und von Reher bewohnt.

Wenn wir 1888 für Maurer 2,50 und die Kost gaben, mußten wir um 1928 für eine Stunde 1,50 zahlen. Das hat aber nicht lange gedauert. Keiner wollte mehr etwas machen, keiner ließ etwas machen. So hatten wir in Deutschland sechs Millionen Arbeitslose und sehr viel Elend. Man konnte Arbeiter haben für die Kost. Vom Arbeitsamt bekamen wir Landhelfer und erhielten monatlich 20 Mark Zuschuss.

1935 hat die Arbeit wieder zugenommen, es kamen wieder normale Zeiten.

Er eilt, die Mauer wird hochgezogen, und ich lege dieses Schriftstück hinein und lege meine Photographie hinein, und die der Kinder.

Josef Reckenfeld und Ludwig Venthker schließen die Öffnung, Josef Peters aus Gelsenkirchen ist Handlanger.

Wer dieses Schriftstück findet, der lasse dieses Abschreiben und die Photographie erneuern.

gez. Josef Krüler"

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Schlagworte: Andreas Eiynck · Landwirtschaft · Schriftgut