08.09.2020

Unterstunde, Mittagsschläfchen und Powernapping

Bei anstrengenden Tätigkeiten wie hier bei der Jagd, wurde in den Pausen gern ein Schläfchen gehalten. (Foto: Archiv für Alltagskultur, Bestand Tell)

Unterstunde, Mittagsschläfchen und Powernapping

Wer arbeitet, braucht auch mal Pause

Bevor sich die Hausfrau für die Unterstunde zurückzog, war noch der Abwasch zu erledigen. (Foto: Adolf Risse, Münster-Roxel)

Christiane Cantauw

Einer der wohl seltsamsten Merksprüche aus den Gewährsleuteberichten der Kommission Alltagskulturforschung lautet: "Maria Geburt (8.9.) iß‘n Ünnersten ut“ (MS3389). Übersetzt heißt das in etwa: (An) Maria Geburt ist (es mit der) Unterstunde aus. Was ist mit diesem Merkspruch wohl gemeint?

Wir haben weiter nachgeforscht und sind in den Berichten unserer Gewährsleute zum Thema „Essen und Trinken (Der Tagesablauf im Haushalt)“ (Frageliste 5) fündig geworden. Dort wird erläutert, dass die in der Landwirtschaft tätigen Männer bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von Anfang Mai bis zum 8. September (Mariä Geburt) nach dem Mittagsessen bis etwa 14 Uhr Mittagsruhe hielten. Dazu suchte man entweder das Bett oder ein schattiges Plätzchen auf. Entsprechend der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung mussten die Frauen nach dem Mittagessen erst spülen, bevor auch sie sich eine Pause gönnen konnten.  

Wenn das Feld zu weit vom Hof entfernt lag, wurde die Mittagsmahlzeit auf dem Acker eingenommen. Nach der Mahlzeit zog man sich für die Unterstunde in den Schatten zurück. (Foto: Herwig Happe)

Im Grunde bezeichnet die Unterstunde eine Art „Sommerzeit“ für die in der Landwirtschaft Tätigen. Sie standen im Sommer meist schon um 5 Uhr – teilweise auch früher – auf. Nach dem Mittagsessen, das in den meisten Haushalten um 12 Uhr eingenommen wurde, hatten sie eine längere Ruhezeit bitter nötig. Ob man in dieser Zeit wirklich schlief oder lediglich ausruhte, blieb jedem selbst überlassen. Auch war die "Unterstunde" natürlich kein verbrieftes Recht, auf dem man hätte beharren können, denn in der Erntezeit – zumal dann, wenn ein Gewitter aufzog – musste durchaus auch mal durchgearbeitet werden, damit das Heu noch trocken in die Scheune kam. Wenn die (Arbeits-)Tage zum Winter hin wieder kürzer wurden, fiel vielerorts die "Unterstunde" dann wieder weg.

Wie verbreitet die Mittagspause war, das lässt sich auch am Vorhandensein unterschiedlicher mundartlicher Bezeichnungen für diese Verschnaufpause ablesen: Neone, Naun, None, Nuon oder Nonstunde wurde sie in Ostwestfalen-Lippe genannt.

Die Münsterländer sagten Non, Noune, Ünnersten, Unnersten oder Unnerstunn und im Ruhrgebiet verwendete man die Bezeichnungen Mittagsnaune oder Ünnerstunne. Auch Bezeichnungen wie Nipperchen sind belegt.

In Form des sogenannten Powernappings erfreut sich der Mittagsschlaf übrigens auch in der modernen Arbeitswissenschaft einiger Beliebtheit, wird dem Kurzschlaf in der Mittagspause doch zugutegehalten, dass er die Leistungsfähigkeit am Nachmittag erhöht: Wer arbeitet, braucht eben auch mal Pause! 

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Schlagworte: Nahrung · Christiane Cantauw · Landwirtschaft