10.02.2021

Vor 75 Jahren: Das Jahrhunderthochwasser 1946. Erinnerungen an eine Naturkatastrophe in schwerer Zeit

Die überflutete Scharnhorststraße in Münster im Februar 1946. Foto: Stadtmuseum Münster, Sammlung Clemens Hülsbusch.

Andreas Eiynck

 

Genau 75 Jahre ist es in diesen Tagen her, seit im Februar 1946 zahlreiche Flüsse in Nordwestdeutschland über die Ufer traten. Städte und ganze Landstriche wurden überflutet. Die Katastrophe traf die Bevölkerung besonders hart, denn das Kriegsende lag erst wenige Monate zurück und damit auch der totale Zusammenbruch der Kriegswirtschaft und der Versorgungseinrichtungen. Brennstoffe waren im ersten Kriegswinter äußerst knapp, Lebensmittel ohnehin. Viele Städte waren ausgebombt und Hausrat aller Art war Mangelware.

Dann kam auch noch die große Flut und vernichtete die in den Kellern lagernden Brennstoffvorräte und Lebensmittel, zerstörte die Einrichtungen in den Erdgeschossen und richtete auch an der öffentlichen Infrastruktur schwere Schäden an.

Nach der Schneeschmelze und tagelangen Niederschlägen Anfang Februar war der Boden bereits mit Regenwasser gesättigt und die Flüsse angeschwollen, als großflächig starker Regen einsetzte. Nun traten die Flüsse über die Ufer. Weser und Leine, aber auch Ems, Berkel und Aa, Vechte und Dinkel. Städte wie Borken, Bocholt und Anholt an der Aa, Coesfeld, Stadtlohn und Vreden an der Berkel, allesamt vom Bombenkrieg zerstört, soffen regelrecht ab. Auch große Teile der Provinzhauptstadt Münster standen unter Wasser. Eingestürzte Brücken und Trümmerschutt behinderten den Wasserablauf zusätzlich, waren aber nicht die eigentliche Ursache der Naturkatastrophe.

Entlang der Ems, des längsten Flusses im Münsterland, setzte sich eine regelrechte Flutwelle in Bewegung, deren Verlauf später an den aufgezeichneten Pegelständen ablesbar war. Der Scheitelpunkt der Hauptflutwelle erreichte am 9. Februar um 2 Uhr nachts den Schlosspark in Rheda und um 18 Uhr Telgte, am Tag darauf um 2 Uhr Greven, gegen 10 Uhr Emsdetten und um 20 Uhr Rheine. Am Emswehr in Hanekenfähr bei Lingen wurde der Höchststand am 11. Februar um 12 Uhr und in Meppen am 12. Februar um 1 Uhr nachts gemessen. Am 13.2. gegen 10 Uhr erreichte die Hauptflutwelle Papenburg und um 16 Uhr Leer, am 14.2. um 2.30 Uhr dann die Seeschleuse in Emden.

Die Katastrophe war also absehbar. Doch die Behörden, die für den Warndienst zuständig waren, hatte man beim Kriegsende teilweise aufgelöst oder sie waren technisch und organisatorisch noch nicht wieder handlungsfähig. Vor allem mangelte es an der überregionalen Koordination. Daher kam die Flut für die örtlichen Behörden in Warendorf und Telgte, Greven und Rheine ziemlich überraschend und es blieb nur die Evakuierung der flussnahen Stadtviertel und Bauernhöfe.

Nördlich von Rheine, im flachen Gelände des Emslandes, trat die Ems großflächig über die Ufer. Auf vielen Bauernhöfen entlang der Ems überraschte das Hochwasser die Bewohner im Schlaf. Unter großen Gefahren musste das Vieh gerettet werden. Nicht alle Kühe erreichten bei nächtlicher Dunkelheit in den reißenden Fluten das rettende Ufer.

Am Wasserstraßenknotenpunkt Hanekenfähr südlich von Lingen staute sich vor dem großen Emswehr und den Kanalschleusen eine gewaltige Flutwelle, die sich schließlich ihren Weg in den Dortmund-Ems-Kanal bahnte. Dafür waren die Kanaldämme aber nicht ausgelegt. Der Wasserpegel im Kanal stieg rasch an. Und während sich bei Lingen die Rettungskräfte noch auf die Sicherung der Emsdeiche mit tausenden von Sandsäcken konzentrierten, geschah das Unerwartete quasi im Rücken der Helfer: der hoch aufgeschüttete Kanaldamm brach in Richtung Lingen. Innerhalb kürzester Zeit stand die gesamte Innenstadt etwa 1,5 Meter unter Wasser. Weil keine Warnung erfolgt war, hatte niemand die Keller und Erdgeschosse geräumt. Die Schäden waren entsprechend hoch. Auch in Meppen, wo die Flutwellen von Ems und Hase aufeinandertrafen, soff die gesamte Innenstadt ab. Nur der Hügel mit der Kirche ragte wie eine Hallig aus den Fluten.

In Haren, damals Maczkow, überraschte das Hochwasser die polnische Besatzung der Stadt, die zunächst an einen Sabotageakt der Deutschen glaubte. Aber es war „nur“ eine Naturkatastrophe. Weiter nördlich ergossen sich die Fluten kilometerweit in die Flächen des nördlichen Emslandes und Ostfrieslands. Das Wasser stand hier nicht so hoch, wollte dafür aber wochenlang nicht ablaufen, während weiter südlich die Welle rasch abflachte und das Wasser sich wieder zurückzog. Nun wurde das Ausmaß der Schäden sichtbar, denn es war ja kein sauberes Quellwasser, das sich dort in Keller und Wohnräume, Geschäfte und Betriebe ergoss, sondern eine stinkende Brühe mit viel Schlamm und Gefahrenstoffen.

Trotz aller Schrecken markierte das Februarhochwasser 1946 einen ersten Wendepunkt in der Nachkriegszeit. Die britischen Besatzungsbehörden traten zum ersten Mal in einer großen Aktion als Helfer auf, retteten Menschen aus den Fluten und versorgten die Eingeschlossenen in ihren Häusern. Der frühere Feind übernahm die Verantwortung für die Bevölkerung in seiner Besatzungszone. Britisches Militär und deutsche Hilfskräfte arbeiteten angesichts der Katastrophe Hand in Hand.

Im Rückblick der Zeitzeugen bildet das Hochwasser von 1946 daher eine wichtige Erinnerungsmarke. Schon fünf Jahre nach der Katastrophe erschienen in den Lokalzeitungen die ersten Rückblicke, jedes weitere „runde Jubiläum“ wurde von Zeitzeugenberichten und Zeitungsbeiträgen begleitet. 50 Jahre nach dem Hochwasser erinnerten 1996 eine große Wanderausstellung, zahlreiche Aufsätze und ein eigenes Erinnerungsbuch an das katastrophale Ereignis.

Hochwassermarken an der Emsmühle in Rheine. Foto: Andreas Eiynck, Lingen.

75 Jahre nach der großen Flut stehen heute nur noch wenige Zeitzeugen zur Verfügung, etwa Karl-Ludwig Galle aus Nordhorn, der als 18jähriger mit seinem Faltboot durch die überfluteten Straßen von Lingen paddelte. Oder Hermann Lünnemann aus Burgsteinfurt, der in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag feiert. Seine Mutter besuchte Anfang Februar 1946 vor der Geburt des Kindes noch einmal ihre Eltern auf einem Bauernhof in Sellen. Dort wurde sie vom Hochwasser überrascht und konnte das Burgsteinfurter Krankenhaus, gelegen jenseits der Steinfurt Aa, nicht mehr erreichen. So erblickte Hermann Lünnemann in einem Bauernhaus in Sellen das Licht der Welt, was dem Burgsteinfurter Urgestein bis heute ein zusätzliches, ungeschriebenes Heimatrecht in der dortigen Bauerschaft verleiht. Und das hat in Burgsteinfurt auch 75 Jahre nach dem großen Ereignis noch einen hohen Stellenwert.

Über einen Babyboom 9 Monate nach dem Hochwasser ist übrigens nichts bekannt.

Was bleibt nach 75 Jahren von der großen Naturkatastrophe? Zum einen die Hochwassermarken an einigen Rathäusern und Brücken, die an einem friedlichen Sommertag an der Ems unglaublich erscheinen. Dann die Fotos und Berichte der Zeitzeugen. Und all diese Zeugnisse erinnern daran, dass ein Jahrhunderthochwasser an der Ems sich jederzeit wiederholen kann.

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