1.000 Jahre Enger: Eine Stadt, ein Jubiläum, ein Buch

05.03.2024 Niklas Regenbrecht

Es gab zwei Einbände des Enger- Buchs (Foto: Frank-Michael Kiel-Steinkamp).

Das Heimatbuch zur Tausendjahrfeier der Widukindstadt im Jahr 1948 erschien trotz der Versorgungskrise in üppiger Ausstattung. Wer Altpapier ablieferte, erhielt den Band günstiger. Ein beteiligter Künstler tauschte in Hannover Zigarren gegen Farbe für ein Werbeplakat ein.

Jürgen Münch

Enger 1948 – eine Kleinstadt im Ausnahmezustand. Als vor 75 Jahren die Widukindstadt ihr tausendjähriges Jubiläum feierte, wurden alle Register gezogen und ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm auf die Beine gestellt: Festumzug, Kunstausstellung, Gewerbeschau, Vorträge, Theateraufführungen, Konzerte, Sportveranstaltungen und anderes mehr.

Auch bekam die Kirche neue Glocken, waren doch die alten im Krieg eingeschmolzen worden, der Grundstein für ein Zweifamilienhaus für Flüchtlinge wurde gelegt. Und das alles trotz der seit Ende des Zweiten Weltkrieges anhaltenden Versorgungskrise, die alle Lebensbereiche betraf. Aber vielleicht war das ja genau der Grund, das Fest so groß aufzuziehen und in aller Bewusstheit zu feiern, um sich so seiner Existenz zu versichern.

Um alles wie geplant zu bewältigen, wurde schon 1947 der „Hauptausschuss zur Vorbereitung der Tausendjahrfeier“ ins Leben gerufen. Vorsitzender war Amtsdirektor Gustav Jürging, der einer der treibenden Kräfte für die Feier war. Sogar ein Geschäftsführer wurde berufen. Insgesamt tagte der Hauptausschuss dreizehnmal bis zum Beginn der Feierlichkeiten, dann noch ein letztes Mal danach.

Zusätzlich wurden zwölf Unterausschüsse gebildet, um sich arbeitsteilig den unterschiedlichen Aufgabenfeldern widmen zu können.

Deutschlandweit warb Enger für seine Tausendjahrfeier

Im November wurden dann in der ganzen Stadt Plakate ausgehängt mit einem Aufruf an die Engeraner Bevölkerung, sich mit wie auch immer gearteten Beiträgen zum Fest zu beteiligen. Auch wurde auf den Plakaten aufgefordert, Altpapier zu sammeln, da die für die Drucklegung der geplanten Festschrift erforderlichen Mengen Papier „zum größten Teil durch Altpapiersammlungen aufgebracht werden müssen“.

Pressemitteilungen zur Bewerbung der Veranstaltungen gingen deutschlandweit an 132 Tageszeitungen in allen großen Städten von A wie Aachen bis Z wie Zwickau, Plakate wurden in ganz Westfalen verteilt und auch der erst im Januar des Jahres gegründete Fernsehsender NWDR wurde mit Informationen versorgt und zur Berichterstattung eingeladen.

Einen Eindruck von der Vielzahl der Aktivitäten während der Festtage ermöglichen auch heute noch die zahlreichen historischen Fotos, die der Hobbyhistoriker Werner Brakensiek für sein umfangreiches Bildarchiv zusammengetragen und so für die Nachwelt gesichert hat.

Sogar einen nachkolorierten Film aus der Zeit gibt es im Archiv Brakensiek. Einige Aufnahmen sind auch in dem Film „Leben in einer kleinen Stadt – Enger 1938–1948“ des Medienzentrums des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zu sehen (kostenloser Download auf den Seiten des LWL unter westfalen-medien-shop.lwl.org).

Den Verantwortlichen war es ein großes Anliegen, dass etwas über die Feierlichkeiten und die vielfältigen Veranstaltungen hinausgeht und bleibt, wenn alles zu Ende und wieder abgebaut ist: Eine Festschrift. Etwas Bleibendes, Wertiges sollte sie werden, als Bindeglied zwischen der Vergangenheit im Rückblick, der Gegenwart in der Momentaufnahme und der Zukunft als hoffnungsvolle Möglichkeit. Aufgrund dieser zugemessenen Bedeutung gab es schon früh den Beschluss, keine Inserate von Firmen und Handwerksbetrieben aufzunehmen, trotz aller Probleme, die bei der Finanzierung und der Materialbeschaffung abzusehen waren.

Spitze der Engeraner Gesellschaft engagierte sich

Verantwortlich für das Gelingen des Buchprojektes war der Unterausschuss „Bearbeitung und Herausgabe von Festschrift, Aufrufen, Prospekten“. Acht Mitglieder waren hier aktiv: Dr. Hermann Pörtner, Landgerichtspräsident i.R.; Fritz Heemeyer, Kaufmann und Gründungsvorsitzender des Heimatvereins; Dr. Rolf Dircksen, Biologe, Schriftsteller, Pädagoge; Friedrich Gottschalk, Rektor; Pastor Martin Dütemeyer; Paul Strack, Kaufmann; Wilhelm Strack, Holzhändler; Wilhelm Wollbrink, Konrektor i.R.; sämtlich später auch Autoren des Buches, mit Ausnahme von Wilhelm Strack der mehr in organisatorische Aufgaben eingebunden war, oder, wie Paul Strack, sein Bruder, ihn in seiner Ansprache zur Eröffnung der Kunstausstellung würdigte: „ . . .der in seiner bekannten Hilfs- und Opferbereitschaft wie in allen Belangen unserer Tausendjahrfeier. . . immer zur Stelle war.“

Der erste Eindruck, wenn man das Buch das erste Mal in die Hand nimmt, ist sein Gewicht, dann die angenehme Haptik des Einbandes mit seinem Prägedruck, seine Festigkeit, die gute Verarbeitung, und beim Aufschlagen fällt sogleich ein sogar künstlerisch gestaltetes Vorsatzpapier ins Auge. Es zeigt ein stilisiertes Enger mit Kirche und Glockenturm als Zentrum, umgeben von Fachwerkhäusern, auch Bolldammbach und Liesbergmühle sind als typisch für Enger erkennbar.

Schnell finden sich die Namen derjenigen, die mit der Buchgestaltung beauftragt waren: Für die Typographie und die Einbandgestaltung war Jupp Ernst verantwortlich. Er war einer der renommiertesten Gestalter im Nachkriegsdeutschland und wurde kurz nach Abschluss der Arbeiten für die Stadt Enger zum Direktor der Werkkunstschule Wuppertal berufen. Von ihm stammen ebenfalls die Entwürfe für zwei Werbeplakate, und auch die Gewerbeausstellung wurde von ihm organisiert.

Das Vorsatzpapier (oben) stammt von Herbert Lange. Die zahlreichen Illustrationen im Buch selbst, wie hier Enger im Dezember, hat Prof. Gerhard Ulrich gezeichnet (Foto: Frank-Michael Kiel-Steinkamp).

Historiker Gustav Engel war für Inhalte verantwortlich

Das Vorsatzpapier stammt von Herbert Lange, dessen Lebenswerk als Gebrauchsgrafiker noch 1990 in einer Einzelausstellung im Bielefelder Museum Waldhof gewürdigt wurde. In der Ausstellung war auch dieser Entwurf für das Heimatbuch zu sehen samt eines Aquarells als Vorstudie.

Die zahlreichen Illustrationen im Buch selbst stammen von Prof. Gerhard Ulrich, von dem es hieß, dass er zu den großen Illustratoren gehört und viele Bücher „von seinen zauberhaft leichten Zeichnungen“ leben.

Alle Drei Künstler waren auch 1947 an der Ausstellung „Deutsches Buchschaffen“ in Bielefeld beteiligt, eine Ausstellung, die große Beachtung fand. Womöglich war man dort auf die Drei aufmerksam geworden.

Aufgrund der Vielzahl der Autoren, 22 an der Zahl, und noch mehr Beiträgen seien hier nur einige genannt. Für die Zusammenstellung der Inhalte war der Historiker Gustav Engel als Schriftleiter zuständig. Von ihm, der sich wie kein anderer mit der Geschichte Engers beschäftigt hatte, stammt der mit 80 Seiten längste Beitrag des Buches „Dorf, Amt und Stadt Enger. Beiträge zu ihrer Geschichte“. Engel beschreibt die Entwicklung Engers über die Jahrhunderte hinweg, angefangen von den Zeiten Widukinds bis in die Gegenwart.

Aus den Jahren nach der Machtergreifung 1933 werden nur zwei Ereignisse aufgeführt: Der Anschluss Engers 1934 an das Gaswerk Bünde und die Einweihung der Widukindgedächtnisstätte 1939. Wie überhaupt in Texten und Reden aus dieser Zeit spürt man, sicher auch bedingt durch die bedrängten Lebensverhältnisse, dass in der Bevölkerung das Gefühl einer Niederlage und einer Schmach stärker verbreitet war, als die Freude oder zumindest Erleichterung über das Ende der Nazidiktatur mit all ihren menschenverachtenden Auswüchsen. Unter diesem Aspekt ist auch der Beitrag „Die Tage des Zusammenbruchs“ von Gustav Jürging sowie sein Geleitwort zu sehen.

Mit gleich drei Beiträgen ist Rolf Dircksen vertreten, von denen zwei besonders bemerkenswert sind: „Die Landschaft um Enger – ihr Antlitz, ihr Werden und ihre Wandlung“ und „Das Bunte Jahr – Bilder aus der heimatlichen Natur im Wechsel der Jahreszeiten“. Denn Dircksen war nicht nur Wissenschaftler und Naturliebhaber, sondern vor allem ein Meister der Sprache mit einer besonders feinen Beobachtungsgabe, was diese beiden Texte auch heute noch lesenswert macht. Dircksen war zu der Zeit Oberstudienrat an der Oberschule in Enger. Später lehrte er an der Pädagogischen Hochschule Bielefeld und bildete Biologielehrerinnen und -lehrer aus und begeisterte sie für die Natur mit all ihren Facetten.

Naturgemäß ist der Teil mit den Engerschen Widukindsagen sehr umfangreich, auf 50 Seiten zusammengetragen von dem Bielefelder Studienrat i.R. Hermann Hartwig.

An kürzeren Beiträgen kommen hinzu die Erinnerungen an eine Kindheit in Enger, volkskundliche und kunstgeschichtliche Beiträge, Berichte aus den Kirchengemeinden, aus Wirtschaft, Schulwesen und Vereinsleben, auch ein Beitrag über „Enger und seine Flüchtlinge“ wurde aufgenommen. Geschichten und Gedichte auf Platt runden das Ganze ab.

Das Buch ist bei Bertelsmann erschienen

Im Herforder Kommunalarchiv sind noch Mappen mit Unterlagen rund um die Tausendjahrfeier vorhanden. Anhand der dort erhaltenen Dokumente lässt sich auch heute noch bestens nachvollziehen, was für ein Kraftakt allein für die Realisierung dieses Buchprojektes erforderlich war, und wie viel mehr es erst noch für die Planung, Vorbereitung und Durchführung der gesamten Tausendjahrfeier bedurfte.

Aus einem der im Archiv erhaltenen Protokolle des besagten Hauptausschusses geht hervor, dass ursprünglich sogar geplant war, das Buch im Selbstverlag der Stadt Enger erscheinen zu lassen. In dem Fall hätte es aber aufgrund der erforderlichen und auch bereits erteilten Druckgenehmigung durch das Wirtschaftsministerium in Düsseldorf eine „Begrenzung auf 126 Textseiten“ statt der geplanten 400 Seiten gegeben.

In diesem Protokoll vom 26. Februar 1948 ist weiter zu lesen: „Um den vorgesehenen Umfang der Festschrift trotzdem sicherzustellen, hat Herr Wilhelm Strack mit der Firma Bertelsmann, Gütersloh, Besprechungen geführt. Das Ergebnis ist folgendes: Die Festschrift erscheint nunmehr im Verlag Bertelsmann; also nicht mehr im Selbstverlag der Stadt Enger, der Umfang der Festschrift kann wie vorgesehen durchgeführt werden.

Es ist lediglich Einverständnis zu dem Wortlaut der Artikel vor dem Druck bei Bertelsmann einzuholen, die Firma Bertelsmann verlangt für dieses Entgegenkommen keine Bezahlung in Form eines Festbetrages je Buch der Auflage; sie erhält lediglich eine geringe Zahl Bücher kostenlos für ihre Archive und für interessierte Angehörige ihres Betriebes.“

Besatzungsmächte tolerierten den „Grauen Markt“

In den Sitzungen des Hauptausschusses waren auch immer wieder sogenannte Kompensationsgeschäfte ein Thema. Die bildeten damals, mit Duldung der Besatzungsmächte, den sogenannten „Grauen Markt“, ohne den weder die bescheidene Nachkriegsindustrie noch das Handwerk funktioniert hätten. Für die Tausendjahrfeier hieß das beispielsweise, dass der Gestalter Jupp Ernst persönlich nach Hannover fahren sollte, um dort Zigarren aus Enger gegen Farben zu tauschen, damit seine Plakatentwürfe überhaupt gedruckt werden können.

Da auch die Kompensationsgeschäfte im Hinblick auf die Tausendjahrfeier immer mehr wurden und das Ganze drohte, unübersichtlich zu werden, beschloss der Hauptausschuss in seiner Sitzung vom 22. April einen Ausschuss für Kompensationsangelegenheiten zu bilden, um Zuständigkeiten zu klären und vor allem den Überblick zu behalten.

Auch kam in der Sitzung die Frage auf: „Was geht an Zahlungsverpflichtungen in die neue Währung?“ Alle wussten, dass der Währungswechsel kommt, und auch wenn keiner sagen konnte, wann genau der „Tag X“ sein wird, war davon auszugehen, dass die Feier erst danach sein würde, während sämtliche Finanzierungskonzepte noch auf der Reichsmark basierten.

Man tappte vollkommen im Dunkeln, so mutmaßte noch am 17. Juni der Geschäftsführer einer Bielefelder Werbefirma im Gespräch mit einer Delegation der Stadt Enger, dass die Umstellung von Reichsmark auf D-Mark wohl erst am 27. Juni sein würde. Wie wir heute wissen, war sie dann doch schon am 20. Juni, so dass ab dem 21. Juni die D-Mark alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel war.

So ist es nicht verwunderlich, dass es damals in der Bevölkerung unterschiedlichste Gerüchte gab, Waren gehortet wurden oder wenn sie doch verkauft wurden, dann in der Regel zu völlig überteuerten Preisen. Kompensationsgeschäfte bekamen so eine noch größere Bedeutung als sie ohnehin schon hatten.

Und da nach wie vor Papier als Rohstoff knapp war, und der Druck – wie bekannt – nur im Tausch gegen Altpapier zu realisieren war, die allgemeine Sammlung aber nicht ausreichte, kam man zusätzlich auf die Idee, den Preis für das Festbuch zu staffeln: Wer 3 kg Altpapier abliefert, bekommt das Buch für 6 DM und alle anderen müssen 7 DM bezahlen.

Erste Exemplare für auswärtige Gäste reserviert

Trotz aller Widrigkeiten ist das Buch rechtzeitig fertig geworden und auch im geplanten Umfang erschienen: 400 Seiten, 36 Bildseiten, Messtischblatt, Auflage 5.000 Stück.

Da nicht die gesamte Auflage auf einmal geliefert werden konnte, wurde die Engeraner Bevölkerung zu Beginn der Feierlichkeiten gebeten, noch etwas mit dem Kauf und der Abholung der Vorbestellungen zu warten und die ersten verfügbaren Exemplare den auswärtigen Gästen zu überlassen.

Auch heute noch werden vereinzelt Exemplare antiquarisch angeboten, der Preis liegt meist um die 10 Euro, bei besonders gut erhaltenen Exemplaren auch bei bis zu 50 Euro. Selbst letzterer Preis spiegelt aber heute in keiner Weise die Bedeutung und den Wert wider, den das Buch 1948 für die Stadt Enger hatte, und auch nicht den Wert, den es heute als zeitgeschichtliches Dokument dieser Phase der deutschen Nachkriegsgeschichte hat.

 

Zuerst erschienen in: HF-Magazin. Heimatkundliche Beiträge aus dem Kreis Herford, Nr. 127, 13.12.2023, herausgegeben von der Neuen Westfälischen.

Link: https://www.kreisheimatverein.de/wissen/hf-magazin/

Kategorie: Aus anderen Sammlungen

Schlagworte: Schriftgut · Jürgen Münch