18.12.2020

Archivbestände vorgestellt: Die Feldpostbriefe der Brüder Willy und Rudolf Beckers

Umschlag und Briefbögen der Feldpostbrief von Willy Beckers an Familie Beckers vom 15.12.1942. Archiv für Alltagskultur, Inv.-Nr.: K02451.1151.

Kathrin Hüing

 

„Hagedorn ist jetzt auch wieder in Dülken eingetroffen, nachdem er 8 Tage im […] Lazarett war. Inzwischen hat er allerdings wieder Pech gehabt. Er wurde in eine Schlägerei verwickelt, und hat ein dickes Auge und einen Brummschädel davon getragen.“ (K02451.0795, Feldpostbrief von Willy Beckers an Familie Beckers vom 17.02.1939)

Geschichten über den Kameraden Hagedorn und andere Kameraden prägen die Feldpostbriefe von Willy (Wilhelm) Beckers an seine Familie in Rheine. Sie dienten wohl dazu, vom Gräuel des Krieges abzulenken und der Front ein menschliches Gesicht zu geben. Willy Beckers und sein Bruder Rudolf dienten in der Wehrmacht als Kraftfahrer und Funker. Ein umfangreiches Konvolut aus über 1300 Briefen, Dokumenten und Schriftstücken, datiert auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts erzählt über den Werdegang und den Fronteinsatz der Brüder und das Leben der Familie in der Heimat.

Willy Beckers wurde 1913 geboren, ging in Rheine zur Schule und lernte Textil- und Einzelhandelskaufmann. Die Familie Beckers betrieb am Markt in Rheine ein Wäschegeschäft, welches auch in den Briefen immer wieder erwähnt wird. Während seiner Jugend war Willy bei den Pfadfindern. Anhand der Briefe und Dokumente im Bestand lässt sich nachverfolgen, dass er 1935 in den Reichsarbeitsdienst eintrat und ab 1939 Angehöriger der Wehrmacht wurde. Dülken im Kreis Viersen, wo sich der Kamerad Hagedorn sein dickes Auge abgeholt hatte, war für Willy nach Glogau und Köln die dritte Station. Danach wurde er unter anderem in Frankreich, Polen, Bulgarien, Griechenland und zuletzt in Russland eingesetzt. Seine in den Briefen formulierten Berichte sind häufig vom Alltagsgeschehen in den Quartieren der Soldaten geprägt, wie auch ein Brief zu Beginn von 1940 bezeugt:

„Meine Lieben,

Es ist Montag Mittag nach Dienstschluss. Wir sitzen in unserem Saal und trinken Kaffee, während ein Kamerad von uns auf seiner Ziehharmonika Nachmittagskonzert macht. Gestern bin ich glücklich um ½ 2 Uhr in meinem Quartier gelandet.“ (K02451.0806, Feldpostbrief von Willy Beckers an Familie Beckers vom 21.02.1940).

 

Umschlag eines Feldpostbriefes aus Russland von Willy Beckers an Familie Beckers vom 15.12.1942. Archiv für Alltagskultur, Inv.-Nr.: K02451.1151.

Willys Briefe umfassen häufig zwei oder drei Seiten. Die Inhalte der Berichte verändern sich mit dem Verlauf des Kriegs und seinen Einsatzorten. Er schreibt von erhaltenen Paketen und vom Wetter, von örtlichen Besonderheiten, von aktuellen Entwicklungen des Krieges, aber auch vom Ausharren in Schützengräben und Bunkern. Mit Rücksicht auf die Familie werden die Gräuel des Krieges aber ausgespart oder nur angedeutet. Einer seiner letzten Feldpostbriefe, ist im Dezember 1942 in Russland verfasst worden:

„Meine Lieben,

in zehn Tagen ist Weihnachten, und wir wissen noch nicht wie es dann aussehen wird. In dem Bunker in dem wir uns z. Zt. mit anderen Kammeraden unserer neuen Einheit befinden, hatte ein Kamerad die Tageblätter seines Vaters aus dem Weltkrieg bekommen. Er solle sie lesen, wenn es ihm mal besonders dreckig ginge. Wir haben sie heute alle mal durchgelesen. Es sind nur ein paar Stunden am Tage, an denen der Lichtschein, der durch das kleine Fenster fällt, genügt um etwas zu lesen oder zu schreiben. Wenn dann die Möglichkeit besteht zu schreiben, werde ich die Gelegenheit benutzen, damit ihr wenigstens etwas beruhigt sein könnt. […] Bei allem was wir jetzt durchmachen, bleibt immer die eine Hoffnung, dass wir es noch besser haben als die Kammeraden die tot, verwundet oder vermisst sind. Gestern bekamen wir unsere ganze Löhnung nachgezahlt ab 1.11 im ganzen 100 RM. Aber was nützt das Geld. […] Ich habe mir schon vorgenommen in den Tagen, in denen unser Leben nicht mehr viel Wert war, dieses Geld für irgendeinen guten Zweck auszugeben, wenn mal alles vorbei ist." (K02451.1151, Feldpostbrief von Willy Beckers an Familie Beckers vom 15.12.1942).

 

Anfang 1943 begann ein reger Briefwechsel von Mutter Anni Beckers mit Familienangehörigen der Kameraden ihres Sohnes Willy. Zu dieser Zeit hatte die Familie Beckers bereits längere Zeit nichts von Willy gehört. Aus den Antwortbriefen lässt sich schließen, dass Willy und seine Kameraden in der Nähe von Stalingrad eingesetzt waren. Die Angehörigen hatten aber auch ein Jahr später noch keine definitive Nachricht von den Soldaten und deren Verbleib.

Neben Suchanfragen bei Vorgesetzten und dem Roten Kreuz entstand in dieser Zeit ein Briefkontakt mit einer Frau Hanisch in Grünwald im Landkreis München. Regelmäßige Briefe zeugen von einer sich verstärkenden freundschaftlichen Bindung der Frauen. Frau Hanisch, deren Mann mit Willy im Krieg war, bestellte sogar Wäsche in Rheine.

Der Brief vom 07.05.1943 beginnt ähnlich wie weitere Briefe von Frau Hanisch an Anni Beckers: „Zunächst möchte ich Ihnen recht herzlich für Ihren lieben Brief vom 2.5. danken. So’n Briefel von Ihnen ist zu schön.“

Frau Hanisch erzählt von ihrer Familie und ihren Schwestern, aktuell helfe sie in der Landwirtschaft ihres Vaters aus, denn „Es wird ja auch jeder Mann gebraucht.“. Sie schreibt von den Plänen ihres Ehemanns bevor der Krieg kam „Aber leider – es sollte nicht sein. Hoffen wir nur für die Zukunft das Beste. Ich kannte meinen Mann 7 Jahr.“ (K02451.1198, Brief von Elfriede Hanisch an Anni Beckers mit Bild). Dem Brief liegt ein Hochzeitsfoto der Eheleute Hanisch bei.

Brief von Elfriede Hanisch an Anni Beckers, mit beigelegtem Bild vom Hochzeitstag der Eheleute Hanisch. Archiv für Alltagskultur, Inv.-Nr.: K02451.1198.

Die erhaltenen Dokumente lassen vermuten, dass Willy Beckers in der Schlacht um Stalingrad gefallen ist. Willys Bruder Rudolf schrieb der Familie über 300 Briefe von der Front. Anders als sein Bruder überlebte er den Krieg. Ergänzend dazu enthält der Bestand eine Mappe mit Passierscheinen, Dokumente von Lehrgängen und weiteres zeitgenössisches, vielfach militärisches Informationsmaterial. Briefe von ehemaligen Kriegskameraden aus den 1950er und 1960er Jahren, in denen es um Treffen mit Freunden und gemeinsame Urlaube mit den Ehefrauen geht, sind die jüngsten Schriftdokumente aus dem Bestand.

Die Dichte des Bestandes macht seine Besonderheit aus. Die rund 1350 Objekte dokumentieren sehr eindringlich den Verlauf des zweiten Weltkriegs aus der persönlichen Sicht zweier Brüder. Schulzeugnisse, Zeitungsausschnitte und Notizen zeugen von der Kindheit und Jugend der Brüder Beckers in Rheine. Durch mehrere Jahrzehnte hindurch – schwerpunktmäßig in der Zeit des Zweiten Weltkriegs – lässt sich das Leben zweier Soldaten und ihrer Familie nachverfolgen Die vergleichsweise ausführlichen Briefe ermöglichen einen individuellen Einblick in den Kriegsalltag. Die Feldpostbriefe und alle weiteren Dokumente können im Archiv für Alltagskultur in Westfalen eingesehen werden.

 

Personenbestand Beckers, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, K02451.

Kategorie: Aus unserer Sammlung

Schlagworte: Kathrin Hüing · Schriftgut · Nationalsozialismus · Bestandsbeschreibungen · Zweiter Weltkrieg