Bilder am laufenden Band. Fotografen des Bochumer Vereins für Gussstahlfabrikation

27.01.2026 Niklas Regenbrecht

Blick ins Buch: Ralf Stremmel, Mehr als Industriefotografie.

Timo Luks

Es handelt sich um eine umfangreiche und herausragende Sammlung, die sich inzwischen im Historischen Archiv Krupp befindet und dort mit großem Aufwand aufgearbeitet und zugänglich gemacht wird: über 50.000 Fotos in einer Vielzahl von Formaten, die angestellte Fotografen des Bochumer Vereins für Gussstahlfabrikation seit Mitte der 1920er Jahre anfertigten.

Eine kleine, dem Anspruch nach durchaus repräsentative Auswahl ist nun in einem großformatigen Bildband erschienen, herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Ralf Stremmel, Leiter des Historischen Archivs Krupp bei der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Essen. Dem Band geht es um einen „Querschnitt durch das vorhandene facettenreiche Oeuvre“. Er will „die Fotografien in Zusammenhänge einordnen, ihren Konstruktionscharakter offenlegen bzw. ihr Zustandekommen und ihre Verwendung empirisch rekonstruieren. Die Bilder sollen nicht nur sichtbar gemacht werden, sondern auch verstehbar, und zwar durch Einordnungen in fotografische, zeithistorische und unternehmensgeschichtliche Kontexte. […] Die kurzen Einleitungen zu den Kapiteln wollen auf ausgewählte Forschungsergebnisse hinweisen, Fragen anreißen, Interpretationshorizonte aufzeigen und im günstigsten Fall Anregungen für künftige weitere Auseinandersetzungen mit den Bildern geben.“ (S. 8) Das, so viel vorweg, gelingt durchaus.

Der Bochumer Verein ging 1926 in die neu gegründete Vereinigte Stahlwerke AG ein und war mit 22.000 Beschäftigen im Jahr 1938 weiterhin der größte Einzelbetrieb der Stadt. Markenzeichen waren Glocken und Gussstahl – und die Produktion von Geschossen. Der Bochumer Verein richtete früh eine fotografische Abteilung ein, die auch eigene Lehrlinge ausbildete. Zudem existierte im Unternehmen ein Kreis begeisterter Amateurfotografen, organisiert in der Lichtbildnergemeinschaft. Ein massiver Professionalisierungsschub setzte in den frühen 1930er Jahren ein. Bis dato verfügte man lediglich über eine großformatige Plattenkamera, die aufgrund der langen Belichtungszeit dynamische Aufnahmen kaum möglich machte. Ab 1932 waren bis zu drei Lehrlinge und vier Fotografen, dazu ein Laborgehilfe und ein Fotolaborant beschäftigt, die auf modernste Ausrüstung zurückgreifen konnten. „Man darf“, so schreibt Ralf Stremmel, „das Fazit ziehen, dass die Werksfotografie beim Bochumer Verein einen außergewöhnlich hohen Stellenwert besaß und über eine besonders vielfältige Ausstattung verfügte, nicht zuletzt auch von überdurchschnittlich talentierten Fotografen geprägt war.“ (S. 25)

Werksfotografie, das bestätigt der Blick auf die meisten abgebildeten Fotografien, zielte nicht auf den Arbeitsalltag, sondern auf das Außergewöhnliche und Beispielhafte – mit Blick auf die Produkte, die Produktionsprozesse, Arbeitsplätze, soziale Einrichtungen usw. So entstanden nach 1933 etwa zahlreiche Bilder, „die gezielt die Erfolge der nationalsozialistischen Kampagne Schönheit der Arbeit der Deutschen Arbeitsfront beweisen sollten und entsprechend in der Werkszeitung präsentiert wurden.“ (S. 35) Werksfotografie hatte immer auch eine ideologische, propagandistische Dimension – sowohl nach innen als auch nach außen. Der Band zum Bochumer Verein zeigt das eindrücklich.

Blick ins Buch: Ralf Stremmel, Mehr als Industriefotografie.

Die Einleitung, Einordnungen und Kommentare, die Ralf Stremmel den Bildern zur Seite stellt, weisen einen fotografiehistorischen Schwerpunkt auf, das allerdings in einem umfassenden Sinn verstanden: Leserinnen und Leser erfahren Einiges über die Produktionsbedingungen der Bilder (etwa Personal, Ausstattung und Arbeitsweise der Fotoabteilung). Dem Band gelingt es zudem, die Aufmerksamkeit auf Fragen der Zensur und der Bildbearbeitung zu lenken.

Interne Zensur griff vor allem dann, wenn unbeabsichtigt nachlässige Arbeitsvorgänge oder ein problematischer Umgang mit Sicherheitsvorschriften fotografiert wurden. Fragen der Bildbearbeitung waren komplexer, und sie gingen einher mit dem jeweils angedachten Verwendungszweck. „Selbst in den Augen der Werksfotografen waren ihre Aufnahmen alles andere als auratische Kunstwerke“, so schreibt Stremmel, „sondern Rohstoff, der weiterverarbeitet werden konnte und vielfach auch musste. […] Im Regelfall neutralisierte man den Hintergrund, schäfte Konturen oder entfernte als störend oder überflüssig empfundene Details. Anweisungen der Auftraggeber liefen etwa darauf hinaus, dass Beschäftigte und Maschinen in den Werkshallen ‚verschwinden‘ sollten, um das abgebildete Produkt hervorzuheben oder dessen Umrisse ‚unter leichter Verstärkung‘ zu betonen. […] Nach all den Bearbeitungen wirkten solche Fotografien am Ende manchmal wie Zeichnungen.“ (S. 33) Der Band führt diesen Prozess durch das Nebeneinanderstellen von Bildern in verschiedenen Bearbeitungsstufen vor.

Im betrieblichen Alltag des Bochumer Vereins, das unterstreicht Ralf Stremmel nachdrücklich, waren Fotografien „ubiquitär“: in der Werkszeitung, mit der Verteilung von Fotografien, die bei Jubiläen und Feierlichkeiten angefertigt worden waren, in Form von Bildbänden als Geschenk für Jubilare und Führungskräfte. „Fotografien schmückten Firmenkalender, Programmhefte von Veranstaltungen oder Grußkarten zu Weihnachten, und gerahmt hingen Fotografien häufig […] an den Wänden von Aufenthalts-, Sozial- und Büroräumen“. Fotografie, so Stremmel, „sollte wirken. Sie sollte Erinnerung wachhalten, den Stolz der Beschäftigten auf ihr Unternehmen mehren, ein solidarisches Gemeinschaftsgefühl bzw. die Verbundenheit zwischen Firmenleitung und Arbeitnehmern fördern. Sie sollte das Werk mit der persönlichen Lebensgeschichte der Beschäftigten noch fester verknüpfen, kurz: Identität stiften. Darüber hinaus konnten Fotografien konkreten Nutzen erfüllen, insbesondere als Mahnung bzw. Appell, Sicherheitsregeln zu beachten.“ (S. 40f.) Zudem wurden zahlreiche Fotografien Zeitungen und großen Fotoagenturen oder Ansichtskartenverlagen überlassen.

Blick ins Buch: Ralf Stremmel, Mehr als Industriefotografie.

Hinsichtlich des Stils weist Ralf Stremmel zurecht darauf hin, dass Werksfotografie kaum der Ort war, an dem Fotografinnen und Fotografen einem Drang nach Originalität nachgehen konnten. Motive, Perspektiven usw. wirken oft austauschbar – und zwar auch dann, wenn man die Bildproduktion unterschiedlicher Unternehmen miteinander vergleicht. Dennoch eignet der Mehrheit der Bilder eine erkennbare „Modernität“, das heißt Werksfotografinnen und Werksfotografen waren offen für die Trends ihrer Zeit und adaptierten bestimmte Elemente, wenn auch in abgemilderter und angepasster Form. Im Verhältnis zur Neuen Sachlichkeit lag das tatsächlich besonders nahe: „Neusachliche Fotografien zeichneten sich durch höchste Präzision des Abbildes aus, durch die Fokussierung auf vertikale oder horizontale Linien als Kompositionsprinzip der Bilder, durch die klare, mit feinen Ton- bzw. Lichtabstufungen herausbearbeitete Darstellung von Struktur und Form abgebildeter Objekte, überhaupt durch die puristische Konzentration auf Dinge bzw. durch menschenleere Zeitlosigkeit.“ (S. 44) Diesem typisierenden – nicht nur auf Dinge, sondern auch auf Menschen gerichteten – Blick ist beispielsweise das Chemnitzer Museum Gunzenhauser unlängst in einer Ausstellung zum „neusachlichen Typenporträt in der Weimarer Zeit“ nachgegangen. Hier wie in zahlreichen Fotografien arbeitender Menschen beim Bochumer Verein (und andernorts) blieb, so Ralf Stremmel, „die porträtierte Person zugleich stets erkennbar als Typus eines Industriebeschäftigten. [...] Bezeichnenderweise blieben die allermeisten Porträtierten anonym; niemand hielt es für wert, die Namen festzuhalten. Häufig zielte das Bild eben darauf, aus dem Individuum einen Typus zu kreieren, den kraftvollen heroischen Sieger im Kampf mit Material und Maschine.“ (S. 161f.)

Mehr als Industriefotografie. Aufnahmen der Fotografen des „Bochumer Vereins für Gussstahlfabrikation“, 1927–1945 bietet einen hervorragend aufbereiteten Ausgangspunkt für die weitere Beschäftigung mit einen hochgradig spannenden Bildbestand. Der Band erschließt zahlreiche Themen, und er tut dies in einer Weise, die auch für Leserinnen und Leser interessant ist, die keine Spezialist:innen für Fotografie- oder Industriegeschichte sind. Letzteres kommt im Band aus meiner Sicht (als Industriehistoriker) tatsächlich auch etwas kurz. Wie Arbeit in den Bildern konkret repräsentiert und gerahmt wurde, wird in der Einleitung und den Einordnungen oft nur relativ knapp und allgemein angesprochen. Anschließend an die Pionierarbeiten des Historikers Alf Lüdtke zeigt ein aufmerksamer Blick in den Band, dass sich zahlreiche Fotos nicht auf „den kraftvollen heroischen Sieger im Kampf mit Material und Maschine“ reduzieren lassen. Unzählige Hände in Großaufnahme oder konzentrierte Blicke von Arbeitern auf ihr Werkstück – darin stecken Konzepte „Deutscher Qualitätsarbeit“ oder qualifizierter Handarbeit, die in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus immens wirkmächtig waren, und zwar umso mehr, je größer die Betriebe und je maschinisierter die Arbeit wurde.

 

Literatur:

Stremmel, Ralf: Mehr als Industriefotografie. Aufnahmen der Fotografen des „Bochumer Vereins für Gussstahlfabrikation“, 1927–1945. Münster 2025.

Groos, Ulrike/Höhne, Dierk/Vieth, Anne/Richter, Anja (Hg.): Sieh dir die Menschen an! Das neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit. Berlin 2023.

Lüdtke, Alf: Industriebilder – Bilder der Industriearbeit? Industrie- und Arbeiterphotographie von der Jahrhundertwende bis in die 1930er Jahre. In: Historische Anthropologie 1 (1993), S. 394–430.