Timo Luks
Es handelt sich um eine umfangreiche und herausragende Sammlung, die sich inzwischen im Historischen Archiv Krupp befindet und dort mit großem Aufwand aufgearbeitet und zugänglich gemacht wird: über 50.000 Fotos in einer Vielzahl von Formaten, die angestellte Fotografen des Bochumer Vereins für Gussstahlfabrikation seit Mitte der 1920er Jahre anfertigten.
Eine kleine, dem Anspruch nach durchaus repräsentative Auswahl ist nun in einem großformatigen Bildband erschienen, herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Ralf Stremmel, Leiter des Historischen Archivs Krupp bei der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Essen. Dem Band geht es um einen „Querschnitt durch das vorhandene facettenreiche Oeuvre“. Er will „die Fotografien in Zusammenhänge einordnen, ihren Konstruktionscharakter offenlegen bzw. ihr Zustandekommen und ihre Verwendung empirisch rekonstruieren. Die Bilder sollen nicht nur sichtbar gemacht werden, sondern auch verstehbar, und zwar durch Einordnungen in fotografische, zeithistorische und unternehmensgeschichtliche Kontexte. […] Die kurzen Einleitungen zu den Kapiteln wollen auf ausgewählte Forschungsergebnisse hinweisen, Fragen anreißen, Interpretationshorizonte aufzeigen und im günstigsten Fall Anregungen für künftige weitere Auseinandersetzungen mit den Bildern geben.“ (S. 8) Das, so viel vorweg, gelingt durchaus.
Der Bochumer Verein ging 1926 in die neu gegründete Vereinigte Stahlwerke AG ein und war mit 22.000 Beschäftigen im Jahr 1938 weiterhin der größte Einzelbetrieb der Stadt. Markenzeichen waren Glocken und Gussstahl – und die Produktion von Geschossen. Der Bochumer Verein richtete früh eine fotografische Abteilung ein, die auch eigene Lehrlinge ausbildete. Zudem existierte im Unternehmen ein Kreis begeisterter Amateurfotografen, organisiert in der Lichtbildnergemeinschaft. Ein massiver Professionalisierungsschub setzte in den frühen 1930er Jahren ein. Bis dato verfügte man lediglich über eine großformatige Plattenkamera, die aufgrund der langen Belichtungszeit dynamische Aufnahmen kaum möglich machte. Ab 1932 waren bis zu drei Lehrlinge und vier Fotografen, dazu ein Laborgehilfe und ein Fotolaborant beschäftigt, die auf modernste Ausrüstung zurückgreifen konnten. „Man darf“, so schreibt Ralf Stremmel, „das Fazit ziehen, dass die Werksfotografie beim Bochumer Verein einen außergewöhnlich hohen Stellenwert besaß und über eine besonders vielfältige Ausstattung verfügte, nicht zuletzt auch von überdurchschnittlich talentierten Fotografen geprägt war.“ (S. 25)
Werksfotografie, das bestätigt der Blick auf die meisten abgebildeten Fotografien, zielte nicht auf den Arbeitsalltag, sondern auf das Außergewöhnliche und Beispielhafte – mit Blick auf die Produkte, die Produktionsprozesse, Arbeitsplätze, soziale Einrichtungen usw. So entstanden nach 1933 etwa zahlreiche Bilder, „die gezielt die Erfolge der nationalsozialistischen Kampagne Schönheit der Arbeit der Deutschen Arbeitsfront beweisen sollten und entsprechend in der Werkszeitung präsentiert wurden.“ (S. 35) Werksfotografie hatte immer auch eine ideologische, propagandistische Dimension – sowohl nach innen als auch nach außen. Der Band zum Bochumer Verein zeigt das eindrücklich.