Timo Luks
Ein Blick in den Bildbestand des Archivs für Alltagskultur in Westfalen zeigt: Fahrräder sind allgegenwärtig. Sie lehnen an Häusern, stehen vor Geschäften oder Kirchen, werden bei Umzügen von spontan Zuschauenden an der Hand gehalten, durchs Bild geschoben und natürlich auch gefahren. Ebenso vielfältig wie Situationen und Orte sind die Fahrradtypen: Kinderräder, Tourenräder, hier und da ein Rennrad, „Herrenräder“ und „Damenräder“. Zahlreiche Bilder verdeutlichen allerdings, dass es sich bei Letzteren zuerst um Rahmenformen handelt. „Herren“ entscheiden sich offenbar seit Langem immer wieder auch für ein „Damenrad“ – umgekehrt war das bis vor wenigen Jahrzehnten eher seltener der Fall.
Lässt man sich nicht von Rahmenformen und Modellkategorien leiten, sondern von Gebrauchsweisen, dann fällt auf, dass ein Typus besonders verbreitet war: das schwer beladene Fahrrad! Es ist erstaunlich was und wie Menschen im frühen und mittleren zwanzigsten Jahrhundert auf ihren Rädern transportierten, lange vor der Erfindung von Lastenrädern, die heute manchmal die Gemüter erhitzen.
Transporte mit dem Fahrrad – zum Teil abenteuerlich anmutend – waren gängig: im ländlichen Westfalen ebenso wie in Münster oder den Städten des Ruhrgebiets. Ein Klassiker war die Einkaufstasche am Lenker (oder anders verstaute Großeinkäufe). Was rückblickend so gefährlich aussieht, war jahrzehntelang selbstverständliche Praxis. Zurückgedrängt wurde sie vermutlich weniger von einem neuen Bewusstsein für Verkehrssicherheit. Wahrscheinlicher ist, dass der Dreiklang aus Umhängetasche, Rucksack und Gepäckträgertasche eine Rolle spielte. In Sachen Transport mit dem Rad gab es Vorbilder bei der Post. Posträder, denen gerade eine Ausstellung im Museum für Kommunikation (Berlin) gewidmet ist, wurden erstmals bereits 1896 versuchsweise und dann rasch flächendeckend eingesetzt, zunächst für den innerstädtischen Transport von Telegrammen und Rohrpostsendungen, dann auch für Brief- und Paketzustellungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das ein vielerorts vertrautes Bild gewesen sein. Vor allem auf dem Land beluden Zusteller ihre Räder mit Taschen und Paketen über alle vorgeschriebenen Gewichtsgrenzen hinaus. Diese Praxis dürfte nicht auf die Post beschränkt geblieben sein, zumal Lastenräder – etwa Dreiräder mit Kastenaufbau – um die Jahrhundertwende zwar durchaus weit verbreitet waren, ihr Einsatz aber ausschließlich gewerblich erfolgte, wie Marcus Popplow betont.