Das Rad der Wahl, Teil 1: „Lastenräder“

24.03.2026 Niklas Regenbrecht

Timo Luks

Ein Blick in den Bildbestand des Archivs für Alltagskultur in Westfalen zeigt: Fahrräder sind allgegenwärtig. Sie lehnen an Häusern, stehen vor Geschäften oder Kirchen, werden bei Umzügen von spontan Zuschauenden an der Hand gehalten, durchs Bild geschoben und natürlich auch gefahren. Ebenso vielfältig wie Situationen und Orte sind die Fahrradtypen: Kinderräder, Tourenräder, hier und da ein Rennrad, „Herrenräder“ und „Damenräder“. Zahlreiche Bilder verdeutlichen allerdings, dass es sich bei Letzteren zuerst um Rahmenformen handelt. „Herren“ entscheiden sich offenbar seit Langem immer wieder auch für ein „Damenrad“ – umgekehrt war das bis vor wenigen Jahrzehnten eher seltener der Fall.

Lässt man sich nicht von Rahmenformen und Modellkategorien leiten, sondern von Gebrauchsweisen, dann fällt auf, dass ein Typus besonders verbreitet war: das schwer beladene Fahrrad! Es ist erstaunlich was und wie Menschen im frühen und mittleren zwanzigsten Jahrhundert auf ihren Rädern transportierten, lange vor der Erfindung von Lastenrädern, die heute manchmal die Gemüter erhitzen.

Transporte mit dem Fahrrad – zum Teil abenteuerlich anmutend – waren gängig: im ländlichen Westfalen ebenso wie in Münster oder den Städten des Ruhrgebiets. Ein Klassiker war die Einkaufstasche am Lenker (oder anders verstaute Großeinkäufe). Was rückblickend so gefährlich aussieht, war jahrzehntelang selbstverständliche Praxis. Zurückgedrängt wurde sie vermutlich weniger von einem neuen Bewusstsein für Verkehrssicherheit. Wahrscheinlicher ist, dass der Dreiklang aus Umhängetasche, Rucksack und Gepäckträgertasche eine Rolle spielte. In Sachen Transport mit dem Rad gab es Vorbilder bei der Post. Posträder, denen gerade eine Ausstellung im Museum für Kommunikation (Berlin) gewidmet ist, wurden erstmals bereits 1896 versuchsweise und dann rasch flächendeckend eingesetzt, zunächst für den innerstädtischen Transport von Telegrammen und Rohrpostsendungen, dann auch für Brief- und Paketzustellungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das ein vielerorts vertrautes Bild gewesen sein. Vor allem auf dem Land beluden Zusteller ihre Räder mit Taschen und Paketen über alle vorgeschriebenen Gewichtsgrenzen hinaus. Diese Praxis dürfte nicht auf die Post beschränkt geblieben sein, zumal Lastenräder – etwa Dreiräder mit Kastenaufbau – um die Jahrhundertwende zwar durchaus weit verbreitet waren, ihr Einsatz aber ausschließlich gewerblich erfolgte, wie Marcus Popplow betont.

Neben diversen Taschen finden sich – ebenso verbreitet, oft aber spektakulärer – Kisten, Kästen und Kartons auf Gepäckträgern, teilweise in Konstruktionen, die nicht nur den Gesetzen der Schwerkraft und allen Lehrbüchern der Statik trotzen, sondern auch von der Chuzpe der Fahrerinnen und Fahrer zeugen.

„Frau mit Körben“, 1958, Fotograf: Adolf Risse, Münster-Nienberge (Archiv für Alltagskultur, 0000.09274)
„Frauen mit Blumenkörben“, 1958, Fotograf: Adolf Risse, Münster-Nienberge (Archiv für Alltagskultur, 0000.10795)

Auffällig ist, dass die Kunst des Stapelns sowohl von Frauen als auch Männern virtuos beherrscht und alltäglich praktiziert wurde. Allerdings: von Frauen und Männern eines gewissen Alters. Junge Leute begegnen uns in den Fotos nicht. Das mag auf ein anderes Verhältnis zum Fahrrad und alternative Nutzungsweisen hindeuten (denen ich in einem Folgebeitrag nachgehen werde).

Während Taschen, Kisten usw. sowohl in der Stadt als auch auf dem Land mit dem Rad transportiert wurden, verkörpert etwas anderes den ländliches Alltag auf ikonische Weise: die Milchkanne. Milch und Milchtransport nahmen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts einen durchaus prominenten Platz in zahlreichen sozialreformerischen Diskussionen ein. Schließlich verbanden sich darin Fragen der Gesundheit, Ernährung und Modernisierung des ländlichen Raums im Sinne einer Verzahnung von Stadt und Land, nicht zuletzt über Transportinfrastruktur. Anette Schlimm hat dem in ihrer Studie zur Geschichte der Verkehrsplanung ein schönes Kapitel gewidmet – am Beispiel eines neuen eines von der regionalen Eisenbahngesellschaft in Cornwall organisierten Milchsammelsystems. Wo in Cornwall LKWs Milchkannen einsammelten und zwecks Weitertransport zur nächsten Bahnstation transportierten, da dokumentieren Fotos im Archiv für Alltagskultur eine ganz sicher nicht nur westfälische, vermutlich aber eher ländliche als städtische Liaison von Milchkanne und Fahrrad.

„Köttersfrau mit leeren Milchkannen“, 1959, Fotograf: Adolf Risse, Münster-Nienberge (Archiv für Alltagskultur, 0000.20980)
„Leerdüppe wird mit dem Rad abgeholt“, 1959, Fotograf: Adolf Risse, Münster-Nienberge (Archiv für Alltagskultur, 0000.20982)
„Leere Milchkannen“, 1959, Fotograf: Adolf Risse, Münster-Nienberge (Archiv für Alltagskultur, 0000.20984)

Literatur:

Cantauw, Christiane: Lastenräder, in: Graugold. Magazin für Alltagskultur, 5 (2025), S. 173.

Popplow, Marcus: Lastenräder. Allround-Talente seit über hundert Jahren. Vom Einsatz im Gewerbe und bei der Postzustellung zur Privatnutzung, in: DAS ARCHIV – Magazin für Kommunikationsgeschichte 1 (2026), S. 20–23.

Schlimm, Anette: Ordnungen des Verkehrs Arbeit an der Moderne – deutsche und britische Verkehrsexpertise im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2011.

Wilhelm, Wenke: „niemals radlos. Das Fahrrad bei der Post“. Ein Rundgang durch die Geschichte des Postfahrrads, in: DAS ARCHIV – Magazin für Kommunikationsgeschichte 1 (2026), S. 8–13.

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