Das Soester „Karussell der Jugend“ – mehr als eine Kirmesattraktion

15.07.2025 Niklas Regenbrecht

Karussell der Jugend, Plakat 1959, Stadtarchiv Soest Q 91.

Barbara Stambolis

Ein Zelt am Rande der traditionsreichen Soester Allerheiligenkirmes sorgte in den 1960er Jahren für Furore. Es nannte sich „Karussell der Jugend“. Als besonderes Angebot für jugendliche Kirmesbesucher*innen startete es 1959. Es brachte jugendkulturell „Bewegung“ in die westfälische Provinz. Hier traten beispielsweise Reinhard Mey, Aviva Semadar, Franz-Josef Degenhardt oder die Gruppen „Kraftwerk“ und „Can“ auf. 1971 endete diese kurze Erfolgsgeschichte.

Die Freizeitwünsche junger Menschen, ihre Vorlieben, Musik zu hören und nach aktuellen Rhythmen zu tanzen, hatte der Soester Kreisjugendpfleger Rudolf Hilger im Blick, als er 1959 die Idee zu einer besonderen Jugendtanzveranstaltung in einem eigens zu diesem Zweck aufgestellten Zelt auf der Allerheiligenkirmes entwickelte und in die Tat umsetzte. Über zunächst 1959 fünf, dann ab 1960 alljährlich vier Tage erstreckte sich das bunte Programm. Das Plakat des Jahres 1959 wirbt mit den Stichworten: Jazz, Modenschau, Tanz, Kabarett und Quiz. Nach anfänglicher Zurückhaltung fand das „Karussell der Jugend“ großen Zuspruch. Fünf Jahre später luden folgende Ankündigungen zum Besuch ein: „Jugendveranstaltungen mit Tanzorchestern, Jazz, Skiffle, Tanz, Schautänzen, Turniertänzen, Kabaretts.“

Karussell der Jugend, Plakat 1964, Stadtarchiv Soest Q 92.

Der Fotograf Manfred Bauer hat das „Karussell der Jugend“ wahrscheinlich ab 1961, jedenfalls über mehrere Jahre hinweg dokumentiert. Im Laufe der 1960er Jahre waren etliche damals angesagte Künstler*innen und Gruppen in Soest im „Karussell“ zu Gast: Die oben bereits genannten sowie das Duo Hai und Topsi Frankl, Dieter Süverkrup und Hanns Dieter Hüsch. Sie gehörten zu den Akteur*innen, welche die Festivals Chanson Folklore International auf der Burg Waldeck im Hunsrück prägten. Manche wurden auch 1968 bei den Essener Songtagen einem breiteren Publikum bekannt. Klaus Suter, Soester Kreisjugendpfleger ab 1964 (in der Nachfolge Rudolf Hilgers), hatte die Essener Songtage besucht und er stand im Austausch mit Kollegen, unter anderem mit Kurt Oster, Stadtjugendpfleger in Recklinghausen 1960 bis 1966 und Organisator von Beat-Veranstaltungen (ab 1964), die legendär wurden. Im Laufe der 1960er Jahre zeichnete sich ein Wandel der Publikumserwartungen an das „Karussell“ ab. Das Interesse am Tanzen nahm ebenso ab wie das an Modenschauen, bei denen Schneiderlehrlinge ihre selbstentworfenen Kostüme prämieren lassen konnten. Die Aufmerksamkeit galt zunehmend den oftmals anspruchsvollen Texten der Kabarettisten und Liedermacher*innen. Auch experimentellen musikalischen Stilrichtungen gegenüber waren die Jugendlichen aufgeschlossen. So kam 1970 die Gruppe „Kraftwerk“ bei den „Karussell“-Besucher*innen gut an. Von dieser Veranstaltung gibt es einen Mitschnitt, auf dem auch die Jugendlichen Zuhörer*innen zu sehen sind. Aufgenommen worden war das Konzert für „Baff“, eine Jugendsendung des WDR.

Das jugendliche Publikum sollte in Soest ausdrücklich in die Programmgestaltung eingebunden werden, das war in dieser Form um 1970 herum keineswegs selbstverständlich. Ansprechpartner*innen fand das Jugendamt in der Schüler*innenbewegung, die sich vielerorts etabliert hatte. Vertreter*innen der Schülermitverwaltung der weiterführenden Schulen sowie der Fach- und Ingenieurschulen des Kreises Soest waren 1971 aufgerufen, einen Fragebogen auszufüllen und Wünsche für die nächsten „Karussell“-Planungen zu äußern. Die Antworten fielen deutlich aus: Die Jugendlichen, vor allem die 15-17-Jährigen, bevorzugten Pop und Beat. Ihre Vorliebe galt eindeutig den Gruppen „Kraftwerk“ und „Can“, deren Auftritte in Soest am 6. November 1970 offenbar einen starken Eindruck hinterlassen hatten. Viele befragte Jugendliche träumten für kommende Veranstaltungen von „Santana“, Frank Zappa, „Deep Purple“ oder „Pink Floyd“ und wünschten sich im Rahmenprogramm größerer Veranstaltungen vor Ort auch Filme wie „Schulmädchenreport“ oder „Zur Sache Schätzchen“ sowie „Antikriegsthemen“. Diese Erwartungen überschritten bei weitem die Möglichketen der „Karussell“-Organisatoren. Sie entsprachen zudem in keiner Weise dem 1970 vom Kreisjugendamt formulierten Ziel für das bevorstehende zwölfte „Karussell“, „der Jugend Gelegenheit zu geben, unter sich, in netter und sauberer Atmosphäre, ihr Volksfest zu feiern“. (Kreisarchiv Soest, Altkreis Soest 6985: Schreiben des Kreisjugendpflegers Klaus Suter vom 23.9.1970 an die Presse)

Band während ihres Auftritts beim Karussell der Jugend 1964, Kreisarchiv Soest F 1, Nr. 101484 (Fotograf: Manfred Bauer).
Tanzende Jugendliche beim Karussell der Jugend 1965, Kreisarchiv Soest F 1, Nr. 101582 (Fotograf: Manfred Bauer).

1971 fand das „Karussell“ letztmalig statt. Kritik an Alkohol- und Verdacht auf Haschischkonsum waren laut geworden. Diese Entwicklung sei nicht zu kontrollieren, sie laufe dem Jugendschutz zuwider, hieß es und deshalb strich die Kreisverwaltung die Mittel für das Jahr 1972. Einige Jugendliche äußerten sich in der Presse zu dem Beschluss, Bedauern löste er aber nicht aus. Das „Karussell“ sei eine „schlaffe Sache“ geworden, wurde ein Jugendlicher zitiert; ein anderer meinte, die Veranstaltung sei „zu jugendamtlich“ und ein weiterer, man könne „in die Prärie“, beispielsweise an den Möhnesee gehen. Im September des Jahres 1971 fiel eine „Jugendwoche“ in Soest mit geschätzten 1.500 Teilnehmer*innen weit hinter die Besucher*innenzahlen des „Karussells“ zurück, das 1970 rund 55.000 Gäste gezählt hatte.

Die Gründe für das Aus dieser kurzen Erfolgsgeschichte sind vielschichtig. Einige seien abschließend angedeutet. Professionelle Jugendarbeit zu leisten, bedeutete wohl oft einen Spagat zwischen erzieherischen Aufgaben und gesellschaftlichen Erwartungen an disziplinierendes Eingreifen einerseits und einem angemessenen Umgang mit dem Bedürfnis Heranwachsender nach selbstbestimmten Handlungsräumen andererseits. In den ersten Jahren seines Bestehens bot das „Karussell“ zweifellos einen innovativen und passenden Rahmen für damals aktuelle Freizeitvorstellungen Jugendlicher. Was sie sich unter Freizeit ohne Kontrolle Erwachsener oder unter musikalischen Events vorstellten, wandelte sich indes rasant. Auch andere denkwürdige jugendkulturell interessante Events der 1960er Jahre waren kurzlebig. Die Festivals Chanson Folklore International auf der Burg Waldeck im Hunsrück erlebten nur eine kurze Blütezeit in den Jahren 1964 bis 1969. Die Songtage im Grugapark in Essen waren 1968 ein einmaliges Ereignis. Die Life-Konzerte in der Vestlandhalle Recklinghausen hatten ihre größte Resonanz in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Vielerorts etablierten sich damals bereits Diskotheken, die organisatorisch und finanziell preisgünstigere Möglichkeiten boten, angesagte Rock- und Popmusik zu hören. Der Musikgeschmack Jugendlicher wandelte sich ebenso wie der Musikmarkt ...

 

Literatur:

Peter Klose: Die Erfindung des Rockkonzerts in der Provinz. Ein praxeologischer Blick auf das Soester ‚Karussell der Jugend‘ 1959-1971, in: Ralf von Appen, Mario Dunkel (Hg.): (Dis-) Orientiering Sounds. Machtkritische Perspektiven auf populäre Musik, Bielefeld 2019, S. 233-260.

Detlef Mahnert, Harry Stümer: Zappa, Zoff und Zwischentöne. Die Internationalen Essener Songtage 1968, Essen 2008.

Detlef Siegfried: Time Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006 (Neuauflage mit einem Nachwort des Autors 2017).

Barbara Stambolis: Jugend in Bewegung. Soest in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren, in: Soester Zeitschrift 2025, in Vorbereitung.

Quellen:

Manfred Bauer: Bananen für Joséphine, Neckarsulm 1997, S. 132-140.

Lange Nächte mit Jazz und Tanz. Im Karussell der Jugend in Soest. https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/rockpalast/video-kraftwerk---karussell-fuer-die-jugend-soest--100.html (zuletzt aufgerufen am 07.04.2025).