1971 fand das „Karussell“ letztmalig statt. Kritik an Alkohol- und Verdacht auf Haschischkonsum waren laut geworden. Diese Entwicklung sei nicht zu kontrollieren, sie laufe dem Jugendschutz zuwider, hieß es und deshalb strich die Kreisverwaltung die Mittel für das Jahr 1972. Einige Jugendliche äußerten sich in der Presse zu dem Beschluss, Bedauern löste er aber nicht aus. Das „Karussell“ sei eine „schlaffe Sache“ geworden, wurde ein Jugendlicher zitiert; ein anderer meinte, die Veranstaltung sei „zu jugendamtlich“ und ein weiterer, man könne „in die Prärie“, beispielsweise an den Möhnesee gehen. Im September des Jahres 1971 fiel eine „Jugendwoche“ in Soest mit geschätzten 1.500 Teilnehmer*innen weit hinter die Besucher*innenzahlen des „Karussells“ zurück, das 1970 rund 55.000 Gäste gezählt hatte.
Die Gründe für das Aus dieser kurzen Erfolgsgeschichte sind vielschichtig. Einige seien abschließend angedeutet. Professionelle Jugendarbeit zu leisten, bedeutete wohl oft einen Spagat zwischen erzieherischen Aufgaben und gesellschaftlichen Erwartungen an disziplinierendes Eingreifen einerseits und einem angemessenen Umgang mit dem Bedürfnis Heranwachsender nach selbstbestimmten Handlungsräumen andererseits. In den ersten Jahren seines Bestehens bot das „Karussell“ zweifellos einen innovativen und passenden Rahmen für damals aktuelle Freizeitvorstellungen Jugendlicher. Was sie sich unter Freizeit ohne Kontrolle Erwachsener oder unter musikalischen Events vorstellten, wandelte sich indes rasant. Auch andere denkwürdige jugendkulturell interessante Events der 1960er Jahre waren kurzlebig. Die Festivals Chanson Folklore International auf der Burg Waldeck im Hunsrück erlebten nur eine kurze Blütezeit in den Jahren 1964 bis 1969. Die Songtage im Grugapark in Essen waren 1968 ein einmaliges Ereignis. Die Life-Konzerte in der Vestlandhalle Recklinghausen hatten ihre größte Resonanz in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Vielerorts etablierten sich damals bereits Diskotheken, die organisatorisch und finanziell preisgünstigere Möglichkeiten boten, angesagte Rock- und Popmusik zu hören. Der Musikgeschmack Jugendlicher wandelte sich ebenso wie der Musikmarkt ...
Literatur:
Peter Klose: Die Erfindung des Rockkonzerts in der Provinz. Ein praxeologischer Blick auf das Soester ‚Karussell der Jugend‘ 1959-1971, in: Ralf von Appen, Mario Dunkel (Hg.): (Dis-) Orientiering Sounds. Machtkritische Perspektiven auf populäre Musik, Bielefeld 2019, S. 233-260.
Detlef Mahnert, Harry Stümer: Zappa, Zoff und Zwischentöne. Die Internationalen Essener Songtage 1968, Essen 2008.
Detlef Siegfried: Time Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006 (Neuauflage mit einem Nachwort des Autors 2017).
Barbara Stambolis: Jugend in Bewegung. Soest in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren, in: Soester Zeitschrift 2025, in Vorbereitung.
Quellen:
Manfred Bauer: Bananen für Joséphine, Neckarsulm 1997, S. 132-140.
Lange Nächte mit Jazz und Tanz. Im Karussell der Jugend in Soest. https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/rockpalast/video-kraftwerk---karussell-fuer-die-jugend-soest--100.html (zuletzt aufgerufen am 07.04.2025).