Die Herdbank – ein vergessenes Möbelstück

09.01.2026 Niklas Regenbrecht

Herdbank an einem offenen Herdfeuer in Altenlingen (Foto um 1900, Archiv von Galen-Beversundern).

Andreas Eiynck

„Den Kopf des Hauses und den Mittelpunkt der Familie bildete der Herd. Er lag ursprünglich reichlich einen Meter von der Hinterwand des Hauses entfernt. Zwischen beiden stand eine große Holzbank, die Unnerherds- oder Reckbank.“ So beschrieb Franz Jostes 1904 in seinem „Westfälischen Trachtenbuch“ ein Möbelstück, dass im 19. Jahrhundert offenbar in jede Küche eines Bauernhauses mit offenem Herdfeuer gehörte.

Umso erstaunlich ist es, dass solche Herdbänke im überlieferten Möbelbestand und auch in den Sammlungen der westfälischen Museen kaum noch vorhanden sind. Herdbänke waren einfache Gebrauchsmöbel, die in den Haushalten einem starken Verschleiß unterworfen waren. Für museale Zwecke unter dem Aspekt der „Volkskunst“ erschienen sie den Sammler:innen zu unscheinbar. Auch in der umfangreichen Literatur zu bäuerlichen Möbeln im westfälischen Raum ist über dieses Möbel wenig zu erfahren.

Aus dem Emsland wird 1907 berichtet: „Hinter dem Herdfeuer stand – und steht noch oft – die Herdbank“. In der dortigen Region sind einige Beispiele dieses Möbeltyps in Fotografien dokumentiert oder als Realien überliefert. Sie stammen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und sind in Bauernhäusern, wo noch eine große Küche mit einer Herdstelle vorhanden ist, vereinzelt noch bis heute in Gebrauch. Bei einer Bestandsaufnahme von historischen Kücheneinrichtungen und Herdstellen im Emsland in den 1990er-Jahren wurden einige dieser Herdbänke vor Ort dokumentiert. Ein Beispiel:

Herdwand in geschwungenen Biedermeier-Formen in einem Bauernhaus in Lengerich (1990).

Das frühere Bauernhaus Beerlage in Lengerich (Emsland) entstand im 18. Jahrhundert als großes Fachwerk-Hallenhaus ohne Trennwand zwischen Diele und Küche mit einer offenen Feuerstelle in der Mitte des Fletts (Flett nennt man den Wohnbereich der Diele im niederdeutschen Hallenhaus). https://emslandmuseum.de/2024/07/08/das-alte-bauernhaus-berlage-in-lengerich/

1830 trennte man im Hause Beerlage die Küche von der Diele ab. Auf der Rückseite der Feuerstelle entstand gleichzeitig eine steinerne und somit brandsichere Herdwand, die mit ornamentierten Sandsteinplatten und einer Bildfläche aus niederländischen Wandfliesen dekoriert wurde. Aus dieser Zeit stammte auch die zugehörige Herdbank. Sie zeigte geschwungene Seitenteile und walzenförmige Armlehnen und erinnerte damit an die Form der typischen Biedermeier-Sofas aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In die hohe Vorderzarge unter der Sitzfläche waren drei Schubläden eingebaut. Sie bildeten einen warmen und trockenen Aufbewahrungsort für kleine Haushaltsartikel, z.B. Tabak oder Zündhölzer.

Die Herdbank hatte ihren Standort direkt vor der Herdwand und verdeckte somit die dekorierten Sandsteinplatten. Anfangs brannte in etwa einem Meter Abstand zu der Bank ein offenes Feuer. Später wurde dort eine Kochmaschine aufgestellt. Zwischen diesem Herd und der Wand blieb nicht viel Platz, so dass man gerade noch auf der Herdbank sitzen konnte. Hier war also in der großen Bauernküche ein warmes Plätzchen mit der Herdwand im Rücken direkt an der wärmenden Feuerstelle.

Herdbank ohne Rückenlehne in einem Bauernhaus in Brockhausen (1992).

Bemerkenswert ist die geringe Sitztiefe dieser Herdbank von nur etwa 30 Zentimetern, die sich auch bei mehreren Vergleichsstücken aus dieser Zeit feststellen lässt. Die vorgesehene Sitzhaltung war also, anders als bei einem Sofa, nicht weit nach hinten angelehnt, sondern gerade oder nach vorne zum Feuer gebeugt. Eine etwa gleichalte Herdbank aus Brockhausen hat gar keine Rückenlehne, so dass ein Anlehnen nur an die Herdwand möglich war.

Herdbank hinter der Kochmaschine in einem Bauernhaus in Lengerich (1989).

Eine ähnliche Positionierung zeigen vergleichbare Küchensituationen mit Herdbänken in alten Bauernküchen in Lengerich (Emsland), Bawinkel, Brockhausen und Wettrup, die durch Umbau und Umnutzung in den letzten Jahrzehnten größtenteils verschwunden sind. Die Herdbänke standen dort vor Herdwänden, die zwischen 1871 und 1925 bei Umbauten entstanden waren. Diese Baumaßnahmen standen offenbar in Zusammenhang mit der Aufstellung einer Kochmaschine.

Herdbank hinter einer Kochmaschine in einem Bauernhaus in Wettrup (1992).

Die Herdbänke aus der Zeit nach 1870 besitzen alle einen geradlinigen Aufbau und eine gerade Rückenlehne mit senkrechten Sprossen. Die Sitzfläche ist wesentlich tiefer ausgeprägt als bei den älteren Bänken und das Sitzen somit wesentlich bequemer. Ausgeprägte Seitenlehen geben der Konstruktion Stabilität.

Herdbank aus der Zeit um 1900 aus Freren (Emslandmuseum Lingen).

Die meisten Herdbänke waren reine Zweckmöbel ohne Verzierungen. Ohnehin waren sie ja bei einer Aufstellung hinter der Kochmaschine kaum zu sehen. Bei den jüngeren Beispielen sind aber vereinzelt einfache Dekorationselemente im Stil des Historismus nachweisbar, etwa als oberer Abschluss der Pfosten oder in der Rückenlehne. An die Stelle der einfachen Holzsprossen konnten gedrechselte Elemente treten.

Kissen auf der Herdbank in einem Bauernhaus in Bawinkel (2013).

Die Sitzflächen der Herdbänke bestanden stets aus einem Brett. Sie hatten keine Polsterung. Als Auflage dienten Sitzkissen, die einem schnellen Verschleiß unterworfen waren. Ältere Beispiele sind daher nicht mehr erhalten.

Nachbau einer Herdbank im Heimathaus Emsbüren.

Die ursprüngliche Anordnung mit einer Herdwand, einer Herdbank und einem offenen Herdfeuer unter einem großen Rauchfang ist heute noch im Heimathaus in Emsbüren zu sehen, allerdings als Rekonstruktion aus alten und neuen Bauteilen und Einrichtungsstücken. Die dortige Herdbank zeigt Formen der Biedermeierzeit. Es handelt sich jedoch um einen Nachbau aus den 1970er-Jahren. Welche Herdbank damals als Vorlage benutzt wurde, ist nicht bekannt.

Franz Jostes (1904) berichtet, dass auf der Herdbank „die Eltern des Bauern, wenn sie noch lebten, ihren festen Platz hatten.“ Auch der Schäfer habe hier eine Sitzgelegenheit beansprucht. Ansonsten konnte hier jeder Platz nehmen. Die Herdbänke waren also vorzugsweise der wärmende Aufenthaltsort für kälteempfindliche Altenteiler und den durchgefrorenen Schafhirten. Karl Rhamm (1908) weist zudem darauf hin, dass man von der Herdbank aus die beste Übersicht über die Diele bzw. die Küche hatte. Auch dies machte sie zu einem praktischen Sitzplatz im traditionellen Bauernhaus.

 

Quellen und Literatur

Franz Jostes: Westfälisches Trachtenbuch. Volksleben und Volkskultur in Westfalen. Verlag Velhagen & Klasing, Bielefeld, Berlin und Leipzig 1904, zweite Auflage, bearbeitet und erweitert von Martha Bringemeier. Verlag Heckmann, Münster 1961, S. 35.

Alfons Berger: Niederdeutsche technische Ausdrücke aus der Handwerkersprache des Kreises Lingen. Diss. Münster 1907. Borna-Leipzig 1907.

Karl Rhamm: Urzeitliche Bauernhöfe im germanisch-slawischen Waldgebiet (= Ethnographische Beiträge zur germanisch-slawischen Altertumskunde, 2. Abteilung, 1. Teil). Braunschweig 1908.

 

Bildnachweis: Fotos, soweit nicht anders angegeben, vom Verfasser.

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Schlagworte: Andreas Eiynck · Sachgut