13.10.2020

Von Knabenhandarbeitsvereinen, Duschpeelings und pinkfarbenen Bohrmaschinen

Mann beim Streichen einer Tür, 1959. Foto: Adolf Risse; Archiv für Alltagskultur in Westfalen.

Der Sinn des Selbermachens

Auf den ersten Blick haben pinkfarbene Bohrmaschinen, Knabenhandarbeitsvereine und ein Duschpeeling mit Gesteinsmehl wenig gemeinsam. Bei genauerem Hinschauen zeigt sich jedoch eine Gemeinsamkeit: all dies steht im Zusammenhang mit Handarbeit, Heimwerken und Do it yourself.

Eine frühe Initiative, die auf die sozialerzieherische Wirkung des Selbstmachens setzte (der Begriff des Do it yourself setzte sich erst im Laufe der 1950er Jahre durch) datiert im Kaiserreich bereits auf die Zeit der Hochindustrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert: Um insbesondere die männliche Jugend zu tugendhaften und leistungsstarken Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen, wurden zahlreiche Vereine mit unterschiedlicher Ausrichtung gegründet. Sie wendeten sich beispielsweise gegen Alkoholkonsum, das Herumlungern auf der Straße oder die Vergnügungssucht. Gemeinsam war ihnen ein erzieherisches Anliegen.  Ein solcher Verein war der in den 1880er Jahren gegründete „Deutsche Verein für Knabenhandarbeit“. Er propagierte die Handarbeit als eine wichtige Tätigkeit für Vater und Sohn, die sie beide an die Wohnung band – der Sohn lungerte nicht mehr herum, der Vater verbrachte seine Freizeit mit der Familie statt in der Kneipe und war dort – ein nicht unwichtiger Nebeneffekt – auch vor politischer Agitation (z.B. durch die Sozialdemokratie) gefeit.

Die Grundidee war, dass die Knaben und Männer auch in ihrer Freizeit etwas Nützliches produzieren sollten. Eine derartige Idee an das männliche Geschlecht heranzutragen war durchaus neu: Das Bild der stetigen Beschäftigung galt seinerzeit eher für die Frauen, die sich davor hüteten, unbeschäftigt zu wirken und deshalb den Stickrahmen oder den Stopfpilz immer in Reichweite legten. Neben dem Deutschen Verein für Knabenhandarbeit gab es auch den Westfälischen Provinzialverband für Knabenhandarbeit der gemeinsam mit ersterem die Blätter für Knaben-Handarbeit herausgab, ein Fachblatt und eine didaktische Handreichung für den Schulunterricht. Diese wurden allerdings bereits 1908 eingestellt.

Von solchen eher marginalen Bestrebungen abgesehen erlangte das Thema einer sinnvollen, produktiven und gesellschaftlich nützlichen Freizeitbeschäftigung in den 1950er und 1960er Jahren wieder größere Relevanz, nämlich in Form der DIY-Welle, die als ein Trend aus den USA und Großbritannien adaptiert wurde. Langsam aber sicher etablierte sich der Begriff Do it yourself. Dabei ging es von Anfang an weniger um den Schulunterricht, als um das Heimwerken der Erwachsenen. Auch in diesem Zusammenhang hatte DIY einen pädagogischen Auftrag: Mit Einführung der fünf- Tage-Woche im Jahr 1965 verfügten die Berufstätigen über mehr Freizeit, das Wochenende sollte produktiv genutzt und nicht in der Kneipe verbracht werden. Auch die Idee, dass eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung die sogenannten Halbstarken vom Herumlungern abhalten würde, wurde wieder ins Feld geführt – diesbezüglich scheint sich seit der Industrialisierung nicht viel geändert zu haben.

Mann beim Ausmessen, 1950er Jahre. Foto: Adolf Risse, Archiv für Alltagskultur in Westfalen.

In einer Studie der William Wilkens Wirtschaftswerbung KG. Zeitschriften von 1961 hat es sich erwiesen: Der typische Heimwerker ist männlich, verheiratet und Besitzer von Immobilieneigentum. Einschlägige Zeitschriften wie zum Beispiel „Selbst ist der Mann“, richteten sich seit 1957 speziell an männliche Heimwerker. Auch das Eigenheim stellt eine günstige Ausgangslage für den Heimwerker dar: Im suburbanen Einfamilienhaus, das im Laufe der 1950er und 60er Jahre stark an Beliebtheit gewann, war genug Platz für die Heimwerker-Projekte, sei es im Hobbykeller oder im Garten. Außerdem bot dem Heimwerker das eigene Haus eine Vielzahl an Beschäftigungsmöglichkeiten. Das Selbermachen sollte Geld sparen und den Heimwerkern soziale Anerkennung und Selbstbewusstsein bringen. Letztendlich ist DIY aber natürlich auch ein Markt, über den sich Produkte an den Endverbraucher verkaufen lassen, die zuvor nur in Kreisen von Fachhandwerkern gehandelt wurden. Das lässt sich z.B. auch daran erkennen, dass die Anbieter von entsprechenden Materialien die Packungsgrößen reduzierten, um das jeweilige Produkt auch für Privathaushalte, also Kleinabnehmer, interessant zu machen. Auch Werkzeug wurde in Preis und Leistung auf die Bedürfnisse von Heimwerkern zugeschnitten, Bedienungsanleitungen entsprechend umgeschrieben. All diese Entwicklungen fanden in den sich etablierenden Baumärkten einen Kristallisationspunkt.

Nach einem weiteren Zeitsprung befinden wir uns nun im 21. Jahrhundert und ein Blick auf die im Rahmen des Teilprojekts B des BMBF-Projekts „Der Lauf der Dinge oder Privatbesitz? Ein Haus und seine Objekte zwischen Familienleben, Ressourcenwirtschaft und Museum.“, das derzeit in der Kommission bearbeitet wird (Förderkennzeichen: 01U=1504B), geführten Interviews mit Besitzer*innen von Bestandsimmobilien sowie die Werbung deutscher Baumärkte zeigt, dass sich im DIY-Bereich seit den 1950er Jahren wenig getan hat. Dies wird besonders hinsichtlich der Rollenverteilungen deutlich: Heimwerker sind nach wie vor in den meisten Fällen männlich. Bei den Familien, die im Rahmen des Samples interviewt wurden und ihre Bestandsimmobilien umbauten oder renovierten, ist der Mann für die körperlich anstrengenden Umbauarbeiten zuständig – mit einer Ausnahme, in einer Familie hat auch die Partnerin das Fahren eines Radladers erlernt und verputzte die Wände. In den übrigen Familien sind die Frauen für die Dekoration und das Aufarbeiten von Möbelstücken zuständig. Dabei handelt es sich zwar auch um Tätigkeiten, die als DIY bezeichnet werden, sich allerdings von dem Heimwerken der Männer gravierend unterscheiden.

Die Marketingabteilungen zahlreicher Konzerne haben auf diese weitgehend rigide Rollenteilung reagiert. So erscheinen bei der Eingabe des Suchbegriffs „Werkzeugkoffer Frau“ bei verschiedenen Onlinehändlern in pink gehaltene Werkzeugkästen, die zwar nur das Nötigste an Werkzeug enthalten, aber hübsch anzusehen sind. Auch die Bebilderung der Onlinepräsenzen einiger deutscher Baumarktketten reproduziert diese Geschlechterrollen: So wird beispielsweise ein Onlineprojekt als „Herrenzimmer“ bezeichnet, das Online-Forum des Baumarktes als „Stammtisch“. Auch betreibt eine bekannte Baumarktkette derzeit eine Kooperation mit einer Drogeriekette und vertreibt nun auch Drogerieartikel, die sich speziell an den heimwerkenden Mann richten. Dazu heißt es: „Gegen die Produkte mit Gesteinsmehl, Aktivkohle, Tonerde und Sägemehl hat der Schmutz auf deinem Körper keine Chance. Mach jetzt Platz für neuen Dreck!“ – Produkte für echte heimwerkende Kerle eben!

 

Literatur:

Langreiter, Nikola; Löffler, Klara (Hg.): Selber machen. Diskurse und Praktiken des „Do it yourself“. Edition Kulturwissenschaft, Band 90 (2016).

Voges, Jonathan: »Mit Geschmack und wenig Geld«. Heimwerken als Aneignungspraxis des Einfamilienhauses von den 1950er bis in die 1980er Jahre. Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2017.

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Schlagworte: Handwerk · Freizeit · Kathrin Schulte