Jürgen Scheffler
Im Durchgang von der Echternstrasse zum Innenhof der Gedenkstätte Frenkel-Haus sind seit dem Sommer 2024 großformatige Tafeln montiert. Sie informieren über die früheren Bewohner und Bewohnerinnen des Hauses, darunter Mary Garty, geb. Frenkel (geb. 1901), und Ruth Frenkel (geb. 1902). Beide sind in dem Haus aufgewachsen. Für ihre Ausbildung und die ersten Jahre der Berufstätigkeit hatten sie Lemgo verlassen. 1939/40 waren sie in ihr Elternhaus zurückgekehrt. Doch das Haus hatte sich in den Jahren der NS-Herrschaft verändert. Seit 1939 wohnten dort, als einem der sog. Judenhäuser in der Stadt, bis zu 14 Menschen unter sehr beengten Verhältnissen.
Der größte Teil der Informationen über die Biografien der Bewohner und Bewohnerinnen entstammen der städtischen Aktenüberlieferung sowie den autobiografischen Erinnerungen von Karla Raveh, der Nichte von Mary Garty und Ruth Frenkel, verfasst im Jahre 1985. Selbstzeugnisse aus den Jahren der NS-Verfolgung in Lemgo sind von der Familie Frenkel bislang nicht überliefert.
Umso bemerkenswerter ist von daher der Fund eines Briefes, den Ruth Frenkel und Mary Garty am 2. Juli 1941 an ihren Onkel Sally Frank geschickt haben. Er gehört zu den zahlreichen Dokumenten aus dem Nachlass von Sally Frank und seinem Sohn Dr. Friedrich (Fred) Frank, die im Frühjahr 2025 von Liliane Grèze, der Enkelin von Sally und Tochter von Fred Frank, wiederentdeckt worden sind.
Sally Frank (1878-1953) war der jüngere Bruder von Laura Frenkel, geb. Frank (1867-1942), der Mutter von Ruth und Mary und der Großmutter von Karla. Nach seinem Studium am Jüdischen Lehrerbildungsseminar in Hannover war er von 1908 bis 1938 Rabbiner der jüdischen Gemeinde Berlin-Köpenick. Im Sommer 1938 war er zusammen mit seiner Frau Selma nach Frankreich emigriert und damit seinem Sohn Friedrich gefolgt, der bereits Mitte des Jahres 1933 Deutschland verlassen hatte. Als er den Brief aus Lemgo erhielt, lebte Sally Frank in Paris, im von der deutschen Wehrmacht besetzten Frankreich.
Der Brief besteht aus zwei Teilen: der erste verfasst von Ruth Frenkel, der zweite von ihrer Schwester Mary. Beide gratulieren ihrem Onkel Sally zum Geburtstag und senden ihm herzliche Glückwünsche. Wie Ruth es formuliert: „In Gedanken weilen wir an Deinem Ehrentage bei Euch Lieben (…).“
Zwischen den Glückwünschen und Grüßen berichten die beiden Absenderinnen aus dem Leben ihrer Familie: Ihre Schwester Laura hatte wegen einer Augenerkrankung eine schwere Zeit durchgemacht, aber es ging ihr wieder besser. Ernst Frenkel, der Bruder von Ruth und Mary, litt an den Folgen der schweren Verletzungen, die ihm im KZ Buchenwald zugefügt worden waren, als er einem Mithäftling aus Lemgo helfen wollte. Er sollte in einem Jüdischen Krankenhaus in Berlin operiert werden. „Näheres wissen wir aber noch nicht.“
Mary Garty litt unter der Trennung von ihrem Ehemann Willy. Er war nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 inhaftiert worden. Nach seiner Entlassung aus dem KZ Buchenwald war er nach Südafrika emigriert. Über Briefe hielt man den Kontakt aufrecht. „Er ist (…) traurig, daß ich nicht bei ihm bin. Es ist ja auch kein Leben so. Hoffentlich kommen wir bald wieder zusammen.“
Nicht angesprochen werden in dem Brief die Einschränkungen, Entrechtungen und Demütigungen, die das Leben der jüdischen Menschen immer unerträglicher gestalteten. Stattdessen wurden die wenigen Freuden des Alltags hervorgehoben. Zu ihnen gehörten die täglichen Begegnungen mit dem im Februar 1941 geborenen Uri, dem jüngsten Bruder von Karla. Mary schrieb: „Unser Uri ist (…) der Stolz des ganzen Hauses. (…) Er ist ein strammer Junge und so freundlich. Er lacht gleich, wenn er jemanden von uns sieht.“
Der Brief verdeutlicht dennoch, wie schwierig die Situation der Menschen war, die auf beengtem Raum und unter der Anspannung der NS-Verfolgungsmaßnahmen leben mussten. Wie Ruth schreibt, suchte man angesichts des schönen sommerlichen Wetters Ablenkung bei Spaziergängen auf dem Wall und freute sich „an der Pracht der Natur“ – eine der wenigen Freizeitaktivitäten, die überhaupt noch möglich waren. Die Hoffnung auf eine positive Wendung des Schicksals gab man nicht auf: „Möge der l(lie)be Gott alles z(um) Guten lenken u(nd) uns beistehen fernerhin.“
Aber die Hoffnung war vergeblich. Mary Garty und Ruth Frenkel wurden zusammen mit ihren Geschwistern Hanna Heinemann und Ernst Frenkel am 28. März 1942 über Bielefeld ins Ghetto Warschau deportiert. Von dort erreichten Walter Frenkel verzweifelte Briefe seiner hungernden Geschwister, wie sich Karla Raveh erinnerte. Sie sind entweder im Ghetto Warschau umgekommen oder in einem Vernichtungslager ermordet worden.
Nur wenige Monate später, im Juli 1942, wurden Walter und Herta Frenkel zusammen mit ihren vier Kindern, darunter dem kleinen Uri, den beiden Großmüttern Laura Frenkel und Helene Rosenberg sowie den anderen Hausbewohnern und -bewohnerinnen ins Ghetto Theresienstadt und später ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Bis auf Karla und Helene Rosenberg wurden alle Familienmitglieder ermordet.
Sally Frank, seine Frau Selma und sein Sohn Fred haben, unter zum Teil abenteuerlichen Umständen, die Jahre der deutschen Besatzung Frankreichs überlebt. Nach dem Krieg haben sie nach ihren deutschen Verwandten gesucht und schließlich den Kontakt zu Karla herstellen können. Sie hielt sich zur Rekonvaleszenz in der Schweiz auf, wo Irma, die Tochter von Sally Frank, sie besucht und nach Paris eingeladen hat.
Karla Raveh hat die Familie Frank Weihnachten 1948 für drei Wochen in Paris besucht, wie sie sich erinnert hat: „Es war eine unvergeßlich schöne Zeit.“ Die Familie Frank zeigte ihr die Sehenswürdigkeiten der Stadt, ging mit ihr einkaufen und führte sie in die Oper. Sally Frank fragte aber auch nach ihren Erlebnissen in den Jahren der NS-Verfolgung. Karla wollte, wie sie schrieb, „nicht gern darüber sprechen und wollte den alten Mann auch nicht mit der traurigen Geschichte betrüben (…).“ Sie beschränkte sich auf die Namen der Lager: Theresienstadt, Auschwitz, Bergen-Belsen und schließlich Salzwedel, wo sie befreit worden war. „(…) als ich Salzwedel nannte, erzählte er mir, daß er dort seine erste Gemeinde als Seelsorger zu betreuen hatte.“
Quellennachweis:
Brief vom 2. Juli 1941 (Privatbesitz).
Karla Raveh: Überleben. Der Leidensweg der jüdischen Familie Frenkel aus Lemgo, Lemgo 1986 (mehrere Auflagen).
Für zahlreiche Informationen bin ich Liliane Grèze, Paris, zu großem Dank verpflichtet.
Eine gekürzte Fassung des Artikels ist in "Rund um die Wälle. Mitteilungen des Vereins Alt Lemgo" (März 2026) erschienen.