Ein Irrenhaus statt neuer Schulen – oder: Von der Religion und dem Schulwesen in der Grafschaft Tecklenburg

23.01.2026 Niklas Regenbrecht

In seiner Landesbeschreibung beschäftigt sich August Karl Holsche unter anderem mit dem christlichen Glauben in der Grafschaft Tecklenburg – ein Thema, mit dem sich die preußischen Beamten auch in anderer Hinsicht befassten, etwa bei Fragen des Kirchenbaus. Hier sind Pläne zum Bau der Kirche in Lienen zu sehen, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, W 051/Karten A (Allgemein), Nr. 2321.

Sebastian Schröder

Der preußische Beamte Karl August Holsche, Verfasser einer umfangreichen Landesbeschreibung der Grafschaft Tecklenburg aus dem Jahr 1788, wird, selbst wenn er es nicht ausdrücklich erwähnt, mit ziemlicher Sicherheit die Landesbeschreibung vom Wersener Pfarrer Rump aus dem 17. Jahrhundert gelesen haben. Dieser Geistliche spürte unter anderem Relikten aus grauer Vorzeit nach und meinte gleich an mehreren Orten im Tecklenburger Land Spuren heidnischer Kultur entdecken zu können. Wie positionierte sich Holsche dazu? Im Kapitel „Von Religion und Schulwesen“ schrieb er zu diesem Thema: „Was für Götzen die Tecklenburger in heidnischen Zeiten angebetet und verehret haben, will ich Alterthumsforschern überlassen, sie sollen wohl samt ihren Nachbarn mit gleicher Brühe begossen gewesen seyn.“ Unverkennbar schwingt in diesen Worten eine gewisse Skepsis mit gegenüber bestimmten Legenden und Mythen. So heißt es weiter: „Ohnweit Tecklenburg auf dem Leeder Berge ist der Herkenstein, ein etwas erhabner Fels, wovon man sagt, daß hier die Heiden einen Götzen verehret und geopfert haben sollen. Es findet sich hievon aber kein Beweiß.“ Ebenfalls bezweifelte Holsche die Existenz der sagenhaften Göttin Teckla, der angeblichen Namensgeberin der von ihr erbauten Burg und somit Begründerin der nach ihr benannten Grafschaft Tecklenburg. Holsche betonte: „Man erzählet Legenden von ihr, welche unwahrscheinlich sind und hier keinen Platz verdienen.“

Durchaus nicht nur positiv bewertete Holsche die Herrschaft der Karolinger und die damit einhergehende Missionierung. Scharf griff der schreibende Beamte die katholische Kirche an; erst die Reformation habe in Fragen des Glaubens neuen Glanz gebracht, wie Holsche mit markigen Worten ausführt: „Die Tecklenburger Heiden mögen wohl in den damaligen Zeiten eben so gut gewesen seyn, als ihre frommen intoleranten Bekehrer, wenigstens waren die Sachsen gutmüthige Leute, schweiften im Götzendienst nicht sehr aus, liebten die Freyheit und waren tapfer. Was man von ihrem Götzendienst sagt, mag wohl eine Verehrung ihrer Helden, die für ihre Freyheit gefochten oder gefallen waren, gewesen seyn. Karl der Große mischte in seine Politik die Religion, und wo er nicht mit den Waffen hinreichen konnte, schickte er Heidenbekehrer, welche die Denkungsart der Völker, so er unterjochen wollte, umstimmen mußten. Dies gelang ihm und ein Apostel richtete oft mehr aus, als sein ganzes Heer. In den finstern Zeiten wadete diese Gegend in dem nämlichen Schlamm der Unwissenheit wie ganz Teutschland und die ganze Christenheit. Rom suchte die Welt hierin zu erhalten, und bediente sich dazu des Aberglaubens, welcher auf alle Weise befördert wurde, wie aber die Reformatoren unter Vornehmen und Geringen ein Licht anzündeten, Luther durchdrang, und seine Lehre Eingang fand, wurden auch die Tecklenburger mit Enthusiasmus beseelet […].“

In seiner Landesbeschreibung beschäftigt sich August Karl Holsche unter anderem mit dem christlichen Glauben in der Grafschaft Tecklenburg – ein Thema, mit dem sich die preußischen Beamten auch in anderer Hinsicht befassten, etwa bei Fragen des Kirchenbaus. Hier sind Pläne zum Bau der Kirche in Lienen zu sehen, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, W 051/Karten A (Allgemein), Nr. 2323.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts habe die Reformation im Tecklenburger Land Fuß fassen können, wobei diese Entwicklung laut Aussage Holsches untrennbar mit dem Grafengeschlecht in Zusammenhang stehe. Gleiches gelte für die Hinwendung zum reformierten Bekenntnis, dem sich in der Folge die Kirchspiele mehrheitlich anschlossen. Nur noch vereinzelt fänden sich daher in der Grafschaft Menschen katholischen oder lutherischen Glaubens. Davon abgesehen beobachtete Holsche, dass viele Gläubige die Unterschiede zwischen den Konfessionen gar nicht mehr so genau kannten. Unter anderem verbreite sich das evangelisch-lutherische Bekenntnis durch preußische Beamte sowie durch alltägliche Praktiken, „weil das Vorurtheil abnimmt und ein Bauer sich kein Gewissen mehr macht, aus dem Osnabrückischen eine lutherische Frau zu nehmen, wenn sie nur Geld hat.“

Eng mit der Frage nach dem Glauben der tecklenburgischen Bevölkerung war diejenige nach dem Schulwesen verbunden. Denn vor allem die ländlichen Elementarschulen unterstanden der Aufsicht der Kirchengemeinden. Dazu schilderte Holsche: „Der Religionszustand unter der geringen Klasse von Einwohnern ist nicht der beste, denn es fehlet ihnen an hinlänglichem Unterricht, welches hauptsächlich daher rühret, daß die Kirchspiele so weitläuftig auseinander liegen, daher die Kinder bisweilen über eine Stunde gehen müssen, um nach der Kirche oder Schule zu kommen […].“ Nicht selten würden die Heranwachsenden erst ab einem Alter von zehn Jahren eine Bildungsanstalt besuchen und teilweise seien sie mit zwanzig noch immer nicht konfirmiert worden. Vereinzelt versuchten die örtlichen Pfarrer, Nebenschulen zu etablieren, um mehrere Schäflein ihrer Gemeinde unterrichten zu können. Aber die Angehörigen des Kirchspiels hatten die Kosten dafür selbst zu tragen. Der preußische Beamte erkannte darin eine große Hürde, obschon es doch eigentlich eine ganz einfache Lösung dieses Problems gebe. Der Landesherr habe nämlich in seinen Grafschaften Lingen und Tecklenburg die Liegenschaften des Jesuitenordens eingezogen. Anstatt nun von den damit verbundenen Rentenzahlungen und Erträgen Bildungsstätten zu bauen, habe der Monarch die Errichtung eines Irrenhauses befohlen. Wütend schimpfte Holsche über diese Institution: „Die Irrenanstalt ist von gar keinem Nutzen, weil der Unterhaltungsfond zu schwach ist, und wenn der Unkluge kein Vermögen hat, auch nicht aufgenommen werden kann, und doch zum Spektakel herumläuft. Die Einrichtung des Hauses ist auch nicht so beschaffen, daß ein Mensch ordentlich darauf leben kann; wer nicht toll ist, muß toll darauf werden, denn es kommt auf die Löcher wenig Licht.“ Besonders sorgte sich Holsche auch um die Außendarstellung der Grafschaft Tecklenburg: „Die Ausländer müssen von der tecklenburgischen Nation keinen vortheilhaften Begrif erlangen, wenn sie hören, daß in einem so kleinen Ländchen ein Irrenhaus anzulegen für nöthig gefunden worden.“

Ob Auswärtige wirklich einen schlechten Eindruck vom preußischen Territorium Tecklenburg besaßen? Diese Frage muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben. Indes ist gewiss, dass Karl August Holsche ein sehr meinungsstarkes und aus heutiger Perspektive gleichsam zum Schmunzeln anregendes Zeugnis zur Geschichte Tecklenburgs hinterlassen hat.

 

Quelle: August Karl Holsche, Historisch-topographisch-statistische Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg nebst einigen speciellen Landesverordnungen mit Anmerkungen, als ein Beytrag zur vollständigen Beschreibung Westphalens, Berlin/Frankfurt an der Oder 1788.