12.06.2019

Eine neue Heimat für das Bildarchiv des Westfälischen Heimatbunds

Vor Ort beim WHB: Blick in einen Schubkasten mit Fotos von „Lebens- u. Berufstypen“ (Foto: Jutta Nunes-Matias).

Eine neue Heimat für das Bildarchiv des Westfälischen Heimatbunds

Volkskundliche Kommission übernimmt Fotosammlung

Schrank voller Dias: Nur ein Teil der WHB-Bildsammlung, die von der VoKo übernommen wurde (Foto: Jutta Nunes-Matias).

Gitta Böth / Dorothee Jahnke

 

Ein Karteischrank mit Schubkästen: „Der Mensch“ (3), „Menschenwerk“ (10), „Landschaften; Gewässer; Höhlen, Pflanzen, Bäume; Tiere“ (4), „Bauten, Gedenkstätten“ (3), „Westfälischer Heimatbund“ (1) und „Großformate“ (1). Die beschrifteten Kästen enthalten überwiegend Fotografien, die auf DIN-A4-Karten aufgeklebt und/oder lose in Taschen beigefügt sind, die an den Karteikarten angebracht wurden. Es finden sich jedoch auch CDs mit digitalen Fotos, Drucke, Zeichnungen, Postkarten und sogar eine Medaille. Zu den 21 Schubkästen kommt ein unbeschrifteter. Er ist fast leer, beinhaltet Varia.

Der Karteischrank ist Teil eines Bestandes, den die Volkskundliche Kommission vom Westfälischen Heimatbund e. V. (WHB) als Schenkung übernommen hat. Der andere Teil des Bestandes besteht aus Unmengen von Dias unterschiedlicher Größe: vor allem Kleinbild-Einzeldias und 6x8-Glasplatten, die in großen und kleinen Kästen untergebracht sind.

Der WHB möchte mittels der Kooperation mit der Volkskundlichen Kommission seine historischen Fotobestände einer archivgerechten Lagerung, fachlich-fundierten Erfassung und wissenschaftlichen Auswertung zuführen sowie diese für Interessierte nutzbar machen. Von der Aufbereitung der Bestände erhofft sich der WHB nicht allein einen Beitrag zur Veranschaulichung der Vergangenheit Westfalens, sondern auch Aussagen über die eigene Verbandsgeschichte.

„Arbeitsdienstmänner fanden beim Graben des neuen Emsbettes bei Guntrup diesen Mammutzahn“, 1935 (Foto: Georg Hellmund. LWL-Museum für Naturkunde).

Derzeit bearbeiten wir das Foto-Archiv; das Dia-Archiv ist Teil der zweiten Projektphase. Unsere Aufgabe ist die Dokumentation der Schubkästeninhalte, also eine Komplettaufnahme, die über die volkskundliche Sache hinausgeht. Denn wir wollen auch den Ist-Zustand des WHB-Bildbestandes, wie wir ihn in der Geschäftsstelle des WHB vorfanden, dokumentieren.

Die Dokumente stammen überwiegend aus Westfalen. Es gibt aber auch einzelne Aufnahmen aus anderen Ländern, zum Beispiel aus Brasilien, Japan, Ostpreußen oder den USA.

Zeitlich liegt der Schwerpunkt in den 1930er- bis 1960er-Jahren. „Ausreißer“ bilden etwa die Fotografien von Ludwig Rotthowe aus Telgte, die teilweise auf die 1970er-Jahre datiert sind, aber auch einige wenige Abzüge aus der Zeit um die Jahrhundertwende.

Wir erfassen den Bestand unter den vom WHB eingeführten Schlagwörtern und nutzen dazu auch die vorhandenen Karteikarten. Die Ausführlichkeit und die Lesbarkeit der Beschriftungen  variieren stark; nur in wenigen Fällen sind die Angaben zu FotografIn, Ort, Datum und eventueller Publikation vollständig. Daher ist eine Nachrecherche notwendig.

Druckvorlage für das Titelbild des Münsterländer Heimatkalenders 1938, Holzschnitt von Heinrich Everz (Volkskundliche Kommission, LWL).

Ein Teil der Fotografien wurde veröffentlicht; entsprechende Angaben sind vorhanden und müssen von uns anhand der Publikationen überprüft werden. Für den anderen Teil versuchen wir, möglichst viele Informationen ausfindig zu machen, zum Beispiel über Literatur, die Bilddatenbanken verschiedener LWL-Institutionen, Suchmaschinen im Internet oder die Befragung ortskundiger KollegInnen.

Bis jetzt haben wir 3.386 Karteikarten mit 5.069 Dokumenten bearbeitet. Zum überwiegenden Teil sind dies Fotografien. Einige liegen in mehreren Abzügen vor, die teilweise zusammengeführt werden mussten.

Mittlerweile haben sich bereits verschiedene wissenschaftliche Fragestellungen ergeben. So zeigen sich durch die Kontextualisierung unterschiedliche und damit zeittypische inhaltliche Schwerpunktsetzungen und Arbeitsweisen des WHB, sowohl was die Auswahl und Sortierung als auch die Lesart und den Einsatz der Bilder betrifft. Es gibt beispielsweise Aufnahmen aus der NS-Zeit, die mit erzieherischem Impetus zur „richtigen“ Ortsbildpflege eingesetzt wurden. In der Nachkriegszeit wurden vor allem pittoreske Aufnahmen von Landschaften sowie ländlichen und kleinstädtischen Gebäuden oder Ortsansichten in die Bildsammlung aufgenommen. Nur wenige Aufnahmen zeigen hingegen Industrie oder Menschen an ihren Arbeitsplätzen; dieser Befund überrascht ein wenig angesichts des zum Kerngebiet des WHB gehörenden westfälischen Teils des Ruhrgebiets.

Noch sind vier Schubkästen zu bearbeiten. Erst nach Abschluss der Komplettaufnahme wissen wir, welche Dokumente die Volkskundliche Kommission konkret übernehmen wird.

Ziel ist es, das Material der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und eine interdisziplinäre wissenschaftliche Bearbeitung zu ermöglichen. Auch eine Masterarbeit ist sehr zur Freude der Kooperationspartner bereits im Gespräch.

Kategorie: Aus unserer Sammlung

Schlagworte: Fotografie · Nationalsozialismus · Weimarer Republik · Nachkriegszeit · Dorothee Jahnke · Gitta Böth