Piefke mit der Kappesschabe - Dorfgeschichten und mehr. Erinnerungen an den Heimatschriftsteller Josef Kamp aus Mesum

24.02.2026 Niklas Regenbrecht

Die alte Dorfansicht von Mesum auf einer Postkarte von 1931 mit dem Elternhaus von Josef Kamp (rechts) als Basis für das Titelbild zu dem Buch „Dorfgeschichten“.

Angelika Heimbrock

Wer war Josef Kamp? Nur wenige kennen heute noch Josef Kamp und seine Bedeutung für das kleine Dorf Mesum im Münsterland der Nachkriegszeit. Anlässlich seines 50. Todesta­ges 2025 ging die Geschichtswerkstatt seinem Wirken, seiner persönlichen Ge­schichte und seinem literarischen Nachlass nach.

Der Heimatschriftsteller und verdiente Mesumer Bürger Josef Kamp (1901-1975) in den 1920er Jahren.

Josef Kamp wurde am 20. Juni 1901 in Mesum als ältestes von sechs Kindern geboren. Nach seiner Schulentlassung machte er eine Buchbinderlehre; 1918 und 1922 folg­ten die Gesellen- und Meisterprüfung.

1929 begann Josef Kamp mit dem Bau eines stattlichen Hauses an der Alten Bahnhofstraße in Mesum, in dem er ab 1934 ein Geschäft für Büro- und Schreibwarenbedarf eröffnete und außerdem eine Buchbinde­rei führte. In den Jahren 1931 bis 1933 war er Redakteur und Anzeigenleiter bei der konservativ-agrarischen Tageszeitung „Der Westfale“ in Münster. In dieser Zeit begann seine Tätigkeit als Schriftsteller und er veröffentlichte erste Kurzgeschich­ten und Er­zählungen in diversen Zeitungen und Zeitschriften. Seine schriftstellerischen Ambitionen waren 1937 vermutlich auch zwangsläufig der Grund für seinen Beitritt in die Reichsschrifttumskammer (RSK). Er gehörte zuvor dem Westfälischen Schriftstellerring an, der im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung aller Kulturberufe 1933 in die RSK überführt worden war. Eine Mitgliedschaft war für ihn existentiell und alternativlos. In die NSDAP war er bereits 1933 eingetreten, hat sich dort jedoch weder aktiv betätigt noch ein Parteiamt übernommen und ist nie propagandistisch in Erscheinung getreten.

Josef Kamp genoss in Mesum hohes Ansehen und Vertrauen. Schon vor Ausbruch des Krieges übertrug ihm die Gemein­de Mesum 1936 das Amt des Gemeindevorstehers und Standesbeamten, das er bis zu sei­ner Einberufung in den Kriegsdienst 1942 ausübte. Nach Kriegsende wurde er erneut kurzzeitig als Gemeindebürgermeister und dann als Verwaltungsbeam­ter eingesetzt und prägte wie kein anderer das kulturelle und gesellschaftliche Leben seines Heimatdorfes in dieser Zeit. In einer Pressenotiz aus dem Jahr 1951 wird Josef Kamp als „Kulturmotor in Mesum“ be­schrieben.

Nicht nur durch die Arbeit als Gemeindevorsteher zeigte sich sein Engagement im Heimatort: 1927 gründete er den Männergesangverein, den er viele Jahre als Chorleiter führte. Auch darf er als Begründer des 1934 entstandenen Kir­chenchors bezeichnet werden. Viele Jahre war er stellvertretender Vorsitzen­der der Spar- und Darlehenskasse Mesum. Ab 1946 übernahm er das Amt des Heimatpflegers, wie es damals in Orten ohne Heimatverein eingerichtet wur­de. Schließlich – und das ist wohl das meist nachwirkende Ereignis - gründetet er Ende 1951 den Mesumer Heimatverein. Noch heute sind das Heimathaus Mesum und eine Straße nach ihm benannt.

Im umgebauten Fachwerkhaus Feismann richtete die Stadt 1975 eine Begegnungsstätte ein, die „Josef-Kamp-Haus“ benannt wurde – auch, um an den Gründer und Vorsitzenden des Mesumer Heimatver¬eins zu erinnern, der nur wenige Monate zuvor verstorben war.

Seine Heimat in seinen Erzählungen, den Bühnenstücken und der Musik

Nie nennt er den Ortsnamen und sicherlich könnten viele seiner Erzählungen auch in anderen Dörfern spielen, dennoch erahnt man stets, dass er bei den Orten der Handlung seiner Erzählungen oft an seinen Heimatort Mesum gedacht hat. Neben einigen Romanen entstanden insbesondere kleine Alltagsge­schichten und Gedichte mit feinem Humor.

So erzählt er in „Piefke mit der Kappesschabe“ aus dem Jahr 1965 vom alten Piefke in seinem Heimatdorf, der als Maurer in der Winterzeit von Tür zu Tür ging, um in den Häusern das Weißkraut zu schaben und damit sein ‚Schlecht­wettergeld‘ aufzubessern: „Seine Kollegen gingen meist als Hausschlachter aus, doch Piefke zog an den Mond durchdämmerten Herbstabenden durch das Dorf: Mit dampfendem Pfeifchen, den Stock in der Faust und die „Kappesschabe“ am ledernen Riemen gewichtig zur Seite. So trat er eines Abends mit seinem Gerät über unsere Schwelle. Er klemmte das Hobelbrett an der Tischkante fest und stellte seinen Handstock als Stütze darunter. Hiernach zog er den Rock aus, trank schnell noch ein Schnäpschen und begann dann sein Werk“. (S. 193)

So erzählt er in „Piefke mit der Kappesschabe“ aus dem Jahr 1965 vom alten Piefke in seinem Heimatdorf, der als Maurer in der Winterzeit von Tür zu Tür ging, um in den Häusern das Weißkraut zu schaben und damit sein ‚Schlecht­wettergeld‘ aufzubessern: „Seine Kollegen gingen meist als Hausschlachter aus, doch Piefke zog an den Mond durchdämmerten Herbstabenden durch das Dorf: Mit dampfendem Pfeifchen, den Stock in der Faust und die „Kappesscha­be“ am ledernen Riemen gewichtig zur Seite. So trat er eines Abends mit sei­nem Gerät über unsere Schwelle. Er klemmte das Ho­belbrett an der Tischkante fest und stellte seinen Handstock als Stütze darun­ter. Hiernach zog er den Rock aus, trank schnell noch ein Schnäpschen und be­gann dann sein Werk“.

Josef Kamp erzählt Begebenheiten des dörflichen Lebens, beschreibt ty­pische Charaktere des Münsterlandes und hebt die Natur heraus. Heimat ist sein zentrales Thema. Heimat, das sind für ihn die stillen Winkel und Dorfwe­ge, das ist die Schankwirtschaft mit Kolonialwarenladen seiner Eltern und das sind die Felder und Bauernhöfe der näheren Umgebung. Aber auch die Nach­barorte Elte und Emsdetten, das nahe gelegene Venn und die weiter entfernte Stadt Münster werden zu Schauplätzen seiner Erzählungen.

Seine schriftstellerische Arbeit hat ihm auch einen Eintrag ins Lexikon westfälischer Autorinnen und Autoren und in Kürschners Deutschen Literaturkalender eingebracht.

Kamp prägte das kulturelle Leben seines Dorfes wie kein anderer und benennt die Pflege des Schönen, die Bewahrung des Heimatlichen und die Rückbesinnung auf christlich geprägte Werte als wichtig. So mag es nicht verwundern, dass auch kleine Bühnenstücke, die als Laienspiele auf Bühnen Mesumer Gaststätt­en in den 1950er Jahren aufgeführt wurden, aus seiner Feder stammen. Auch in diesen finden sich die dörflichen Strukturen und Traditionen wieder.

Der Männergesangverein Mesum im Jahr 1928 mit seinem Dirigenten Josef Kamp (links im Bild) vor der Gaststätte Kamp, dem Elternhaus von Josef Kamp.

Die Gründung des Mesumer Männerchores rundet sein Engagement ab. Durch eine Zeitungsannonce gelingt es ihm 1927, eine Gruppe Sänger zusammenzu­stellen. Diese proben zunächst ohne Notenmaterial, aber mit viel Leidenschaft. Josef Kamp wird Dirigent des Chores und engagiert sich ebenso in der musika­lischen Mitgestaltung der Gottesdienste im Ort.

Blick ins Dorf Mesum mit dem 2025 erschienenen Buch „Dorfge¬schichten“, Band 1 der Schriftenreihe „Sammlung Mesumer Chroniken“ der Geschichtswerkstatt Mesum (Foto: Ralf Reckenfelderbäumer).

Das Buchprojekt – Ein Dorfprojekt

Anlässlich seines 50. Todestages im Januar 2025 rief die Geschichtswerkstatt Mesum (GWM) ein Buchprojekt über ihn ins Leben, unterstützt von seiner Fa­milie, dem Heimatverein Mesum e.V., dem Mesumer MännerChor 1927 e.V. und dem Kunstkreis Mesum.

Mitglieder des Kunstkreises Mesum mit ausgewählten Buchillustratio¬nen, Vordergrund: „Wir erben ein Sofa“ aus dem Jahr 1953, illustriert von Gerlinde Achterkamp, Hintergrund: „Die Schwester mit den Luftballons“ aus dem Jahr 1951, illustriert von Natalie Grün (Ausschnitt).

Das Buch „Dorfgeschichten“ beschreibt Josef Kamp als Familienmenschen, Er­zähler, Lyriker, Bühnenautor und Musikschaffenden. Vor allem aber sind es seine Geschichten, die für sich selbst stehen und das Leben im Dorf Mesum vor rund 100 Jahren nahebringen. Aus mehr als 250 Kurzgeschichten und 30 Gedichten wurden die schönsten Werke ausgewählt - geschrieben in der Zeit zwischen 1930 und 1965 und illus­triert im Jahr 2025 vom Mesumer Kunstkreis.

In einem kleinen Festakt unter Beteiligung aller Akteure wurde das Buch im November 2025 der Öffentlichkeit präsentiert - und das natürlich im Josef-Kamp-Haus in Mesum.

 

Literatur:

Josef Kamp, „Piefke mit der Kappesschabe“, in: Dorfgeschichten – Erzählungen und Gedichte von Josef Kamp, hrsg. von der Geschichtswerkstatt Mesum, 2025.

Zur Information:

Das Buch „Dorfgeschichten“ kann für Euro 17,50 bei Mode Niehaus in Mesum oder direkt bei der Ge­schichtswerkstatt Mesum (Kontakt gwm@mesum.de) erworben werden.