Christin Fleige
Während des Zweiten Weltkrieges mussten in Münster und dem Münsterland zahlreiche Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisten, z.B. in der Landwirtschaft, in Handwerksbetrieben oder Fabriken, für die Stadtverwaltung – und auch im Westfälischen Zoologischen Garten. Der damals zwischen Himmelreichallee und Promenade gelegene Zoo stand seit 1936 unter der Leitung des Zoologen und langjährigen NSDAP-Mitglieds Heinz Randow (1891–1961) und blieb in den Kriegsjahren weitgehend geöffnet. Um den Zoobetrieb aufrecht zu erhalten, wurden vier französische Kriegsgefangene als Arbeitskräfte eingesetzt. Einer von ihnen, der Germanist Albert Bourez (1917–1992), schrieb seine Erinnerungen an diese Zeit nieder und veröffentlichte sie erstmals 1973 unter dem Titel „Mes amies de captivité ou le zoo dans la tourmente“. Die deutsche Übersetzung „Zootiere – Freunde in der Fremde. Als Kriegsgefangener in Münster 1942 bis 1945“ erschien 1989 im Münsteraner Regensberg Verlag.
Albert Bourez wurde 1917 im Département Pas-de-Calais in Nordfrankreich geboren und war vor dem Krieg u.a. als Deutschlehrer tätig. In Dünkirchen wurde er 1940 verwundet und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft, die er von 1942 bis zum Kriegsende in Münster verbrachte. In 13 Kapiteln erzählt er auf 110 Seiten von seinen Erlebnissen in dieser Zeit. Auch wenn Bourez seinen Erfahrungsbericht erst mit einem zeitlichen Abstand von etwa drei Jahrzehnten veröffentlichte – unklar ist, wann er tatsächlich mit der Niederschrift begann –, erlaubt dieser einen seltenen Einblick in den Alltag eines französischen Kriegsgefangenen im Münsterland.
Anschaulich vermittelt Bourez einen Eindruck von den tristen Lebensbedingungen der Kriegsgefangenen im Lager: „Die erste Stunde nach dem Aufstehen ist immer die schlimmste. Nachts konnten sie [die Kriegsgefangenen] vergessen und träumen, jetzt versinken sie – völlig durchgefroren – wieder in dem grauen Einerlei ihrer Gefangenschaft. Hoffnungslosigkeit und Trauer machen die ersten Stunden des neuen Tages besonders hart. Die Kraft, sowohl die körperliche als auch die seelische, ist auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt.“ (S. 37) Die scheinbar aussichtslose Lage führt unter den Gefangenen häufig zu Spannungen und Streitereien; dennoch gibt es immer wieder auch Momente der Ausgelassenheit und kleine Akte des Widerstands. So entwickeln die Häftlinge eine eigene Sprache mit Dialekten, die nur Eingeweihte verstehen, und machen sich über die deutschen Wachsoldaten lustig. Ihre wenigen, scheinbar wertlosen Habseligkeiten wie ein abgegriffenes Foto oder eine Mundharmonika bedeuten für sie „[s]elbst in der größten Einsamkeit […] ein winziges Stückchen Zuhause.“ (S. 73)
Während Bourez sich keinerlei Illusionen darüber macht, dass die Zwangsarbeiter in Deutschland den Status von Sklaven haben, „deren einziger Wert darin besteht, für ihre Herren zu produzieren“ (S. 77), ist ihm zugleich sein eigenes Glück bei der Zuteilung des Arbeitseinsatzes wohl bewusst. Für ihn und drei weitere Franzosen – Fal, René und Léon – bedeutet die Arbeit im Zoo, die hauptsächlich aus tierpflegerischen Tätigkeiten wie dem Reinigen der Gehege und der Fütterung der Tiere besteht, ein vergleichsweise angenehmes Los. Dies reflektiert Bourez, als er seine kurzzeitige Verlegung in einen Rüstungsbetrieb schildert. Aufgrund der Einstufung des Zoos als nicht kriegswichtig sollen René und er in einer Röhrenfabrik 25 km außerhalb von Münster eingesetzt werden. Der Zoo erscheint ihnen plötzlich als eine „friedliche Oase mitten im Krieg. Erst jetzt wird ihnen so richtig klar, wie gut sie es hier hatten.“ (S. 72) In der Fabrik erwartet sie eine zwar körperlich nicht allzu schwere, aber monotone und abstumpfende Arbeit, die die beiden Franzosen bald zum Widerstand verleitet: Sie sabotieren zunächst ein Werkzeug, um sich Arbeitspausen zu verschaffen, und beschließen dann gar, die Arbeit am nächsten Tag ganz zu verweigern. Nur durch Glück entgehen sie einer Bestrafung, denn bereits nach vier Tagen dürfen sie dank des beharrlichen Einsatzes des Zoodirektors an ihre alte Arbeitsstätte zurückkehren.
Ob Zooinspektor Randow dabei vorrangig auf seinen eigenen Vorteil – billige Arbeitskräfte – bedacht ist oder ihm tatsächlich etwas an den Franzosen liegt, bleibt offen. Weitere Schilderungen aus dem Arbeitsalltag im Zoo skizzieren aber ein durchaus wohlgesonnenes und vertrauensvolles Verhältnis zwischen dem Zoodirektor und den vier französischen Zwangsarbeitern; ähnliches gilt für dessen Frau, die „von uns Gefangenen liebevoll und wenig ehrerbietig Henny genannt [wird].“ (S. 45) Auch in weiteren Belangen setzt sich Randow für die vier Kriegsgefangenen ein, wobei ihm seine langjährige NSDAP-Mitgliedschaft sicherlich eine Einflussnahme erleichtert. Während die vier „Fremdarbeiter“ anfangs noch im Kriegsgefangenenlager untergebracht sind und jeden Tag per LKW zu ihrem Arbeitsort transportiert werden, dürfen sie später auf dem Zoogelände wohnen. Generell erfuhren die französischen Zwangsarbeiter entsprechend den nationalsozialistischen rasseideologischen Kriterien in der Regel eine bessere Behandlung als beispielsweise jene aus Osteuropa. Die besonderen Annehmlichkeiten im Zoo stellen wohl dennoch eher eine Ausnahme dar.
Ein roter Faden in Bourez‘ Erinnerungen an die Arbeit im Zoo sind die Mensch-Tier-Beziehungen. Sein eigenes Verhältnis zu den Zootieren beschreibt er durchweg als „freundschaftlich“; beim morgendlichen Rundgang spricht er mit seinem Lieblingskakadu und gibt der Hyäne zur Begrüßung Streicheleinheiten. Langsam erarbeitet er sich das Vertrauen des mürrischen Nasenbären:
„Für mich bist du von nun an Nasi. Ich hoffe, daß dir der Name gefällt. So wie bisher kann das mit uns beiden nicht weitergehen. Wir sollten miteinander Freundschaft schließen. […] Sicher brauchen wir beide ein bißchen Zeit, um uns vertrauen zu können. Jedenfalls muß dein mißmutiges Herumhocken in der Ecke ein Ende haben. Du kommst auch nicht weiter, wenn du nur an deinen heimatlichen Urwald denkst. Auch ich bin hier heimatlos – und so braucht jeder von uns einen guten Freund!“ (S. 20)