27.04.2021

„Jede Überanstrengung vermeiden!“. Zwei Romreiseführer der 1950er Jahre

Reiseführer dienten und dienen nicht nur zur Vorbereitung und Durchführung von Reisen, sondern auch zur Aufbewahrung von Eintrittskarten, Notizzetteln, Quittungen oder – wie hier – Heiligenbildchen. Foto: Christiane Cantauw, Kommission Alltagsgeschichtsforschung.

Christiane Cantauw


„Wer unvorbereitet in die Welt hinein fährt, erlebt die Welt nicht.“ – Das zumindest behauptet Bernd Boehle in seinem Praktischen Reisebuch, das erstmalig 1954 im Bertelsmann Verlag erschien und 1963 bereits die 27. Auflage erfuhr.  
Unvorbereitet in die Welt hineinzufahren, das kam für die in Osnabrück ansässige Lehrerin Dr. Hedwig Kruse nicht in Frage. In ihren Reiseunterlagen, die bereits Gegenstand eines Beitrags in diesem Blog waren, finden sich gleich zwei Rom-Reiseführer, nämlich „Kleiner Führer durch Rom für die Pilger des fünfundzwanzigsten Jubeljahrs, hrsg. vom Presseamt des Zentral-Komitees für das Heilige Jahr, [Roma 1950]“ und „Eduard Stommel: Führer durch Rom, 3. Aufl., Freiburg 1950 (DM 5,50)“. Die beiden Stadtführer dienten Hedwig Kruse zum einen zur Vorbereitung auf die Reise, zum anderen nutzte sie sie aber auch während des Aufenthalts in Rom intensiv – das lässt sich anhand von Unterstreichungen, Randnotizen und der Einlage von Eintrittskarten etc. belegen.

Reiseführer konnten 1950 bereits auf eine etwa 120jährige Geschichte zurückblicken. Seit den 1830er Jahren boten sie Reisenden ein vorselektiertes Programm an Sehens- und Erlebenswertem, das die älteren Apodemiken so noch nicht abgebildet hatten. Diese waren noch dem Gedanken verpflichtet, möglichst umfassend, einer Enzyklopädie vergleichbar, über ein Reiseland und den Weg dorthin zu berichten. Die neuartigen Reiseführer markieren nicht zuletzt auch eine tiefgreifende Veränderung des Reisens selbst: Mit dem Bürgertum begab sich nun eine Gruppe von Touristen und auch Touristinnen auf Entdeckungstour, die – anders als die adeligen Reisenden des 17. und 18. Jahrhunderts – nicht mehr alle Zeit der Welt für ihre Reise hatte. Gebildetes Vergnügen trat nun an die Stelle von gelehrtem Studium und der Einführung in soziale Netzwerke.

Die beiden Reiseführer, die Hedwig Kruse auf ihrer Pilgerreise nach Rom mit sich führte, unterscheiden sich in Aufbau, Umfang und auch der Art des Erwerbs. Eduard Stommels Reiseführer kaufte die akribisch alles notierende Hedwig Kruse zum Preis von 5,50 DM. Im vom Presseamt des Zentral-Komitees für das Heilige Jahr herausgegebenen Führer ist hingegen kein Preis vermerkt. Dieser Führer war als Teil des Gesamtpakets „Pilgerzug nach Rom der katholischen deutschen Lehrerschaft vom 7. – 18. September 1950“ des Reiseveranstalters ROTALA im Reisepreis inbegriffen.

Das hauptsächliche Anliegen des vom Presseamt des Zentral-Komitees für das Heilige Jahr herausgegebenen Reiseführers besteht in der Vermittlung „des christlichen Roms in seinen wichtigsten Erscheinungsformen“ (Umschlagseite 2).
Die Einführung beginnt mit dem Satz: „Eine Pilgerfahrt nach Rom ist der Herzenswunsch jedes Katholiken“. (S. 3) Um einen größtmöglichen Gewinn aus der Realisierung dieses Herzenswunsches zu ziehen, wird den Leser:innen ein in 20 Sektoren unterteilter Stadtplan an die Hand gegeben. Die „bedeutendsten Baudenkmäler“ sind mit Nummern in den jeweils einseitigen, farbigen Karten der einzelnen Sektoren eingezeichnet. In einem zweiten Teil des Führers werden dann auf 20 kleinbedruckten Seiten kurze Erläuterungen zu den einzelnen Nummern gegeben. Die „wichtigsten Baudenkmäler“ sind in diesen Erläuterungen ähnlich wie im Baedecker mit einem Sternchen gekennzeichnet. Neben dem Petersplatz, dem Petersdom und den sieben Hauptkirchen erhielten u. a. auch das Kolosseum, die Thermen des Caracalla und die Porta Maggiore einen solchen Stern, obwohl es sich nicht um „christliche Baudenkmale“ handelt.

Sehenswertes und „Nicht-Lohnendes“ werden deutlich benannt: Im Viertel zwischen Villa Borghese, Piazza del Popolo und Quirinalspalast „ist jeder, auch der kürzeste Spaziergang für den Fremden gewinnreich.“ (S. 22) – „Diese Gegend lohnt heute kaum einen Besuch des Pilgers. Der Stadtteil am rechten Tiberufer um die Piazza Mazzini ist ganz neu.“ (S. 12) Grundsätzlich gibt der Führer dem Christlichen oder Antiken stets den Vorzug gegenüber dem Neuen und Modernen, wenngleich die Reisenden auch darauf vorbereitet werden: „Der Fremde soll auch nicht vergessen, daß Rom heute eine moderne Millionenstadt ist mit sehr gemischter Bevölkerung, mit zahllosen abgestandenen (sic!) Katholiken“. (S. 3)

Der vom Presseamt des Zentral-Komitees für das Heilige Jahr herausgegebene Reiseführer bot u.a. 20 farbige Karten von verschiedenen Sektoren der Stadt mit nebenstehender Kurzbeschreibung des jeweiligen Viertels. Foto: Christiane Cantauw, Kommission Alltagsgeschichtsforschung.

Der Führer von Eduard Stommel ist vom Format her wenige Zentimeter kleiner, aber mit 220 Seiten mehr als doppelt so dick wie der „kleine Führer“. Außerdem bietet er neben einer Klappkarte auch 16 s/w-Abbildungen von Sehenswürdigkeiten (ausschließlich Baudenkmäler). Der Umschlagtext weist den Autoren als Vizerektor am Deutschen Campo Santo in Rom aus. Eduard Stommel (1910-1958) lebte von Ende 1947 bis Anfang 1950 am Campo Santo Teutonico in Rom, wo er mit einer christlich-archäologischen Untersuchung die Habilitation für Kirchengeschichte und Christliche Archäologie vorbereitete, die am 24. Januar 1951 in Bonn erfolgte. Als Vizerektor stand er vermutlich dem Päpstlichen Institut Santa Maria dell’Anima vor, das um 1500 als Pilgerhospiz gegründet und in den 1850er Jahren neu ausgerichtet wurde; damals wurde es seelsorgerischer Mittelpunkt der Deutschen in Rom, beherbergt seither den priesterlichen Nachwuchs, der zu vertiefenden theologischen Studien in Rom weilt, und macht deutschsprachige Pilger:innen mit den Heiligtümern und Sehenswürdigkeiten Roms bekannt.

Ebenso wie der „Kleine Führer durch Rom“ wurde der Führer von Eduard Stommel aus Anlass des Heiligen Jahres verfasst. Entsprechend stellt auch Eduard Stommel das christliche Rom deutlich in den Vordergrund seines Buches. Außerdem bietet er praktische Tipps, beispielsweise zur Vorbereitung der Romreise: „Man studiere darum vorher neben dem vorliegenden auch die älteren ausführlichen Rombücher, lese in Büchern und Zeitschriften über Rom, mache sich vertraut mit Kirchen- und Papstgeschichte und betrachte Bilder und Fotos von Rom. Vor allem präge man sich das Aussehen und die Lage der wichtigsten Sehenswürdigkeiten im Stadtplan ein.“ (S. 2) Neben der Vorbereitung zu (kunst-)historischen und geografischen Bereichen hält Eduard Stommel auch eine „seelische Vorbereitung“ auf die Reise für erforderlich. Deshalb empfiehlt er „um der Sammlung und der Zeitersparnis willen“ noch in der Heimat kurz vor der Reise zu beichten. (S. 3)

Hedwig Kruse hat sich intensiv mit dem Reiseführer von Eduard Stommel beschäftigt, die Texte durchgearbeitet und gegebenenfalls auch ergänzt. Eintrittskarten – zumal wenn sie schön gestaltet waren – wurden von ihr als Souvenir aufbewahrt. Foto: Christiane Cantauw, Kommission Alltagsgeschichtsforschung.

Beide Reiseführer eint das Bestreben, die Pilger:innen vor Enttäuschungen zu bewahren: „Um sich seine Reiseeindrücke nach der religiösen wie nach der ästhetischen Seite nicht zu verderben, muß sich der Pilger möglichst freihalten von der Sucht, alles nach heimischen Maßstäben zu beurteilen und zu kritisieren. Er kommt ja nicht nach Rom um zu lehren, sondern um zu lernen.“ (Kleiner Führer, S. 3). Sehr viel deutlicher wird Eduard Stommel, wenn er die Reisenden expliziert vor Taschendiebstählen warnt und mit konkreten Verhaltensanweisungen nicht hinter dem Berg hält: „Vor anderen Enttäuschungen muß die eigene Achtsamkeit den Pilger schützen. Keinerlei Schmuck oder Wertsachen mitnehmen! Geld in der inneren Westentasche aufbewahren, Reservebeträge im Brustbeutel. Kleider geschlossen halten. Sich nicht auf der Straße oder in Kirchen ansprechen lassen. Wachsamkeit beim Ein- und Aussteigen und innerhalb der Verkehrsmittel.“ (S. 4 f.) Auch um das Seelenheil der Pilger:innen macht sich der Autor einige Sorgen: „Manche antiken Zeugnisse einer heidnischen Lebensauffassung in den Museen, manche Äußerungen der sinnesfrohen Renaissance und manche Erscheinungen im modernen Stadtbild dürfen ihn [den Pilger] nicht verwirren oder ablenken.“ (S. 4)

Da Reisen in den Süden 1950 noch nicht selbstverständlich sind, gibt Eduard Stommel einige praktische Tipps zur Auswahl der Reisekleidung und zum richtigen (Kleidungs-)Verhalten: „Wenig Gepäck und strapazierfähige Kleidung; man kleidet sich in Rom wie zu derselben Jahreszeit zu Hause. Wegen der starken Abkühlung an den Sommerabenden nicht zu leichte Kleidung. Kirchen, Sammlungen und Katakomben nie in erhitztem Zustande betreten. Bei der Lichtfülle des Südens sind moderne Schutzbrillen für empfindliche Augen angenehm. Jede Überanstrengung vermeiden!“ (S. 5)
Dass Reisen bildet, gilt eben nicht nur für optische und anderweitige Eindrücke oder den Erwerb von (kunst-)historischem Wissen über ein Reiseland, sondern auch für die Anpassung des eigenen Verhaltens an die Gegebenheiten vor Ort. Über das Studium von Reiseunterlagen und Reiseführern bildet aber auch das Reisen der Anderen.   

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