23.03.2021

Alle Jubeljahre nach Rom. Eine Pilgerfahrt der Katholischen Deutschen Lehrerschaft im Heiligen Jahr 1950

Teilnehmerinnen am Pilgerzug nach Rom im Heiligen Jahr 1950. Bei dem Priester in Soutane ganz rechts im Bild handelt es sich vermutlich um einen vom dt. Pilgerbüro vermittelten Fremdenführer (Bestand Kruse, LWL-Alltagskulturarchiv).

Christiane Cantauw

„Liebes Fräulein Kruse! Wie sind Sie damals nach Hause gekommen? Ich wurde unverhofft von 2 Leuten abgeholt, meiner Nichte und einer guten Bekannten. Zu Hause habe ich abends noch viel erzählt, ich war gar nicht müde. Jedermann sagte, ich sähe so gut aus, so ausgeschlafen!!! War ja gar nicht möglich. (…) Ich schicke Ihnen nun einige Bildchen, hoffentlich gefallen sie Ihnen. Leider hatte ich nie Ruhe zum Photogr., immer mußte man schnell weiter. Herzliche Grüße Ihre Maria Breuer Abzüge per Stück 15 Pfg. Film entwickeln zusammen 35 Pfg.“

Etwa einen Monat nach der Rückkehr aus Rom schickt Fräulein Maria Breuer aus Köln einen Brief mit einigen „Bildchen“ an ihre Urlaubsbekanntschaft Fräulein Dr. Hedwig Kruse in Osnabrück. Die Beiden hatten vom 7. bis zum 18. September 1950 an einer von der Katholischen Deutschen Lehrerschaft organisierten Pilgerreise nach Rom teilgenommen, deren Durchführung an den Reiseveranstalter ROTALA aus Leverkusen delegiert worden war.

Das Reiseunternehmen ROTALA blickte 1950 auf eine 26jährige Firmengeschichte zurück: Es wurde 1924 von Dr. Alois Fürst zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, 1920 bis 1948 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, und Prälat Dr. Peter Louis, seit 1917 hauptamtlicher Generalsekretär des Franziskus-Xaverius-Missionsvereins in Aachen und ab 1926 Pfarrer in Leverkusen-Bürrig, gegründet und war auf die Organisation von Gruppenreisen für deutsche Katholik*innen spezialisiert. Religiös motivierte Reisen nach Rom waren grundsätzlich ein wichtiges Geschäftsfeld dieses Reiseveranstalters; in den Heiligen Jahren erfuhren sie jedoch noch einmal eine erhöhte Nachfrage. In den Jubeljahren, wie Heilige Jahre auch genannt werden, arrangierte das Unternehmen Sonderfahrten – später auch Flüge –, um katholischen Gläubigen Besuche der Apostelgräber und der Hauptbasiliken sowie eine Papstaudienz zu ermöglichen.

Papst Pius XII war auch ein beliebtes Motiv auf Ansichtskarten, auf deren Produktion der Vatikanstaat aber ein waches Auge hatte (Bestand Kruse, LWL-Alltagskulturarchiv).

Heilige Jahre werden in der römisch-katholischen Kirche seit 1300 ausgerufen. Ihr Begründer Papst Bonifatius VIII. hatte die Jubeljahre zunächst alle 100 Jahre geplant. Aber bereits 1470 führte Papst Paul II. einen 25jährigen Turnus (ab 1475) ein – offiziell, damit jeder Christ mindestens einmal im Leben ein Jubeljahr erleben könne, nicht zuletzt aber auch, weil die Jubeljahre durch das erhöhte Pilgeraufkommen eine sprudelnde Einnahmequelle (zunächst nur für Rom, später auch für alle Standorte von Kathedralkirchen) darstellten. 1950 feierte die römisch-katholische Christenheit das erste Heilige Jahr nach den Verheerungen des 2. Weltkriegs. Es begann am Vorabend des Weihnachtsfestes 1949 mit einem seit 1500 geübten Ritual: Papst Pius XII. öffnete mit mehreren Hammerschlägen feierlich die Heilige Pforte im Petersdom, die bis Weihnachten 1950 offen blieb und danach wieder für 25 Jahre geschlossen wurde. Millionen Christen aus aller Welt besuchten in diesem Jahr Rom und erhielten den Jubiläumsablass, also die Vergebung ihrer Sünden, indem sie nach „würdiger Beichte und Kommunion“ die vier Patriarchalbasiliken Sankt Peter im Vatikan, Sankt Paul vor den Mauern, Sankt Johannes im Lateran und Santa Maria Maggiore besuchten und dort die vorgeschriebenen Gebete sprachen.

Hedwig Kruse mit einigen Reisebekanntschaften, Romfahrt 1950. (ganz links: Maria Breuer, Hedwig Kruse ist die zweite von rechts) (Bestand Kruse, LWL-Alltagskulturarchiv).

Allein mit ROTALA reisten 1950 16 000 Menschen in die Ewige Stadt. Unter ihnen war Dr. Hedwig Kruse aus Osnabrück, deren Reiseunterlagen im Alltagskultur-Archiv verwahrt werden. An ihre Romreise erinnern Reiseführer, Fotografien, Ansichtskarten, ein Hotelprospekt, Gebetszettel, Briefe und ein Heft mit Notizen.

Wie Hedwig Kruses Reisebekanntschaft Maria Breuer bemerkte, war die zwölftägige Reise straff organisiert. Die Gruppe, die am 7. September 1950 die Reise antrat, bestand ausschließlich aus Frauen. Mit dem Sonderzug fuhren sie von Köln innerhalb von drei Tagen nach Rom. Übernachtungen in Freiburg und Lugano unterbrachen die Zugfahrt ebenso wie eine Bootsfahrt über den Vierwaldstättersee.

Dieser Romführer war im Reisepreis von DM 340,- enthalten. Er sollte „den Pilgern des Heiligen Jahrs ein Bild des christlichen Roms in seinen wichtigsten Erscheinungsformen“ vermitteln (Bestand Kruse, LWL-Alltagskulturarchiv).

Hedwig Kruse beschreibt die Fahrt nach Rom auf einer Postkarte an ihre Mutter als „wunderbar“;  in ihrem Notizheft hält sie fest, was sie unterwegs gesehen hat. Dazu zählen nicht nur die Schweizer Berge („Pilatus verhangen“, Gotthardtmassiv, „Valliser Berggruppe“), sondern auch die Tellkapelle, die Rütli-Wiese, der Gotthardtunnel und sowie die „Echt italienischen“ Dörfer, die „malerischen Kirchen, in ihrem Stil alle gleich“, die Bauernhäuser und die Vegetation („Wiesen versengt, Felder nach der Ernte beackert, Olivenhaine, Cedern, Pinien, Orangenbäume, Kastanien, Reis, Mais, Bambus, Wein“).

In Rom waren die Teilnehmerinnen „in einem neuen Schwesternhaus gut untergebracht“, wie Hedwig Kruse auf einer Karte an ihre Mutter schreibt. Auch für die Verpflegung der Pilgerinnen war gesorgt. Im Zug und immer dann, wenn das Programm eine Mahlzeit im Quartier nicht zuließ, erhielten sie ein „Speisekörbchen“ (Lunchpaket). Im Reisepreis von DM 340,- eingeschlossen waren die „Bahnfahrt in der 3. Wagenklasse, Unterkunft und Verpflegung einschl. Bedienungsgelder und sonstige Abgaben, Beförderung von und zu den Quartieren (soweit erforderlich), die vorgesehenen Besichtigungen und Führungen“ sowie die Kosten für ein vatikanisches Dokument (Tessera del’Anno Santo), das als Pilgerausweis galt und zudem den Anspruch auf Eintrittsermäßigung in vielen Museen nachwies.

Gut sechs Stunden standen den Teilnehmerinnen des Pilgerzugs für eine Besichtigung von Assisi zur Verfügung, so dass nur Schnappschüsse - beispielsweise vom Dom - gemacht werden konnten (Bestand Kruse, LWL-Alltagskulturarchiv).

Im Programm ist vermerkt, dass es „die Erfüllung der päpstlichen Vorschriften zur Gewinnung des Jubiläumsablasses“ einschließe. Auch finde eine „Papstmesse oder Audienz“ statt. Deshalb wurden die Damen gebeten, „schwarzen Schleier oder schwarzes Kopftuch“ mitzubringen. Hedwig Kruse notiert am 13. September 1950 dazu: „Nachmittag: Papstaudienz in St. Peter (Der Dom in strahlender Beleuchtung) Papst Pius XII“.

Am 15. September 1950 brach die 100köpfige Reisegruppe gen Heimat auf. Die Rückreise führte über Assisi, Florenz und Mailand nach Freiburg und Köln. Die erste Übernachtung war in Florenz eingeplant. Von Florenz nach Mailand fuhr man über Nacht mit „Frühstück und Waschgelegenheit in den Bahnhofsgaststätten“. In Mailand hatten die Teilnehmerinnen in den frühen Morgenstunden des 16. September 1950 noch Zeit zur Besichtigung des Doms und für die Teilnahme an einer Hl. Messe. „Hier gilt ein besonderer Ritus“, notierte Hedwig Kruse dazu. Bereits um 10.30 Uhr wurde die Fahrt fortgesetzt; sie führte über Domodossola im Piemont in die Schweiz über den Simplonpass und den Lötschberg nach Basel und weiter über die schweizerisch-deutsche Grenze nach Freiburg, wo die Gruppe übernachtete und von wo aus es noch Gelegenheit zu einem Abstecher auf den Schauinsland gab. Begeistert schreibt Hedwig Kruse an ihre Mutter: „Alles ist so gut + schön verlaufen, wie es besser nicht hätte sein können.“

Am 18. September 1950 wurde der Sonderzug gegen 18.30 Uhr in Köln erwartet. Hedwig Kruse machte dort ebenso wie auf der Hinfahrt Station bei Maria, deren Nachname sie nicht erwähnt. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Verwandte. Ob sie auch an der Pilgerfahrt teilgenommen hat, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Hedwig Kruse fand bei ihrer Ankunft in Köln jedenfalls einen Brief ihrer Mutter vor, in dem diese ihr unter anderem mitteilte, dass Bernhard ihr gesagt habe, sie solle ihrer Tochter mitteilen, dass sie „die Stelle an der Schule“ bekomme. „Fräulein Middelberg hätte es ihm gesagt. Du wärest einstimmig gewählt worden.“

Die Verkündung des Dogmas der Leiblichen Auferstehung Mariens in den Himmel durch Papst Pius XII. erlebte die Reisegruppe nicht mit; sie fand erst kurze Zeit später am 1. November 1950 nur wenige Wochen vor Ende des Heiligen Jahres statt. Dennoch dürfte das Jubeljahr 1950 den Teilnehmerinnen der Pilgerfahrt in lebhafter Erinnerung geblieben sein – davon zeugen nicht zuletzt die von Hedwig Kruse gesammelten und sorgfältig bewahrten Erinnerungsstücke.

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