26.03.2021

„Ich wollt‘ ich wär‘ ein Huhn“. Schlaglichter auf die frühneuzeitliche Mensch-Huhn-Beziehung

Die Besitzer des Hofes Horstmeyer in Holzhausen (heute Teil der Stadt Preußisch Oldendorf) legten rechts des Dielentors im Fachwerk einen Zugang für die Hühner an. Normalerweise bot eine kleine Stiege den Tieren vom Misthaufen aus Zugang in das Bauernhaus, Foto: Sebastian Schröder, um 1925.

Sebastian Schröder

Wer kennt ihn nicht, den berühmten Schlager „Ich wollt‘ ich wär‘ ein Huhn“, den Peter Kreuders für den 1936 uraufgeführten Film „Glückskinder“ komponierte. Das Leben des Federviehs scheint tatsächlich als sehr erstrebenswert wahrgenommen worden zu sein: „Ich hätt nicht viel zu tun, ich legte vormittags ein Ei und abends wär ich frei.“ Gelegentlich seien sonntags „auch mal zwei“ Eier unter der Henne zu finden, so jedenfalls heißt es in dem bekannten Lied. Aktuell erlebt die Hühnerhaltung vor allem auch in der Stadt eine wahre Renaissance: Scharrende Tiere im eigenen Garten sind der Traum vieler Menschen; gern gesehen ist zudem das tägliche Frühstücksei. Und da das Huhn einer alten Züchterweisheit zufolge „durch den Schnabel legt“, lassen sich auf dem eigenen Grundstück die Nahrungsaufnahme und somit auch die Haltungsbedingungen genau steuern. Man hat es selbst in der Hand, ob die gefiederten Tiere eiweißhaltiges Legemehl oder doch eher Schonkost zu sich nehmen. Hühner sind mittlerweile so beliebt, dass sie sogar die Titelseiten der Zeitungen füllen beziehungsweise Eingang in die Nachrichten finden. Im lippischen Detmold sorgt beispielsweise Henne Sigrid für Furore, die – ausgestattet mit einer leuchtend gelben Warnweste – täglich ihr heimisches Domizil verlässt, um unter dem Busch des Nachbarn ein Ei zu legen.

Hühnerschar auf einem Hof in Münster-Nienberge, Fotograf: Adolf Risse, 1930–1960, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 0000.04569

Die wachsende Popularität dieser Geflügelart hängt sicherlich auch damit zusammen, dass viele Menschen sich bewusster ernähren wollen und bestimmte Formen der konventionellen Tierhaltung ablehnen. Dabei war der Anblick einer eigenen Hühnerschar einst selbstverständlich und alles andere als außergewöhnlich. Eine „Eier-Botin“ hätte früher wohl niemals zur Sensation getaugt, weil die gefiederten Tiere den Menschen schlicht und ergreifend in vielen Lebenslagen und im Alltag stets begleiteten. Hühner waren „zu“ alltäglich, um aufzufallen. Das war in der frühen Neuzeit, also zwischen 1500 und 1800 nicht nur im Nordosten Westfalens anders:

Zu allererst waren Hühner in der damaligen Epoche Nutztiere – oder, um mit Wilhelm Busch zu sprechen: „Mancher giebt sich viele Müh‘ mit dem lieben Federvieh; eines Theils der Eier wegen, welche diese Vögel legen, zweitens: weil man dann und wann einen Braten essen kann; drittens aber nimmt man auch ihre Federn zum Gebrauch in die Kissen und die Pfühle, denn man liegt nicht gerne kühle.“

Dass Hühner auf allen Bauernhöfen, den großen sowie den kleineren zu finden waren, beweist allein die Tatsache, wie viele Tiere beziehungsweise die daraus gewonnenen Erzeugnisse als Naturalabgaben an verschiedene Obrigkeiten zu entrichten waren. Etliche Untertanen hatten ausweislich des Urbars von 1556 dem Grafen von Ravensberg „honere“ (beziehungsweise „Pachthühner“) oder „eigere“ zu liefern. Die Richter der ravensbergischen Gogerichte beanspruchten von den Angehörigen ihrer Gerichtsgemeinde mitunter „gogrevenhoiner“. Ein „Sendhoin“ musste 1556 der Isselhorster Landwirt Heinrich Hoeinhorster, genau wie seine Nachbarn, an die Marienfelder Mönche zahlen – diese übten die geistliche Gerichtsbarkeit (Send) vor Ort aus. Zudem konnte es vorkommen, dass der Pfarrer oder das Kirchspiel derartige Naturalabgaben beanspruchten. Hunike Boeß aus Isselhorst war beispielsweise verpflichtet, dem Landesherrn neben einer Gans ein Huhn, dem Gorichter zu Harkotten ein Huhn und dem Isselhorster Pfarrer ebenfalls ein Huhn abzutreten. Einige obrigkeitliche Verwaltungen führten extra „Hühnerregister“, um die Höhe und den Umfang dieser Einnahmen genau erfassen zu können. In den 1630er- respektive 1640er-Jahren waren etwa 27 Bauern aus der in der Nähe der Stadt Lübbecke gelegenen Bauerschaft Alswede angehalten, jeweils ein Tier zum mindischen Amtshaus Reineberg zu bringen – das sogenannte „Vastelabent-Hoen“, benannt nach dem Zahlungstermin dieser Abgabe, dem Fastabend. Dem mindischen Amtshaus Rahden standen im Jahr 1647 insgesamt 1.159 Hühner als Naturalleistung der Amtseingesessenen zu. Diese enorme Stückzahl konnte natürlich nicht gänzlich vor Ort verwertet werden, sodass ein Teil des Federviehs eine erneute Reise antrat. Im Reineberger Urbar von 1646 heißt es zu den Verpflichtungen des geringen Brinksitzers Cordt Blohmenkampff aus Fabbenstedt im Kirchspiel Alswede: „Muß die hüner Vom Reineberg nach Peterßhage[n] trage[n]“. In Petershagen befand sich die Residenz des mindischen Landesherrn.

Durch ein Loch in der Dielentür konnten die Hühner des Hofes Niehues in der Nähe Münsters nach draußen gelangen, Fotograf: Adolf Risse, 1958, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 0000.09617.

Diese Auflistung von Hühnerabgaben könnte durchaus noch verlängert werden – nicht vergessen werden sollte zum Beispiel das sogenannte Rauchhuhn, das der Landesherr für die Anlage einer Feuerstelle erbat. Näher erforscht werden müsste freilich, welches Schicksal das Federvieh nach der Abgabe an die Obrigkeit erlebte. Der Rahdener Amtmann, seine Angehörigen und die ihm unterstellten Bediensteten hätten unmöglich über 1.100 Tiere zugleich verspeisen können. Sicherlich wird ein Teil des Geflügels weiterveräußert worden sein. Womöglich verblieben einige Hühner zudem auf den amtseigenen Wirtschaftsbetrieben, um dort Eier zu legen.

So sah im Jahr 1960 der „Hühnerwiem“ des Hofes Niehues bei Münster-Schonebeck aus, Fotograf: Adolf Risse, 1960, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 0000.20965.

Zumindest für das Rittergut Stockhausen in der Nähe der Stadt Lübbecke ist die Existenz eines gesonderten „Huner-Hauses“ belegt. Eine eigens angestellte „Hunerwärterin“ wachte über das „liebe Federvieh“. Denn die Vögel konnten durchaus eigensinnig sein und auf diese Weise für den einen oder anderen Streit unter Nachbarn sorgen, wie der Osnabrücker Jurist Johann Aegidius Klöntrup Ende des 18. Jahrhunderts überliefert. So dürften fremde Hühner „durch den Hofhund oder sonst auf jede Weise“ verjagt, aber nicht getötet werden. Um die Tiere am Überqueren von Absperrungen zu hindern, sei das einseitige Beschneiden der Schwungfedern ein probates Mittel, empfahl Klöntrup. Besonders das Glucken versuchten die Zeitgenossen darüber hinaus zu unterbinden. Aus der Bauerschaft Holzhausen, heute ein Stadtteil von Preußisch Oldendorf, sind Nachrichten bezeugt, dass mehrere Landwirte vom Boden oder durch die Luke gestürzt sind, als sie die gluckenden Hennen vom Balken scheuchen wollten. Die Hühner hatten sich dorthin zurückgezogen, um ungestört nisten zu können – so dumm, wie gemeinhin verspottet, waren sie dann doch nicht. Brütendes Federvieh legt aber keine Eier mehr, dessen waren sich nicht nur die Holzhauser bewusst. Eigentlich war vorgesehen, dass das Geflügel seine Eier in eigens dafür aufgehängte Körbe oder im sogenannten „Hühnerwiem“ ablegte. Einen abgesonderten Hühnerstall gab es – sieht man von den oben genannten Gütern ab – häufig noch nicht. Oft ist zu beobachten, dass die Tiere die Diele durch ein kleines Loch, an dem eine Leiter angebracht war, erreichen konnten. Ansonsten liefen sie frei im Hofraum oder auf dem Misthaufen umher.

An der hölzernen Ständerreihe der Diele hingen Körbe, in denen die Hühner ihre Eier ablegen sollten, wie rechts im Bild zu sehen ist, 1920 bis 1940, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 0000.S0662.

Lediglich schlaglichtartig konnte die frühneuzeitliche Mensch-Huhn-Beziehung anhand einiger Beispiele vor allem aus dem Nordosten Westfalens dargestellt werden. Nicht erst aufgrund der wachsenden Popularität in unserer Gegenwart hätte es das Federvieh verdient, als bedeutsamer Teil der Historie und Alltagskultur wahrgenommen zu werden – die kulturwissenschaftliche Forschung sollte endlich nicht nur auf den Hund, sondern auch auf das Huhn kommen!

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Schlagworte: Landwirtschaft · Frühe Neuzeit · Tiere · Sebastian Schröder