30.03.2021

„Die Palmen hießen Palmen…“ Erneut zu Palmstockkulturen

"'Palmen' im Paderborner Land" Ausschnitt des Berichtes von Hermann Hillebrand, Münster, aus dem Jahr 1953, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, MS00312.

Niklas Regenbrecht

„Der allgemein gebräuchliche ‚Palmstock‘ zu Palmsonntag wurde recht kunstvoll durch den Vater vorbereitet.“ – „Die ‚Palmen‘ hießen ‚Palmen‘ oder auch ‚Palmstöcke‘ (man sagt: ich habe einen Palmen, oder ich gehe Palmstöcke suchen, oder, für meinen Palmen gebrauche ich noch dieses oder jenes).“ – „Auch bei Gewitter pflegte man Teile des Palmbundes zur Abwendung von Blitzschlag zu verbrennen.“ – „Denn wer den längsten Stock unter dem Palm trägt, ist gewissermaßen König von der Kommunionbank.“ (Auszüge aus Berichten zum Osterbrauchtum in Westfalen, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, MS01522, MS02526, MS02516, MS00619)

Zum Palmsonntag gehören in den katholischen Regionen Westfalens offenbar Palmstöcke. Doch wie sahen diese aus und sahen sie immer gleich aus? Woraus waren sie gefertigt? Und was machte man damit? – Fragen, die sich die volkskundliche Forschung in der Mitte des 20. Jahrhunderts intensiv zu stellen schien. Vor einem Jahr wurde an dieser Stelle über Palmsonntagsbräuche und Palmstockkulturen und insbesondere über eine Karte berichtet, die die Verbreitung verschiedener Palmstockformen in Westfalen zeigt. Sie wurde 1954 für die Volkskundliche Kommission für Westfalen erstellt und basierte auf den großangelegten Erhebungen für den Atlas der Deutschen Volkskunde (ADV) aus den 1930er Jahren.

Anfang der 1950er Jahre begann die Volkskundlichen Kommission aber auch mit eigenen Umfrageunternehmungen, die sich von der Herangehensweise des ADV unterschieden. Bis in die 1980er Jahre wurden insgesamt 46 Fragelisten an ausgewählte „Gewährspersonen“ in Westfalen versandt, die in ihren Antworten Schilderungen des alltäglichen Lebens und Brauchtums aus der Zeit zwischen 1880 und 1950 einfangen sollten. Dabei waren sie angehalten, ihre subjektiven Erfahrungen und Erinnerungen ausgiebig in eigenen Worten – und zum Teil auch in Bildern – festzuhalten.

Ausschnitt des Berichtes von Joseph Oel, Rüthen, aus dem Jahr 1956, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, MS00881.

Eine dieser Frageliste widmete sich dem Osterbrauch. Bis 1979 gingen 158 Gewährsleuteberichte bei der Volkskundlichen Kommission ein, die heute im Archiv für Alltagskultur in Westfalen einsehbar sind. Mit den Fragen wurde versucht, verschiedene Aspekte von Osterbräuchen zu ergründen. Einige Beispiele: „In welcher Weise feiert man den Karfreitag?“ „Wurde in der Osternacht ein Ostersingen veranstaltet?“ „Wurden Spiele veranstaltet beim Osterfeuer?“ „Wieviel Eier brauchte man wohl pro Kopf?“ „Was sagte man den Kindern, wer die Eier brächte (Hase, Fuchs)?“ „Ist es Brauch, daß die Burschen am zweiten Ostertag zum Nachbarort wandern und sich dort mit den anderen Burschen treffen (früher oft zu Schlägereien)?“

Ein Fragekomplex widmete sich eigens den Palmstöcken. Zur Funktion dieses katholischen Brauchrequisits sei der oben bereits erwähnte Beitrag empfohlen. In Anschluss an eine volkskundliche Forschung, die der Dokumentation regionaler Unterschiedlichkeiten in der materiellen Kultur eine große Bedeutung beimaß, interessierte man sich an dieser Stelle besonders für die Materialität und das Aussehen der Palmstöcke. Einem aus dem 19. Jahrhundert stammenden kulturgeografischen Ansatz folgend, dachte man in Kategorien von in Kleinregionen ansässigen „Volksstämmen“, die ein Fundus von fest umrissenen Sitten einen würde.

Ausschnitt des Berichtes von Maria Horsthemke, Everswinkel, aus dem Jahr 1958, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, MS01435.

Die entsprechende Frage zu den Palmstöcken ist hier einmal in Gänze zittert: „Wie sehen die ‚Palmen‘ aus? Können Sie eine genaue Beschreibung geben? Eine Skizze machen? Werden Weidenzweige dafür genommen (Buchsbaum, Stechpalmen, Kronsbeeren, Efeu)? Sind sie mit bunten Bändern geschmückt? Papier? Seide? Hängen Äpfel daran? (Nüsse, Pflaumen, Apfelsinen, Brezel?) Gebäck in Form von Vögelchen? Andere Formen? Wie nennt man die Kuchen? Nach welchem Rezept werden sie gebacken? Wer backt sie? Wer fertigt die ‚Palmen‘ an? Werden sie auf Bestellung gemacht? Was kosteten sie früher, wie teuer sind sie heute?“

Das war suggestiv formuliert und strukturierte damit die Antworten der Gewährsleute bereits vor. Es zeigt aber auch, dass es den Fragestellern um die Erfassung von „Phänotypen“ ging. Man hatte offenbar die Idee, dass bestimmte Einflüsse, wie die kulturelle Prägung in Kleinregionen, eine hohe Variabilität bei den Erscheinungsbildern der materiellen Kultur hervorrufen würden. Mit den Palmstockvariationen begab man sich auf die Spur der Kulturen von Klein- und Kleinstregionen innerhalb des Kulturraums Westfalen.

Einige der Gewährsleute kamen auch der Aufforderung zur Anfertigung von Skizzen nach, die sie ihren Texten beifügten. Diese haben teils tatsächlich nur skizzenartigen Charakter, teils wirken sie künstlerisch ambitioniert. Wiederum andere Zeichnungen bemühten sich um die Herausstellung regionaler Typologien – möglicherweise, weil sie die Vorstellungen von abgegrenzten Kleinregionen der Fragesteller antizipierten – wie die folgenden Beispiele zeigen.

Auch wenn die Zeichnungen durchaus etliche Unterschiede aufwiesen, so waren sie dennoch nicht systematisch genug, als dass daraus regional fixierte Typologien hätten abgeleitet werden können, wie es das Ziel der ADV-Untersuchungen war. Doch im Zusammenspiel mit der ADV-Dokumentation und einer Fotosammlung zu Palmstöcken im Archiv der Kommission bieten diese Zeichnungen eine wohl ausgiebige Dokumentation dieses Brauchrequisits. Sie zeigen auch anschaulich, wie volkskundliche Forschung in der Mitte des 20. Jahrhunderts arbeitete und wie Bräuche erfasst, dokumentiert und konserviert werden sollten.

 

Literaturhinweis: Dietmar, Sauermann: Ostern in Westfalen, Münster 1986.

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