16.04.2021

Kartograph und Tausendsassa: Johann Hermann Siekendiek aus Versmold-Bockhorst

LAV NRW W, W 015, Karten A (Allgemein), Nr. 8352: Vermessung des Kirchdorfs Bockhorst von Johann Hermann Siekendiek, 1796.

Sebastian Schröder

 

Als Feldmesser stand er in preußischen Diensten, vermaß Ländereien, Grenzen und Gemeinheitsgrundstücke. Er verkehrte in den aufgeklärten Kreisen des Minden-Ravensberger Landes und genoss bei deren profiliertesten Vertretern hohes Ansehen, etwa beim Jöllenbecker Pfarrer Johann Moritz Schwager (1738–1804). Außerdem wusste der Zeitgenosse, wie man Torf stach, Häuser konstruierte und schließlich zeichnete er sich als begnadeter Künstler aus, der die von ihm kreierten Karten detailreich ausschmückte und kolorierte. Kurzum: Dieser Mann war ein wahres Multitalent; mithin eine Persönlichkeit, die geradezu idealtypisch das Zeitalter der Aufklärung spiegelt. Doch wer war dieser vielfältig begabte Mensch? Die Rede ist vom Bauernsohn Johann Hermann Siekendiek aus Versmold-Bockhorst.

Siekendiek wurde am 23. Februar 1731 als Johann Hermann Kleinebecker in Versmold-Oesterweg geboren. Schon als Kind zog die Familie auf den Hof Siekendiek in der heute zur Stadt Versmold gehörigen Bauerschaft Bockhorst. Johann Hermanns Vater übernahm das Gehöft und trug fortan den Namen Siekendiek. Es handelte sich um eine alte Stätte, die zu den größten Besitzungen in Bockhorst zählte. Johann Hermann Siekendiek heiratete 1752 Maria Elisabeth Herschmann aus dem nahegelegenen Borgholzhausen und verantwortete ab diesem Zeitpunkt die Landwirtschaft. Insgesamt acht Kinder wurden dem Ehepaar geboren, von denen allerdings nur drei das Erwachsenenalter erreichten.

Zur Besitzung Siekendiek in Bockhorst gehörte auch eine Wassermühle; einen Neubau initiierte Johann Hermann Kleinebecker – wie damals im Torbogen explizit vermerkt wurde. Doch Siekendiek war weit mehr als ein „normaler“ Bauer und Mühlenbesitzer. Darüber hinaus war er Vorsteher des Kirchspiels Bockhorst. Ihn zeichnete aus, dass er sehr gut schreiben konnte; sein Schriftbild ist heute noch gestochen klar und ausgesprochen gut zu lesen. Überdies beherrschte er selbst schwierig anmutende Rechenoperationen. Wie er dieses Wissen erwarb, bleibt bislang jedoch ein Rätsel. Eines scheint aber gewiss: Ausschließlich an einer „herkömmlichen“ Landschule kann er diese Fähigkeiten nicht erworben haben.

LAV NRW W, W 015, Karten A (Allgemein), Nr. 8363: Vermessung der Siekendieks Heide von Christian Ludolph Reinhold, 1771. Zu sehen ist unter anderem das Gehöft Siekendiek mit den Mühlen und dem zugehörigen Heuerlingskotten.

Von entscheidender Bedeutung für den Lebenslauf Siekendieks war die Begegnung mit Christian Ludolph Reinhold (1739–1791), der Mathematik in Duisburg studiert und an der Universität Göttingen den Doktortitel erworben hatte. Ab 1766 war er als Feldmesser für die osnabrückische Landesregierung tätig – auf Anregung von Justus Möser (1720–1794) höchstpersönlich, der seit 1763 für den noch minderjährigen Fürstbischof die Regentschaft führte. Wenige Jahre später wechselte er die Seiten und vermaß nun im Auftrag des Preußenkönigs die zu teilenden Gemeinheiten und Marken in der preußischen Grafschaft Ravensberg. Reinholds Weg führte ihn auch nach Bockhorst, wo er Anfang der 1770er-Jahre unter anderem die „Siekendieks Heide“ vermaß – und dabei wahrscheinlich erstmals mit Johann Hermann Siekendiek in Kontakt trat, dessen ererbte bäuerliche Besitzung genau dort lag. Vermutlich erlernte der Bauer aus Bockhorst vom erfahrenen Feldmesser Reinhold wesentliche Kenntnisse; Siekendiek selbst bekannte in einer 1796 angefertigten Karte, er habe bei Reinhold „studiert“. Eine Zusammenarbeit ist schon für das Jahr 1779 belegt, als Siekendiek die Ländereien des Gutes Holzhausen im ravensbergischen Amt Limberg vermaß und Reinhold die dazugehörige Karte anfertigte.

Das Hauptwerk Siekendieks bilden demnach zweifelsohne die Markenteilungskarten, die sich in geradezu unüberschaubarer Zahl erhalten haben. Die Vermessung und Kartierung der einstigen Gemeinheitsgründe war eine zwingende Voraussetzung zur Vorbereitung der Privatisierungen. Nicht überall gingen die Teilungen allerdings reibungslos vonstatten. Insbesondere entstanden Konflikte um die genaue Abgrenzung der Flächen. Gerade auch in diesen strittigen Situationen mussten die Feldmesser tätig werden – vor allem von Johann Hermann Siekendiek sind einige Karten überliefert, die zur Beilegung von Zwistigkeiten dienen sollten.

Eindrücklich präsentieren sich die Grenzkarten, die der Kartograph aus Bockhorst schuf. 1783/84 beauftragten ihn die landesherrlichen Behörden der Grafschaft Ravensberg und des Fürstbistums Osnabrück, insgesamt vier Detailzeichnungen vom genauen Verlauf der Territorialgrenze zu erstellen. Jahrhundertelang stritten Graf und Bischof über die exakte Grenzziehung. Ungezählte Konflikte sind in den Akten überliefert. Durch gemeinsame Begehungen (sogenannte Schnadgänge) oder das Setzen von Markierungen versuchte man, die Zwistigkeiten beizulegen. Doch die Streitigkeiten entfachten stets aufs Neue. Die Kartierung sollte einen Ausweg bieten, hoffte man. Siekendiek übergab nach Abschluss seiner Arbeiten jeweils ein Exemplar dem ravensbergischen und osnabrückischen Landesherrn – mit wahrlich imposantem Ausmaß: 230 Zentimeter ist das Werk lang! Weitere, deutlich schlichtere und kleinere Ausfertigungen erhielten die Amtmänner der angrenzenden Ämter Ravensberg und Grönenberg. Für seine Tätigkeit erhielt Siekendiek rund 87 Reichstaler – ein durchaus lukrativer (Neben-)Verdienst!

LAV NRW W, W 015, Karten A (Allgemein), Nr. 19582: Grenze zwischen dem Fürstbistum Osnabrück und der Grafschaft Ravensberg im Bereich der Ämter Grönenberg und Ravensberg von Johann Hermann Siekendiek, 1783.

Des Weiteren nahm der Bockhorster Feldmesser Adelsgüter, Domänengrundstücke und landesherrliche Ländereien in den Blick. Ferner machte er sich um die Kultivierung von Mooren verdient. So plante er etwa ausgeklügelte und technisch bahnbrechend anmutende Entwässerungsanlagen mit Tunneln und „Kunstwerken“ für das Hücker Moor in der Nähe der ravensbergischen Stadt Enger. Gleichzeitig erklärte er den anliegenden Bauern, wie der Torf am vortrefflichsten zu gewinnen sei. Siekendiek schwebte zudem die Gründung einer Gesellschaft vor, die den Torfabbau im größeren Stil bezwecken sollte. Einen „Torfrausch“ konnte der Feldmesser jedoch nicht bewirken. Denn der Widerstand der örtlichen Bevölkerung war zu groß; die finanziellen Belastungen erschienen den zuständigen Behörden als zu gewichtig.

Schließlich sind Siekendieks Fähigkeiten auf dem Gebiet der ländlichen Bauweise zu nennen. Ende des 18. Jahrhunderts projektierte er den Neu- beziehungsweise Umbau des Bockhorster Pfarrhauses. Auch hier stieß der damalige Bockhorster Vorsteher an seine Grenzen: Landbaumeister Kloht kritisierte Siekendiek scharf als „Stümper“, dem es an gehörigem Fachwissen mangele.

Es zeigt sich: Die Aufklärung in der Grafschaft Ravensberg hatte viele Gesichter. Eines davon war ein Feldmesser, dessen Betätigungsfeld enorm vielseitig war. Siekendiek war Landwirt, Mühlenbesitzer, Vorsteher, Feldmesser, Kartograph, Zeichner, Sachverständiger. Es ist sicherlich nicht übertrieben, ihn als „Tausendsassa“ zu charakterisieren. Dass der Grat zwischen „Meister“ und „Stümper“ dabei mitunter schmal war, darf freilich nicht verschwiegen werden. Doch auch diese Einsicht gehört wohl zum Antlitz des Zeitalters der Aufklärung.

Siekendiek starb am 17. Dezember 1811. Sein Sohn Johann Friedrich trat in seine Fußstapfen. Das Geschäft des Vermessens war nunmehr vollends zur Familiensache geworden.

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