Männer und Frauen im Industriebetrieb – zwei Fotografien aus Iserlohn um 1930

20.02.2026 Niklas Regenbrecht

Timo Luks

Industriefotografie erlangte im 20. Jahrhundert – vor allem nach dem Ersten Weltkrieg – eine enorme Bedeutung. Einige große Unternehmen richteten eigene fotografische Abteilungen ein, die Arbeitsprozesse, Maschinenhallen, Bauvorhaben, Betriebsveranstaltungen sowie Arbeiter und Angestellte im Bild festhielten (vgl. https://www.alltagskultur.lwl.org/de/blog/bilder-am-laufenden-band-fotografen-des-bochumer-vereins-fur-gussstahlfabrikation/). Die Aufnahmen dienten in der Regel der betriebssozialen Integration nach innen, die – oft mit anti-gewerkschaftlicher Stoßrichtung – die „Werks-“ beziehungsweise „Betriebsgemeinschaft“ inszenierte und performativ herstellen wollte. Nach außen wiederum sollte die gegenüber nostalgischen Verklärungen handwerklicher Arbeit oft kritisch gesehene Fabrik- und Maschinenarbeit aufgewertet werden. Fotografien trugen dazu bei, Industriebetriebe einerseits als sozial und räumlich geordnetes Ganzes zu inszenieren und andererseits die Stellung des Menschen innerhalb dieser Ordnung sichtbar zu machen. Gerade im Kontext der Rationalisierungsdebatten der Zwischenkriegszeit ging es darum, technische, soziale und „humane“ Faktoren in Einklang zu bringen.

Neben Werksfotografen im engeren Sinn, die beim fraglichen Unternehmen angestellt waren, betätigten sich auch Journalisten und Publizisten im Bereich der Industriefotografie, beispielsweise Heinrich Hauser, der seit Ende der 1920er Jahre eine Reihe von Fotoreportagen und Bildbänden zu den Opelwerken in Rüsselsheim vorlegte, teilweise im Auftrag des Unternehmens. Nicht zuletzt zogen Industriemotive zahlreiche unabhängige, professionelle und Hobbyfotografen an, so etwa den Iserlohner Theo Klein-Happe (1­894–1970). Um zwei seiner Bilder soll es nun gehen.

Beide Fotos stammen aus der umfangreichen Sammlung, die sich im Archiv für Alltagskultur in Westfalen befindet. In den 1920er Jahren war Theo Klein-Happe Fotograf bei der UFA in Berlin. 1929 machte er sich in Iserlohn mit einem Fotostudio selbständig. Im Mai 1933 trat er in die NSDAP ein und dokumentierte in der Folge regionale Parteiveranstaltungen. Vor allem fotografierte er jedoch über Jahrzehnte unzählige Freizeitaktivitäten in der näheren und ferneren Umgebung Iserlohns. Zudem hielt er Szenen der Arbeit fest: Handwerk, Baustellen, Erntearbeit und vereinzelt Fabrikszenen. Die Bilder, um die es hier geht, stammen aus der (frühen) Iserlohner Zeit, auch wenn eine genaue Datierung nicht mehr möglich ist. Vermutlich wurden sie in den 1930er-Jahren aufgenommen.

Theo Klein-Happe, „Arbeiter in einer Gießerei“, Iserlohn, Baarstraße, (Archiv für Alltagskultur, 2014.00752)
Theo Klein-Happe, „Fabrikarbeiterinnen“, Iserlohn (Archiv für Alltagskultur, 2014.01280)

Beide Bilder könnten nicht unterschiedlicher sein. Zusammen führen sie vor, wie die „Geschlechterordnung der Fabrik“ (Karsten Uhl) um 1930 konzipiert wurde. Zu diesem Zeitpunkt war es längst selbstverständlich, dass Frauen in Fabriken arbeiteten. Auch der moralische Alarmismus, der sich noch um 1900 auf die „verderblichen“ Auswirkungen der Fabrikarbeit vor allem auf junge Frauen – die „factory girls“ – bezog, war auf dem Rückzug. Allerdings wurde die Fabrikarbeit von Männern und Frauen unterschiedlich ins Bild gesetzt. Die beiden Fotos von Theo Klein-Happe betonten jeweils ganz andere Qualitäten und Arbeitsumgebungen.

Das erste Bild gibt den Blick in eine Gießerei in der Baarstraße in Iserlohn frei. Zeitpunkt und Ort der Aufnahme sind nicht genau rekonstruierbar. Das Iserlohner Adressbuch des Jahres 1934 führt im Branchenverzeichnis in der Baarstraße die Eisengießerei Mengeringhausen Nachf. (Nr. 17) und natürlich die Nickel AG, vormals Fleitmann und Witte (Nr. 136) auf. Theo Klein-Happes Foto eines Gießereiarbeiters zeigt einen Arbeitsplatz, der aufgeräumt, aber nicht peinlich rein ist: Staub flirrt in der Luft, nicht sonderlich gesunder Dampf steigt auf, einige Wände weisen Rußspuren auf, und wir sehen einen erdigen Boden. Der freie Oberkörper der Arbeiter zeigt die hohen Temperaturen an. Die Körper der Arbeiter sind durch Arbeit geformt, schlank und muskulös; muskulös aber nicht wie die Gewichte hebenden und Eisen biegenden „Muskelmänner“ im Zirkus oder auf dem Jahrmarkt. Die angespannten Muskeln deuten auf Stärke und Kraft und darauf, dass Fabrikarbeit schwer und anstrengend ist, den männlichen Arbeiterkörper aber dennoch nicht versehrt oder deformiert. Haltung und konzentrierter Blick des Gießers im Vordergrund zeigen zudem, dass es sich nicht allein um körperliche Arbeit handelt. Es sind Fachwissen und Können nötig, auch körperlich anstrengende Arbeit in einer Fabrik wird sichtbar gemacht als eine Form qualifizierter Arbeit – „Deutsche Qualitätsarbeit“, wie es um 1930 oft hieß, wenn über Fabriken geredet wurde.

Ganz anders das Foto der Fabrikarbeiterinnen: ein heller, lichtdurchfluteter Raum mit großen Fenstern, säuberlich gefegtem Boden und allem Anschein nach angenehmer Luft und Temperatur. Korrekt und einheitlich gekleidet, sitzen die Frauen in Reih und Glied – unter den gütig-strengen Blicken eines Mannes. Während die Frauen jeweils nur ihr Werkstück auf dem Tisch vor sich anschauen und bearbeiten, überblickt der Mann das Ganze: die einzelnen Handgriffe jeder Frau, den Produktionsprozess insgesamt und auch die Interaktionen zwischen den Frauen. Das Foto nimmt jedem Betrachter die Angst, dass Fabrikarbeit Frauen „verderben“ oder die soziale Ordnung – die Ordnung der Arbeit und die Ordnung der Geschlechter – unterlaufen oder bedrohen könnte.

 

Literatur:

Adressbücher Iserlohn (1866–1950): https://www.iserlohn.de/kultur/stadtarchiv/bestaende-recherche/iserlohner-adressbuecher

Luks, Timo: Das Unsichtbare sichtbar machen – das Sichtbare problematisieren? Intervenierende Soziographie als Zeitkritik, oder: Die Herausforderung der factory girls. In: Thomas Alkemeyer u. a. (Hrsg.): Gegenwartsdiagnosen. Kulturelle Formen gesellschaftlicher Selbstproblematisierung in der Moderne. Bielefeld 2019, S. 127–146.

Luks, Timo: Der Betrieb als Ort der Moderne. Zur Geschichte von Industriearbeit, Ordnungsdenken und Social Engineering im 20. Jahrhundert. Bielefeld 2010.

Uhl, Karsten: Die Geschlechterordnung der Fabrik. Arbeitswissenschaftliche Entwürfe von Rationalisierung und Humanisierung 1900-1970. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 21 (2010), S. 93–117.

Uhl, Karsten: Humane Rationalisierung? Die Raumordnung der Fabrik im fordistischen Jahrhundert. Bielefeld 2014.