Mit Kanonen für das Evangelium

20.03.2026 Niklas Regenbrecht

Eine ähnliche Kanone wie die des Grafen Konrad hat sich auf der Burg Bentheim erhalten. Das dortige Lafetten-Geschütz, das Konrads Schwiegersohn Everwin von Bentheim-Tecklenburg 1557 in Auftrag gab, trägt den Spruch: „Rueme dat Velt dat rade ich, Wen ich spreck so hoet dich“ („Räume das Feld, das rate ich; wenn ich spreche, so hüte dich“) Foto: Christof Spannhoff.

Christof Spannhoff

Mit der Reformation im Tecklenburger Land veränderte sich auch für die damalige Bevölkerung einiges. Denn die kirchlichen Umgestaltungen wirkten sich natürlich auch auf das Leben der Menschen aus. Durch die gewandelte Glaubenslehre mit der Fokussierung auf die Gnade Gottes, die kein Fegefeuer mehr vorsah, ein verändertes Totengedächtnis mit sich brachte, eine andere Liturgie zeitigte und fromme Werke ablehnte, fielen die Anrufung der Heiligen und somit viele Fest- und Heiligengedenktage weg. Die Tecklenburger Kirchenordnung von 1543 reduzierte die Feiertage von vormals ungefähr 36 (ohne die Sonntage) auf 21. Auffällig ist allerdings, dass vor allem die Marienfeste im Tecklenburger Land zunächst erhalten blieben. Zu Mariä Himmelfahrt wird besonders bemerkt, dass dieser Feiertag nicht deshalb beibehalten werden solle, weil er Grundlage in der Heiligen Schrift hatte, sondern „des gemeinen arbeidenden Werksvolcks wegen“. Hier wurden also Zugeständnisse an die Bevölkerung gemacht! Mit der Einführung der reformierten Kirchenordnung 1588 verringerten sich die außersonntäglichen Feiertage allerdings nochmals auf nur noch sechs. Zudem wurde neben weiteren Änderungen bereits 1543 das Sakrament der Krankensalbung verboten und den Pfarrern die Eheschließung und Familiengründung gestattet. Auch die althergebrachten Flurprozessionen, bei denen das Bild des jeweiligen Kirchenpatrons oder das heilige Sakrament mitgeführt wurde (Fronleichnam), und weitere Umgänge, die auch mit ganz weltlichen Feierlichkeiten verbunden waren, wurden untersagt. So klagten die katholischen Provisoren der Kirche in Brochterbeck 1553, dass seitdem die „Lutherie“ angenommen, also die Reformation eingeführt worden sei, es weder Eicheln für die Schweinemast auf den Bäumen gegeben habe, noch ertragreiche Ernten zu verzeichnen gewesen seien. Diese Missernten führten sie darauf zurück, dass acht Jahre lang (von 1543 bis 1551) keine Flurprozession stattgefunden habe. Brochterbeck war 1548 von Tecklenburg abgetrennt und das katholische Bekenntnis ab 1549 allmählich wieder eingeführt worden. Dass Graf Konrad von Tecklenburg (1501–1557), unter dessen Herrschaft die Reformation im Tecklenburger Land Einzug hielt, auch später noch als Gegner der Prozessionen angesehen wurde, wird auch aus einer Erzählung deutlich, die in den Iburger Klosterannalen aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verzeichnet ist: Als Graf Konrad zu Fronleichnam 1538 den Osnabrücker Bischof auf Schloss Iburg besucht habe, hielten die Mönche gerade ohne Geläut (also heimlich?) eine Prozession im Umgang des Klosters ab. Konrad sei daraufhin schnell herbeigelaufen, um die heilige Handlung zu unterbinden. Dabei sei er allerdings von der Treppe gestürzt und beinahe in sein Schwert gefallen – aus katholischer Perspektive ein Zeichen, dass Konrads Reformation nicht rechtens war. Der Tecklenburger Reformationsprozess war aber auch, weil sich in ihm religiöse und politische Motive mischten, mit militärischen Auseinandersetzungen verbunden, die die Bevölkerung in Mitleidenschaft zogen. So ist überliefert, dass Graf Konrad die beste Glocke der Kirche in Brochterbeck und weiterer Kirchen beschlagnahmt und daraus Geschütze gießen lassen habe. Diese mit dem Namen Konrads versehenen Kanonen werden noch im Tecklenburger Inventar von 1623/24 auf den Mauern der Tecklenburg genannt. Viele tragen die Devise der Reformation V(erbum) D(omini) M(anet) I(n) E(ternum) („Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit“) und den Spruch „Gott füg es zum Besten“. Eine sogenannte Doppel-Kartaune war mit einem sehr martialischen Bekenntnis zur Reformation versehen: „Der Kautze heiß ich, Mönche und Pfaffen haße ich, Conradt Grave deß bin ich. Last Euch nichtt verdriessen. Ich will Euch Thürn und Maurn umbschießen.“ Mit Kanonen für das Evangelium.