Alltagskultur im Blick. Eine Rückschau auf die Vortragsreihe der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen

31.03.2026 Niklas Regenbrecht

Niklas Regenbrecht

Bereits das fünfte Jahr in Folge richtete die Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen jüngst ihre digitale Vortragsreihe „Alltagskultur im Blick“ aus. Was zunächst während der Corona-Pandemie als Ersatz und Alternative für Vorträge in Person und vor Ort begann, hat sich inzwischen als Veranstaltungsreihe etabliert.

Im Vortrag von Bärbel Maul wurden verschiedene Fahrradpioniere vorgestellt, wie die Firma Opel.

In diesem Jahr eröffnete Bärbel Maul, Direktorin des LWL-Freilichtmuseums Hagen, die Vortragsreihe. Sie sprach über Pedale, Profite, Pioniere – Produzenten des Fahrradbooms. Ausgehend von den Biographien ausgewählter Unternehmensgründer zeigte sie die Entwicklung der Fahrradindustrie seit dem 19. Jahrhundert auf. Es waren vor allem die Nähmaschinenproduzenten, die aufgrund ähnlicher Produktionsmaschinen in diesen neuen Markt einstiegen. Welche Entwicklungen waren es aber, die aus dem Hochrad als Nischenprodukt für gutsituierte, sportaffine, mondäne, junge Männer aus gehobenen Kreisen ein Massenverkehrsmittel machten? Maul kommt in ihrem Vortrag zum Ergebnis, dass technische Neuerungen (Erfindung des Sicherheitsniederrades, Luftbereifung oder Beleuchtung), Innovationen in der Produktion und Lobbyarbeit zusammengewirkt haben. Sie trugen dazu bei, den öffentlichen Straßenraum für die Radfahrenden zu erobern und Skepsis nicht nur bei Gesetzgebern, Behörden und anderen Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern und Reitern abzubauen.

Einblick in die Ausstellung, die von Oliver Schmidt vorgestellt wurde (Foto: Cantauw).

In einem weiteren Vortrag nahm Oliver Schmidt, der Leiter des Sauerland-Museums in Arnsberg, das Publikum mit in seine aktuelle Ausstellung „Mit Herz, Hand und Verstand. Demokratisches Leben im Sauerland“. Die im Vortragstitel 100 Jahre Sauerland-Museum plus 50 Jahre Hochsauerlandkreis gleich 94 Jahre Demokratie. Zur aktuellen Sonderausstellung im Sauerland-Museum aufgemachte Rechnung erklärte er wie folgt: im Jahr 1925 wurde das Museum durch den Arnsberger und Sauerländer Heimatbund gegründet, 1975 kam es im Zuge der kommunalen Neugliederung zur Schaffung des Hochsauerlandkreises. Und von der Verabschiedung der demokratischen Weimarer Reichsverfassung 1919 waren es bis zur Eröffnung der Ausstellung im Jahr 2025 94 Jahre – wenn man zwölf Jahre nationalsozialistische Diktatur abzieht. Als Erkenntnisinteresse stand für die Ausstellung die Fragestellung im Mittelpunkt: „Wie haben sich Demokratieverständnis, demokratisches Bewusstsein und demokratische Kultur im Sauerland seit dem Ende des Ersten Weltkriegs verändert und entwickelt?“ Das Fazit von Schmidt: „Die demokratische Gesellschaft differenzierte sich aus einer relativ monolithisch-autoritären Kultur heraus aus und erkämpfte immer mehr Spielraum für demokratisches Handeln und gesellschaftliche Teilhabe – auf Sauerländer Art.“ Die Ausstellung ist noch bis zum 12. April 2026 in Arnsberg zu sehen.

Lena Krull, Historikerin an der Universität Münster, berichtete über ein aktuelles Forschungs- und Ausstellungsprojekt. In ihrem Vortrag Erlebte Kindheit, erzählte Erinnerung. Kinderkur-Aufenthalte in Bad Sassendorf im Spiegel von Oral History stellte sie ein erst seit wenigen Jahren in den Fokus von Forschung sowie politischer und gesellschaftlicher Aufarbeitung gerücktes Thema vor. In der alten Bundesrepublik sind seit dem 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre schätzungsweise 9 bis 13 Millionen Kinder für mehrwöchige, stationäre Kinderkuraufenthalte in Luftkurorte verschickt worden. Für eine nicht genau bezifferbare Zahl von ihnen ist das bis heute mit traumatischen Erlebnissen und Erinnerungen verknüpft. Innerhalb Westfalens war Bad Sassendorf einer der größeren Kinderkurorte, auch als Alternative zu den entfernteren und damit teureren Kurmöglichkeiten an der Nordsee und am Alpenrand. Die Einrichtungen in Bad Sassendorf reichten von kleinen Pensionen bis zu großen Kinderkliniken, von konfessionellen und kommunalen Betreibern, bis hin zu Bergbauunternehmen aus dem nahen Ruhrgebiet, die hier Kurheime für die Kinder ihrer Beschäftigten unterhielten. Das vorgestellte Kooperationsprojekt von Universität Münster und dem Bad Sassendorfer Museum Westfälische Salzwelten ging aus einem von Krull geleiteten Projekt mit Studierenden hervor. Sie führten seit 2017 bislang 46 Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die – nicht repräsentativ – sehr unterschiedliche, aber tendenziell negative Erfahrungen schilderten. Ziel des Projektes war es zum einen den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen eine Stimme zu geben. Zum anderen ging es aber auch darum auszuloten, wie die Befragten heute über Traumatisierungen sprechen und welche Narrative sie für die Beschreibung nutzen. Im Juli 2026 wird eine Ausstellung zum Thema Verschickungskinder im Museum Westfälische Salzwelten eröffnet.

Das Denkmal für die „Opfer von Rassismus und Polizeigewalt“ wurde von Joachim Baur vorgestellt (Foto: Baur, 16.03.2026).

Joachim Baur, Ausstellungsmacher und Professor für Empirische Kulturwissenschaften an der TU Dortmund sprach über ein neues Denkmal in Berlin für die „Opfer von Rassismus und Polizeigewalt“. In seinem Vortrag „In Gedenken an die Opfer von Rassismus und Polizeigewalt“. Über Gegendenkmale und abolitionistisches Erinnern, 2020 ff. stellte er das Mahnmal vor, das in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ im Jahr 2020 auf einem Platz in Berlin von unbekannt aufgestellt worden war und behördlicherseits seitdem an Ort und Stelle geduldet wird. Baur ordnete es in einen Diskurs um öffentliches Gedenken, Gegendenkmalbewegungen und eine ‚Denkmal-von-unten‘-Kultur ein. Dabei bezog er auch die spezifischen Bedingungen des Ortes (Berlin-Kreuzberg), die dort herrschende politische Kultur und das gesellschaftspolitische „Zeitfenster“, in dem eine Aufstellung wie diese überhaupt möglich gewesen ist, in seine Überlegungen ein. Mithilfe von Interviewzitaten und der von ihm über Jahre hinweg erstellten Fotodokumentation, stellte Baur Thesen über Leerstellen im Gedenken, Selbstermächtigung und Protest vor. Auch ordnete er die Gestaltung des Denkmals als schlichter Betonquader in die ästhetische Tradition von Gegendenkmalen seit den 1980er Jahren ein, die aber auch in der Art und Weise des klandestinen nächtlichen Aufstellens begründet ist.

Die Vortragsreihe „Alltagskultur im Blick“ geht voraussichtlich im Frühjahr 2027 in die nächste Runde. Informationen darüber werden sich – wie immer – hier im Blog finden.

Kategorie: Veranstaltungen

Schlagworte: Niklas Regenbrecht · Vortrag