Vom englischen Soldaten zum Kattenvenner Neubauern. Der Ursprung der Familie Hallerdei

13.01.2026 Niklas Regenbrecht

Der Hof Hallerdei im Wulversump im Jahr 1956. Seine Anfänge gehen auf eine Neubauerei im Jahr 1785 zurück. Foto: Heimatverein Lienen.

Christof Spannhoff

Müller, Meier, Schmidt – diesen Familiennamen begegnet man in Deutschland auf Schritt und Tritt. Doch der Name Hallerdei ist einzigartig. Seine Wurzeln reichen zurück ins 18. Jahrhundert und führen mitten hinein in die Wirren des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) – und zwar nach Kattenvenne.

Im Jahr 1762 marschierten englische Truppen durch das Tecklenburger Land. Am 29. November zogen 550 Soldaten des Regiments Stuard durch Lienen, tags darauf weiter nach Hopsten. In Lengerich lag damals ein Korps erkrankter englischer Soldaten und auch in anderen Städten der Grafschaft Tecklenburg mussten im Winter 1762/63 Angehörige der englischen Truppen – insgesamt vier Bataillone - untergebracht werden. Sie wurden in den Häusern der ortsansässigen Bevölkerung einquartiert. Für diese waren die Einquartierungen eine schwere Belastung: Binnen sechs Stunden mussten beispielsweise die Lienener Einwohner für 3.000 Soldaten Rinder, Schafe, Butter, Pferde und Wagen liefern.  

Einer der damals in die Region gekommenen Soldaten sollte nie wieder in seine Heimat zurückkehren. Sein Name: Wilm Robert Aldey. In den Quellen wird er als Engländer, teils auch als „Irrländer“, also Ire, bezeichnet. Aus „Aldey“ wurde im Laufe der Jahre ein eingedeutschter Name: Halladey, Hallerdy – schließlich Hallerdei (in dieser Form erstmals 1771 nachweisbar).

Nach Kriegsende durfte Aldey bleiben. Das Königreich Preußen förderte damals im Zuge des Landesausbaus und der Bevölkerungsvermehrung gezielt neue Siedler, die ungenutztes Land urbar machten und wüsten Grund unter den Pflug nahmen. Am 30. Oktober 1763 heiratete Aldey in der Lienener Kirche Anna Catharina Brundiek. Das Paar lebte zunächst im Backhaus des Hofes Otte (1767), später im Backhaus des Hofes Lehmberg (1771), danach in einem Heuerhaus von Heidgreß, bevor beide 1785 – also genau vor 240 Jahren – eine eigene Neubauerei „auf wüster Stelle“ gründeten. Der Hof war bescheiden: 20 Taler Vermögen (nach einer anderen Quelle 26 Taler), elf Scheffelsaat Land (13.750 Quadratmeter) als Zuschlag aus der gemeinen Mark (Allmende) und eine Familie mit sechs Kindern (vier Söhne im Alter von 10, 12, 14 und 15 Jahren sowie zwei Töchtern im Alter von 6 und 8 Jahren). Zwei weitere Töchter, die 1765 und 1766 geboren wurden, waren 1785 schon wieder verstorben.

1785 wird die Ansiedlung des Heuerlings Wilm Robberd Halledy in einer „Tabelle derer […] Colonisten und Neubauer“ notiert, die sich zwischen Mai und Oktober 1785 in der Grafschaft Tecklenburg ansiedelten. Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, D 803 / Kriegs- und Domänenkammer Minden, Verwaltung der Grafschaften Tecklenburg und Lingen, Nr. 796, Blatt 10-11.

Wilm Robert Aldey starb 1814 mit 74 Jahren nach einem arbeits- und entbehrungsreichen Leben. Er war also 1740 geboren worden. Seine Frau Anna Catharina überlebte ihn um einige Jahre und erreichte das stolze Alter von 98, als sie 1826 dahinschied. Sie erblickte somit 1728 das Licht der Welt, war demnach gut 12 Jahre älter als ihr Gatte, als sie diesen mit 35 Jahren ehelichte, und bekam mit über 50 ihr letztes Kind. Ihr Enkel Ernst Jakob Hallerdei setzte die Geschichte fort: 1840 heiratete er Catharina Elisabeth Altekruse und verlegte der Überlieferung nach das Anwesen Balken für Balken und Stein für Stein an den heutigen Standort im Wulversump Nr. 7. So blieb nicht nur bis heute ein Stück Familiengeschichte erhalten, sondern auch ein einzigartiger Name, der immer noch untrennbar mit Kattenvenne und seiner Geschichte verbunden ist: Hallerdei.

 

Quellen und Literatur

Kirchenbücher der ev. Kirchengemeinde Lienen (www.archion.de).

Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, D 803 / Kriegs- und Domänenkammer Minden, Verwaltung der Grafschaften Tecklenburg und Lingen, Nr. 795: Die Kolonisten und Neubauern in den Städten und auf dem platten Lande in den Grafschaften Tecklenburg und Lingen, 1740–1785.

Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, D 803 / Kriegs- und Domänenkammer Minden, Verwaltung der Grafschaften Tecklenburg und Lingen, Nr. 796: Kolonistentabellen vom platten Land in der Grafschaft Tecklenburg, 1785–1802.

Wilhelm Wilkens, Lienen. Das Dorf und seine Bauerschaften von der Sachsenzeit bis zu Gegenwart, Norderstedt 2004.