Ein wenig seltsam ist das Foto schon: Da stehen elf mit unterschiedlichen Küchenschürzen bekleidete Frauen vor einer Fachwerkwand. Viele von ihnen halten Haushaltsgegenstände – Pfanne, Topf, Schneebesen, Kochlöffel, Milchkännchen oder Schüssel – in der Hand, die in diesem Setting aber keinen praktischen Nutzen erfüllen. In Gruppen zu je drei oder vier Personen stehen und sitzen die Frauen auf und neben einer Sturzkarre; eine Schubkarre und ein Waschtrog sind auch zu sehen. Ohne die Bildbeschriftung bliebe ein solches Foto vermutlich bis in alle Zeit rätselhaft, aber 1965, als eine Reproduktion ins Bildarchiv der Kommission Alltagskulturforschung gelangte, wurde glücklicherweise auch nach Aufnahmeort und -zeit der sowie nach dem Anlass für die Fotografie gefragt. Laut Bildbeschriftung handelt es sich um einen „Kursus“ der Kreiswanderhaushaltungsschule in Gelmer. Er fand 1919 im Gasthof „Zur Schiffahrt“ statt. Die Aufnahme von der Veranstaltung stammt – ebenso wie 42 weitere Fotografien – laut Aufschrift auf der zugehörigen Bildkarte aus dem Besitz von „Frau A. Brirup, Mstr.“. Die wenigen Angaben genügen, um sich auf die Spuren eines speziellen Fortbildungsangebotes für die heranwachsende weibliche Jugend auf dem Land zu begeben.
Wanderhaushaltungsschulen gab es in Westfalen seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit diesem mobilen Bildungsangebot reagierten einige Landkreise wie der Kreis Tecklenburg (seit 1906) oder der Kreis Minden (seit 1911) auf tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungsprozesse, die den Modernisierungsdruck auch auf die ländliche Bevölkerung erhöhten. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich eine nachschulische Ausbildung der Bauernsöhne etabliert und angesichts von Landflucht und daraus resultierender Personalnot mehrten sich die Forderungen nach modernistischer Rationalisierung auf den Höfen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfassten diese auch die Bäuerinnen, deren Professionalisierung für den Fortbestand der Betriebe als unerlässlich hingestellt wurde. Grundlage dafür sollten schulische und berufsbildende Qualifizierungsangebote für die weibliche Jugend auf dem Land sein.
Die landwirtschaftlichen Haushaltungsschulen, deren westfälische Gründungen – von einer 1852 eröffneten Schule in Freckenhorst abgesehen – in den 1880er Jahren begannen, boten im Internatsbetrieb sechs- bis zwölfmonatige Kurse an, in denen die 14- bis 17jährigen Schülerinnen hauswirtschaftlich und standesgemäß ausgebildet wurden. Das konnten sich lediglich die wohlhabenderen Bauern für ihre Töchter leisten, kam zu dem nicht eben geringen Pensionspreis ja auch noch der Umstand hinzu, dass durch den Pensionatsaufenthalt der Tochter auf dem Hof eine volle Arbeitskraft fehlte.