Schwerpunkt Arbeit(en): Wanderhaushaltungsschulen in Westfalen

06.03.2026 Niklas Regenbrecht

Kreiswanderhaushaltungsschule im Landkreis Münster, Teilnehmerinnen eines Kurses in Gelmer, 1919, obere Riehe ganz rechts: Leiterin Agnes Lindemann (Archiv für Alltagskultur, Sign.: 0000.31056).

Ein wenig seltsam ist das Foto schon: Da stehen elf mit unterschiedlichen Küchenschürzen bekleidete Frauen vor einer Fachwerkwand. Viele von ihnen halten Haushaltsgegenstände – Pfanne, Topf, Schneebesen, Kochlöffel, Milchkännchen oder Schüssel – in der Hand, die in diesem Setting aber keinen praktischen Nutzen erfüllen. In Gruppen zu je drei oder vier Personen stehen und sitzen die Frauen auf und neben einer Sturzkarre; eine Schubkarre und ein Waschtrog sind auch zu sehen. Ohne die Bildbeschriftung bliebe ein solches Foto vermutlich bis in alle Zeit rätselhaft, aber 1965, als eine Reproduktion ins Bildarchiv der Kommission Alltagskulturforschung gelangte, wurde glücklicherweise auch nach Aufnahmeort und -zeit der sowie nach dem Anlass für die Fotografie gefragt. Laut Bildbeschriftung handelt es sich um einen „Kursus“ der Kreiswanderhaushaltungsschule in Gelmer. Er fand 1919 im Gasthof „Zur Schiffahrt“ statt. Die Aufnahme von der Veranstaltung stammt – ebenso wie 42 weitere Fotografien – laut Aufschrift auf der zugehörigen Bildkarte aus dem Besitz von „Frau A. Brirup, Mstr.“. Die wenigen Angaben genügen, um sich auf die Spuren eines speziellen Fortbildungsangebotes für die heranwachsende weibliche Jugend auf dem Land zu begeben.

Wanderhaushaltungsschulen gab es in Westfalen seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit diesem mobilen Bildungsangebot reagierten einige Landkreise wie der Kreis Tecklenburg (seit 1906) oder der Kreis Minden (seit 1911) auf tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungsprozesse, die den Modernisierungsdruck auch auf die ländliche Bevölkerung erhöhten. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich eine nachschulische Ausbildung der Bauernsöhne etabliert und angesichts von Landflucht und daraus resultierender Personalnot mehrten sich die Forderungen nach modernistischer Rationalisierung auf den Höfen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfassten diese auch die Bäuerinnen, deren Professionalisierung für den Fortbestand der Betriebe als unerlässlich hingestellt wurde. Grundlage dafür sollten schulische und berufsbildende Qualifizierungsangebote für die weibliche Jugend auf dem Land sein.

Die landwirtschaftlichen Haushaltungsschulen, deren westfälische Gründungen – von einer 1852 eröffneten Schule in Freckenhorst abgesehen – in den 1880er Jahren begannen, boten im Internatsbetrieb sechs- bis zwölfmonatige Kurse an, in denen die 14- bis 17jährigen Schülerinnen hauswirtschaftlich und standesgemäß ausgebildet wurden. Das konnten sich lediglich die wohlhabenderen Bauern für ihre Töchter leisten, kam zu dem nicht eben geringen Pensionspreis ja auch noch der Umstand hinzu, dass durch den Pensionatsaufenthalt der Tochter auf dem Hof eine volle Arbeitskraft fehlte. 

Teilnehmerinnen eines Kurses der Kreiswanderhaushaltungsschule in Westbevern, 1920/21, sechste von rechts die Leiterin des Kurses, Agnes Lindemann (Archiv für Alltagskultur, Sig.: 0000.31058).

Wanderhaushaltungsschulen verfolgten ein gänzlich anderes Konzept. Sie verfügten über eine mobile Kücheneinrichtung, die es ihnen erlaubte, das Bildungsangebot in räumliche Nähe zu ihrer Zielgruppe zu bringen. In Gasthöfen, Landwirtschaftsschulen oder Pastoraten fanden die acht- bis zwölfwöchigen Kurse statt, die von den Landkreisen finanziert wurden.

In der Landwirtschaftsschule in Münster fanden im Sommer 1917 insgesamt fünf Kurse der Kreiswanderhaushaltungsschule statt. Ganz vorn der Direktor der Landwirtschaftsschule, Herr Tillmann (Archiv für Alltagskultur, Sign. 0000.31023).

Die Unterrichtszeiten und die räumliche Nähe zum Familienbetrieb ermöglichten es den Schülerinnen, vor und nach dem Unterricht noch Arbeiten auf dem Hof zu verrichten. Da lediglich die Kosten der Lebensmittel für den Kochunterricht umgelegt wurden, die bei Bedarf auch in Naturalien entrichtet werden konnten, war auch den Töchtern von Köttern oder ländlichen Handwerkern eine Teilnahme möglich. Den meisten Teilnehmerinnen ging es in erster Linie um den Kochunterricht, dies während des Ersten Weltkriegs auch unter den Erfordernissen einer Kriegswirtschaft. Die Unterweisung in Säuglingspflege, Ernährungslehre und Tischsitten mit paternalistischem Unterton wurden von den jungen Frauen weniger geschätzt.      

Agnes Lindemann (li) und ihre Nachfolgerin Hilde Lingemann 1920/21 während eines Kurses der Kreiswanderhaushaltungsschule in Westbevern (Archiv für Alltagskultur, Sig.: 0000.31061).

Die 1894 geborene Agnes Lindemann (verheiratete Brirup) war seit 1916 im Kreis Münster für den Aufbau einer Kreiswanderhaushaltungsschule zuständig. In enger Kooperation mit der Landwirtschaftskammer sollte sie im Auftrag des Landkreises Ausbildungsrichtlinien entwickeln, eine mobile Küchenausstattung zusammenstellen und die Kurse vor Ort leiten. Bis zu ihrer Eheschließung 1921 organisierte Lindemann insgesamt 16 Kurse in den Dörfern rund um Münster, deren Teilnehmerinnen auf vielen der überlieferten Fotografien dokumentiert sind. Sie selbst hatte nach dem Besuch des Gymnasiums eine zweijährige hauswirtschaftliche Ausbildung auf dem Mallinckrodthof in Borchen bei Paderborn absolviert. Das war eine dem Reifensteiner Verband angeschlossene private Hauswirtschaftsschule im Internatsbetrieb, die 1912 gegründet worden war. 

Teilnehmerinnen eines Kurses der Kreiswanderhaushaltungsschule in Telgte, 1916/17, Mitte: Kursleiterin Agnes Lindemann (Archiv für Alltagskultur, Sign. 0000.31018).

Die Wanderhaushaltungsschulen blieben insgesamt ein zeitlich eng begrenztes Kapitel ländlich-hauswirtschaftlicher Bildungsarbeit. Bereits in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre traten sukzessive die „Mädchenparallelklassen“ in den Landwirtschaftsschulen an ihre Stelle. 1934 wurden die Wanderschulen auf ministeriellen Erlass hin abgeschafft. Agnes Brirup-Lindemann blieb der Landfrauenarbeit Zeit ihres Lebens verbunden, von 1926 bis 1933 als Schriftleiterin einer Beilage zur Landwirtschaftlichen Zeitung Westfalen-Lippe unter dem Titel „Die Westfälische Landfrau“, als Autorin von mehreren Koch- und Ratgeberbüchern und als Vereinsfunktionärin in Münster-Albachten.

 

Literatur und Quellen:

Albers, Helene: Zwischen Hof, Haushalt und Familie. Bäuerinnen in Westfalen-Lippe (1920 – 1960). Paderborn/München/Wien/Zürich 2001.

Die Landwirtschaftskammer für die Provinz Westfalen. Ihr Werden und Wirken im Dienste der westfälischen Landwirtschaft 1899 – 1929. Festschrift. Münster 1929.

Oehlke, Britta: Wo Hausfrauen gemacht werden … Nordwestdeutsche Haushaltungsschulen und deren Einflüsse und Wirkungen vom ausgehenden 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Diss. Münster 2003.

Strotdrees, Gisbert: Es gab nicht nur die Droste. 60 Lebensbilder westfälischer Frauen. Münster 1997.