Christiane Cantauw
Noch bis zum 26. April 2026 ist in der Galerie im Rathaus in Lippstadt eine Ausstellung zu sehen, die lokale Berührungspunkte mit Kolonialismus, Exotismus und Rassismus dokumentiert. Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt des Lippstädter Stadtmuseums und des Stadtarchivs. Kuratiert wurde sie von Christine Schönebeck und Claudia Becker.
Ausgangspunkt der Ausstellungsmacherinnen ist die Frage, wie man in einer Kleinstadt wie Lippstadt überhaupt etwas von der „Weiten Welt“ erfuhr. Welche Informationen waren für die Menschen beispielsweise in der Frühen Neuzeit verfügbar? Was konnte man überhaupt wissen, wenn man sich nicht selbst aufmachte, um ferne Länder und Weltgegenden in Augenschein zu nehmen? Nah, wie im Titel angedeutet, war die Ferne jedenfalls lange Zeit nicht und das, was über sie kolportiert wurde, entzog sich in den meisten Fällen der Nachprüfbarkeit – ebenso übrigens wie das, was in anderen Ländern über Westfalen berichtet wurde. Viele Stereotype nehmen hier ihren Anfang.
Was allerdings in greifbare Nähe rückte, das waren Rohstoffe aus der Ferne, die zunehmend auch in der Provinz zu erwerben waren. Zucker, Kaffee, Kakao und Gewürze veränderten die Ess- und Trinkgewohnheiten auch im kleinstädtischen Lippstadt. Die begehrten Waren wurden in Kolonialwarenhandlungen verkauft, deren Anzahl vor allem im 19. Jahrhundert schnell anwuchs. Und es entwickelte sich eine heimische Warenwelt, die mit den neuen exotischen Genussmitteln eng verknüpft war. Wer den Kaffee, den Zucker und vieles Weitere wo und unter welchen Arbeitsbedingungen anbaute und wer daran hauptsächlich verdiente, war den meisten Zeitgenoss:innen nicht nur in Lippstadt vermutlich gleichgültig.
Interessiert war man auch nicht an den Lebensbedingungen der Menschen, die man in Lippstadt 1882 und 1886 in Völkerschauen begaffen konnte. Sie blieben für das Publikum im besten Fall Exoten, deren kulturelle und zivilisatorische Unterlegenheit man ja in eben jenen Schauen und auch in den überall im Reich organisierten Kolonialausstellungen – in Lippstadt 1908 – vor Augen geführt bekam.
Die Kolonialwarenläden, die Völkerschauen und die Kolonialausstellungen zeigten aber eines ganz deutlich: Die Ferne war um die Wende zum 20. Jahrhundert deutlich näher gerückt. Das ist auch das Thema des zweiten Teils der Ausstellung, in dem beispielhaft einige Lippstädter:innen in den Blick genommen werden, die aus unterschiedlichen Gründen die „Weite Welt“ bereist haben. Was haben sie in der Südsee, in Peru oder in Afrika unternommen? Was haben sie von ihren Reisen in die Heimat mitgebracht? Wie sind sie in den Besitz der Gegenstände gekommen? Was berichteten sie ihren Mitbürger:innen über die Ferne und die dort Lebenden? Fräulein Timmermann, die um 1925 als Privatlehrerin eine Anstellung auf einer Farm in Namibia fand, schrieb beispielsweise in einem Brief an ihre Angehörigen in Lippstadt, dass der Besitzer der Farm, Herr Eickhoff, sich „10 Owambo-Familien bestellen“ wolle, „damit er nicht plötzlich allein steht.“ (Brief vom 4. April 1926). Für sie war es anscheinend alltäglich, dass man für die Farmarbeit ganze Familien wie im Katalog bestellen konnte.
Wie alltäglich der den Kolonialismus begleitende Rassismus auch vor Ort in Lippstadt war, zeigt sich am Ende der Ausstellung in einer Vitrine, deren Betrachtung durch schwarze Stoffstreifen optisch erschwert (und damit problematisiert) wird. Spielzeug, Bildwerke, Souvenirs (Airport-Art), Kinderbücher und vieles mehr zeigen den alltäglichen Rassismus und den unüberlegten Umgang mit fremder Kultur. Jeder für sich genommen sind viele der Gegenstände scheinbar marginal und schnell übersehbar, in der Menge aber wird das dahinterstehende Muster von Abwertung doch deutlich.