„So sehr ich Ihre in der Eingabe von heute geschilderte drückende Lage bedaure, so bin ich doch gänzlich außer Stande, Ihnen irgendwie lohnende Arbeiten zuzuwenden, und habe mich daher darauf beschränken müssen, Ihnen auf einen zur Verfügung stehenden geringen Fonds ›Anderweit‹ drei Reichstaler anzuweisen, welche Sie bei dem Rechnungsrath Hasenkamp in Empfang nehmen können.“
Flottwell zahlte die Unterstützung nicht aus eigener Tasche, sondern aus einem „Anderweit“-Fond. Vermutlich handelte es sich dabei um einen ähnlichen (Sonder)Fond, wie ihn 1849 der Magistrat der Stadt Münster einrichtete, um angesichts der grassierenden Not an der Armenkommission vorbei Unterstützungsleistungen an Bedürftige vergeben zu können.
Die Kaufkraft eines Talers im Jahre 1848 entsprach nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank der Kaufkraft von Euro 47,30 im Jahr 2024. Auch wenn solche Kaufkraftäquivalente keine exakten Vergleiche, sondern nur grobe Orientierungen bieten können, kann man mutmaßen, dass drei Reichstaler, also Euro 141,90, dementsprechend bei sehr sparsamer Haushaltsführung ausreichen würden, eine Familie – im vorliegenden Fall immerhin zwei Erwachsene und sieben Kinder im Alter von drei bis fünfzehn Jahren – eine Woche lang zu ernähren.
1855 wurde Ludwig Rosenkötter pensioniert; für ungefähr drei Jahre hatte er zuvor als Chaussee-Geld-Erheber am Neutor in Münster Arbeit gefunden. Diese Stellung war seinem vorherigen Zolldienst nicht unähnlich. Nach seiner Pensionierung plagten ihn aber erneut große Geldsorgen. In seiner Not wandte er sich an seinen Onkel, den Kaufmann Wilhelm Kisker in Halle (Westfalen), einen entfernten, aber sehr wohlhabenden Verwandten. Der schrieb in seinem Brief an Ludwig vom 20. Februar 1856:
„Lieber Rosenkötter! Mir ist auch vieles vorgekommen, was mich hart anfasste – so der Todt meines Schwiegersohnes Lampe und dessen Frau, wo mir neun unversorgte Kinder als alleiniges Erbteil verblieben.“
Doch er zeigte sich Ludwig gegenüber entgegenkommend:
„Indessen überreiche ich auch Dir drei Taler inliegend mit der Bitte, meine gut gemeinten Worte nicht übel zu deuten. – Dein aufrichtiger Oheim Wilhelm Kisker“.
Die Kaufkraft eines Talers hatte sich 1856 und 1857 auf umgerechnet Euro 35,30 verringert. Die drei Taler waren also nur noch umgerechnet Euro 105,90 wert – ein Rückgang um fast ein Drittel.
Im Frühsommer 1857 schrieb aus Berlin Emma von Krüger – die Ehefrau des 1846 pensionierten, Geheimen Finanzrats und Provinzialsteuerdirektors Krüger in Münster – an einen der Söhne Ludwigs:
„Was denken Sie wohl von uns? Sie glauben am Ende, dass wir Sie ganz vergessen haben, da wir so gar nichts von uns hören lassen! … Wie haben Sie dann wohl auf Ihre Zulage gewartet! Es war mir gar zu schmerzlich Sie Ihnen nicht schicken zu können, aber wir waren leider selbst in solcher Geldverlegenheit, dass es uns unmöglich war, drei Taler zu erübrigen, … Als einzigen Lohn verlangen wir uns von Ihnen: die Zufriedenheit Ihrer Vorgesetzten sich dazu anhalten und zu erstreben!!“
Offensichtlich schickte das Ehepaar von Krüger regelmäßig Geld an die älteren Söhne, denn in dem Brief heißt es weiter:
„Ihr Bruder hat nicht an uns geschrieben, es tut mir leid, daß er unsere gute Absicht, ihm nützlich zu sein, so unbeachtet gelassen, vielleicht bedarf er es jetzt auch nicht mehr, daß er sich zu fein davor in seinem Verhältniß fühlt.“
Es wird ersichtlich, dass die von Krügers als Gegenleistung für die finanziellen Zuwendungen ein gewisses Maß an Dankbarkeit erwarteten.
Anders als ihre Brüder erfuhren die Töchter Louise (25) und Anna Rosenkötter (18) immer wieder Unterstützung und Förderung durch die entfernt verwandte Lehrerin Lisette Piper. Die beiden jungen Frauen hatten ein Geschäft für Putz- und Galanteriewaren in Unna eröffnet und die Lehrerin hatte ihnen für die Erstausstattung Geld gegeben.
Nach dem Tod von Lisette Piper übernahm wie selbstverständlich ihre jüngere Schwester Louise die Rolle der Wohltäterin und unterstützte die jungen Frauen:
„Die Einlage zeigt Ihnen schon, dass ich augenblicklich wohl im Stande war, Ihrer Verlegenheit abzuhelfen, dass ich es sofort tue, diene Ihnen als Beweis, dass es gern geschieht. Außer den gewünschten zehn Talern schicke ich Ihnen zugleich den Betrag für die zuletzt gefertigte Sache: drei Taler.“
Der Taler hatte Anfang 1859 wieder an Wert zugelegt; die Kaufkraft entsprach etwa Euro 38,30. Insgesamt unterstützte Louise Piper die jungen Frauen mit 13 Talern, das würde heute etwa 500,- Euro entsprechen.
Mitte des 19. Jahrhunderts gab es im Deutschen Reich noch kein einheitlich geregeltes – geschweige denn staatlich organisiertes – System der sozialen Absicherung. Bedürftige wandten sich zunächst an die eigene Familie, nähere oder entfernte Verwandte, Freunde und Bekannte, die wie im Fall der Familie Rosenkötter (punktuell oder auch regelmäßig) finanzielle und materielle Hilfe anboten. Das war natürlich auch eine Absicherung im Falle der eigenen Bedürftigkeit und ganz allgemein auch eine gute Tat, zu der sich die Menschen wegen ihres Glaubens im Sinne des eigenen Seelenheils verpflichtet fühlten. Neben den privaten Netzwerken blieb noch ein Gesuch an die städtische Armenkommission um Unterstützung. Das war im katholischen Münster um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Falle von evangelischen kinderreichen Familien allerdings selten von Erfolg gekrönt, weil die Stiftungsbestimmungen dem entgegenstanden. So blieb noch die Wohltätigkeit kirchlicher oder karitativer Einrichtungen wie beispielsweise des Evangelischen Frauenvereins (gegr. 1824). Aber gerade in allgemeinen Krisenzeiten (beispielsweise in der Hungerkrise 1846/47) waren diese oft überfordert.
An den Briefen an die Familie Rosenkötter zeigt sich, dass diese so wie viele andere Familien um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf Unterstützungsleistungen angewiesen war. Als Glücksfall erwies sich dabei für die Rosenkötters, dass es in der engeren oder weiteren Verwandt- und Bekanntschaft Menschen gab, die offenbar kleinere oder größere Beträge zur Unterstützung der Familie erübrigen konnten. Angesichts der Häufung der exakten Summe von drei Talern stellt sich die Frage, ob diese Mitte des 19. Jahrhunderts eventuell einer Untergrenze entsprach, zu der man sich im Mindesten verpflichtet sah oder ob es sich bei der Wahl der Summe um einen Zufall handelte.
Literatur:
Thomas Küster: Alte Armut und neues Bürgertum. Öffentliche und private Fürsorge in Münster von der Ära Fürstenberg bis zum Ersten Weltkrieg (1756 – 1914). Münster 1995.
Andreas Wollasch (Hrsg.): Wohlfahrtspflege in der Region. Westfalen-Lippe während des 19. und 20. Jahrhunderts im historischen Vergleich. Paderborn 1997.