Zigarren aus Greven

03.03.2026 Niklas Regenbrecht

Wie in Greven, so wurden auch in Vlotho Zigarren in Heimarbeit gefertigt, hier beim Einrollen der Wickel (Fotogaf Hans Wagner, undatiert, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2017.00022)

Hans-Dieter Bez

„… Dorf an der Ems im Kreis u. Regierungsbezirk Münster der preußischen Provinz Westfalen; Leinweberei, Schifffahrt u. Speditionshandel; 1150 Ew.“ So beschreibt Pierer’s Universal-Lexikon von 1859 Greven. 1907 hat sich – laut Meyers Großem Konversations-Lexikon – das Dorf grundlegend verändert: mit 4.306 Einwohnern fast viermal so viele wie knapp 50 Jahre zuvor, Bahnanschluss und verschiedenen neu angesiedelten Gewerbe und Industrien. Zu Leineweberei und Schifffahrt hatten sich zwischenzeitlich Baumwollspinnerei, Strumpfwirkerei, Färberei, Bierbrauerei und Elektrizitätswerk gesellt.

Außerdem wurden in Greven um diese Zeit Zigarren hergestellt, aber wer weiß das heute noch? Dieses Gewerbe wurde durch den aus Tecklenburg stammenden Friedrich Wilhelm Ferdinand Plöger in das von Textilherstellung geprägte Dorf gebracht. Plöger stellte seit 1854 in Tecklenburg Zigarren her und verkaufte diese auch auf der Grevener und Saerbecker Kirmes. Im Jahr 1864 gründete er dann in Greven die Firma „Tabakfabrik W. Plöger“. Produktion und Lager befanden sich zunächst im Niederort. Als die Produktionsstätte am 30. Januar 1894 durch einen Brand zerstört wurde, zog die Firma an die Bahnhofstraße (heute Grundkampstraße). Der Bauantrag an die Grevener Verwaltung zum Neubau auf „Flur 7, Nr. 132“ wurde am 25. Mai 1895 gestellt. In der „Bauconcessionsakte“ findet man auch die nachträglichen Anträge zur Änderung des Bebauungsplans: Verlängerung des Gebäudes um drei Meter sowie zwei- anstatt dreistöckiger Baukörper.

Plögers Firmengründungen fielen in eine Zeit, in der sich die Zigarrenherstellung in Deutschland rasant entwickelte. Eine der größten deutschen Zigarrenregionen lag nicht weit entfernt im Minden-Ravensberger Land; in den Städten Minden, Vlotho und Bünde entstanden seit den 1830er Jahren erste Zigarrenfabriken. In der Mitte des 19. Jahrhundert verlagerte sich die Zigarrenherstellung auf das Land; im Kreis Herford gab es 18 Fabriken mit über 400 Beschäftigten und fünfzig Jahre später 190 mit etwa 9.000 Beschäftigten.

Auch in Greven waren um die Wende zum 20. Jahrhundert neben der Firma Plöger weitere Klein- und Kleinstbetriebe angesiedelt, die sich laut Grevener Adressbuch auf die Herstellung von Zigarren spezialisiert hatten. So sind 1910 für den Amtsbezirk Greven die Zigarrenfabrikanten Anton Beinker (Münsterstraße), Josef Bernsmeyer (Emsstraße), Heinrich Horstmann (Saerbecker Straße) und Arnold Theising (Barkenstraße) aufgelistet.

Die Standortbedingungen für die „Tabakfabrik W. Plöger“ und ihre Konkurrenz ähnelten denen in Minden-Ravensberg. Zwar gab in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allen die wachsende Textilindustrie, besonders die 1855 gegründete (und 1993 stillgelegte) Grevener Baumwollspinnerei, Greven und seiner Wirtschaft den entscheidenden Industrialisierungsschub; doch auch die Herstellung von Zigarren bot Arbeit für Männer und Frauen. Die Anbindung der Region an die erweiterte Emsschifffahrt, der Chauseebau und der Bahnanschluss an die Strecke Münster – Rheine mit Anbindung an den Norden (1866) vereinfachten den Fernverkehr, den Zugang zur Nordsee und damit den Transport des benötigten Tabaks.

Zigarren bestehen aus Einlage, Umblatt und Deckblatt. Für ihre Herstellung verwendete man getrocknete Tabakblätter aus Übersee. Der Trocknungsprozess der Blätter war unterschiedlich lang – je nach ihrem Einsatz als Deckblätter, Umblätter oder Einlage. Sie hatten unterschiedliche Qualität, waren bereits abgelagert und fermentiert. In der Fabrik wurden sie nach Deckblatt, Umblatt und Einlage sortiert, die angefeuchteten Deckblätter und Umblätter dann entrippt. Als Deckblätter wurden die farblich und geruchmäßig besten Blätter genommen; bei den angefeuchteten Tabakblättern wurden zunächst die senkrechten Hauptrippen entfernt und die Blatthälften dann übereinandergelegt und gepresst. Mit den minderwertigeren Tabakblättern und mit „Abfällen“ mischte man die Einlage zusammen. Für die Umblätter nahm man schwachrippige Tabakblätter, die sich als Deckblatt nicht eigneten.

Zur Herstellung der Zigarre nahm der Wickelmacher das Umblatt in die Hand, ordnete das Tabakmaterial und legte es auf das Umblatt; danach umgab er die Einlage mit dem Umblatt und rollte den so hergestellten Wickel auf dem Tisch, um ihm ein wenig Festigkeit zu geben. Der Wickel wurde dann in einer zweiteiligen Wickelform bis zu 24 Stunden gepresst und dabei erwärmt. Solche Wickelformen aus Holz sind heute noch in der Gaststätte Winninghoff in Greven zu sehen.

Wickelformen aus Holz, wie sie heute noch in der Gaststätte Winninghoff in Greven zu sehen sind (Fotograf Hans-Dieter Bez).

Nach der Pressung rollte der Zigarrenmacher das Deckblatt um den Wickel. Dazu breitete er eines der feuchtgehaltenen Deckblätter auf einem Schneidebrett aus und schnitt die Ränder zu. Danach legte er den Wickel schräg auf das Deckblatt und wickelte ihn in das Deckblatt ein. Dabei achtete er darauf, dass die Blätter sich möglichst gut der Länge nach an den Wickel anlegten. Danach formte er den Zigarrenkopf und rollte dann die fertige Zigarre auf dem Brett zur endgültigen Form. Abschließend wurde sie mehrere Wochen getrocknet und dann in einen Holzkasten verpackt.

Anders als andere Zigarrenfabriken konnte sich die Firma Plöger in Greven lange Zeit halten. Die Zahl der dort beschäftigten Arbeiter bewegte sich zwischen 19 im Jahr 1883 und 48 im Jahr 1891; lediglich in den Jahren 1915 und 1916, als in der Firma zahlreiche Kriegsgefangene eingesetzt wurden, stieg die Zahl der Arbeiter auf über 70 an. Hatte Plöger zu Beginn der 1890er Jahre sogar weitere kleinere Produktionsstellen in benachbarten Dörfern eröffnet, so war seit der Wende zum 20. Jahrhundert bereits ein Rückgang der Zigarrenfabrikation festzustellen. Die seit 1906 unter dem Namen „Gebrüder Plöger-Cigarren-Fabriken“ produzierende Firma litt unter Einfuhrzöllen, den steigenden Lohn(neben)kosten und den sich verändernden Gewohnheiten der Konsumenten, die zunehmend der Zigarette den Vorzug gaben. Ende der 1920er Jahre musste der Betrieb zeitweise eingestellt werden. 1934 wurde das Fabrikgebäude an die Stadt Greven verkauft, die an Ort und Stelle eine Berufsschule für die Textilindustrie einrichtete. Die Firma Plöger verlagerte ihre Produktion nach Bad Oeynhausen, wo der Betrieb von einem Enkel des Firmengründers bis 1956 weitergeführt wurde und mit Zigarrenmarken wie „Bismarck“, „Moltke“ und „Schloss Doorn“ weiterhin an kaiserzeitlich-nationalpolitische Erinnerungsorte anknüpfte.

Woher die Zigarrenfabrikanten den Rohtabak bezogen, der in ihren Fabriken oder in Heimarbeit verarbeitet wurde, war von Firma zu Firma unterschiedlich. Rohtabak aus Übersee (Kuba, Jamaika, Amerika) wurde vor allem über den Hafen in Bremen eingeführt und von dort aus über die Weser ins Landesinnere verschifft, verkauft und weiterverarbeitet. Einzelne Produzenten wie der Münsteraner Schulte Altenroxel experimentierten mit dem Anbau von Tabak in Afrika, wo sie die ortsansässige Bevölkerung als Arbeitskräfte ausbeuteten. Daneben gab es aber auch in Süddeutschland und zeitweise sogar in Münster angebauten Tabak, der jedoch eher aus steuerlichen, weniger aus geschmacklichen Gründen interessant war.

Zigarrenmacherinnen in Bünde, ca. 1920er -1930er Jahre (Fotograf unbekannt, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 1991.00442).

Wie in Greven, so wurden in vielen Dörfern und Städten in Westfalen und Lippe im 19. und 20. Jahrhundert Zigarren hergestellt. Profitabel war das meist weder für die Arbeitskräfte in den Tabakanbauregionen noch für die Beschäftigten in der Zigarrenherstellung, die örtlich – beispielsweise in Lemgo, Vlotho oder Bünde – auch im Verlagssystem in Heimarbeit arbeiteten; lukrativ war es lediglich für einige Plantagen- und Fabrikbesitzer. 

 

Literatur und Quellen:

Artikel „Greven“. In: Pierer's Universal-Lexikon der Vergangenheit und Gegenwart. 4. Auflage, Band 7. Altenburg 1859, S. 587.

Artikel „Greven“. In Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 8. Leipzig 1907, S. 284.

Digitale Ausstellung: Macheten – Tabak – Edelsteine (www.lwl-freilichtmuseum-hagen.de/de/ausstellungen/macheten-tabak-edelsteine/tabakfabrik/).

Heimatverein Vlotho (Hg.): „Minske, wat schmickt de Zigarr fin …“. Vlotho als Zigarrenstadt. Vlotho 2024.

Innemann, Volker: Industrialisierung in Greven. Greven 1992.

Koloniale Räume in Münster. Eine Spurensuche, Stadtarchiv Münster (www.stadt-muenster.de/kolonialspuren/startseite).

Schröder, Stefan: „Das größte Dorf im Münsterland...“ – Greven vor 100 Jahren. In: Grevener Geschichtsblätter Nr. 96, 2010/2011, S. 10–29.

Schulte Altenroxel, Heinrich: Ich suchte Land in Afrika. Erinnerungen eines Kolonialpioniers. Leipzig 1942.

Ders.: Der Tabakanbau in der Heimat und die Verarbeitung der Ernte. Münster 1920.

https://www.lwl.org/industriekultur-owl/site/museum/museum.php-id=32.html (abgerufen am 16.12.2025)

https://www.westfalen-regional.de/de/tabakindustrie_po/ (abgerufen am 16.12.2025)