Hans-Dieter Bez
„… Dorf an der Ems im Kreis u. Regierungsbezirk Münster der preußischen Provinz Westfalen; Leinweberei, Schifffahrt u. Speditionshandel; 1150 Ew.“ So beschreibt Pierer’s Universal-Lexikon von 1859 Greven. 1907 hat sich – laut Meyers Großem Konversations-Lexikon – das Dorf grundlegend verändert: mit 4.306 Einwohnern fast viermal so viele wie knapp 50 Jahre zuvor, Bahnanschluss und verschiedenen neu angesiedelten Gewerbe und Industrien. Zu Leineweberei und Schifffahrt hatten sich zwischenzeitlich Baumwollspinnerei, Strumpfwirkerei, Färberei, Bierbrauerei und Elektrizitätswerk gesellt.
Außerdem wurden in Greven um diese Zeit Zigarren hergestellt, aber wer weiß das heute noch? Dieses Gewerbe wurde durch den aus Tecklenburg stammenden Friedrich Wilhelm Ferdinand Plöger in das von Textilherstellung geprägte Dorf gebracht. Plöger stellte seit 1854 in Tecklenburg Zigarren her und verkaufte diese auch auf der Grevener und Saerbecker Kirmes. Im Jahr 1864 gründete er dann in Greven die Firma „Tabakfabrik W. Plöger“. Produktion und Lager befanden sich zunächst im Niederort. Als die Produktionsstätte am 30. Januar 1894 durch einen Brand zerstört wurde, zog die Firma an die Bahnhofstraße (heute Grundkampstraße). Der Bauantrag an die Grevener Verwaltung zum Neubau auf „Flur 7, Nr. 132“ wurde am 25. Mai 1895 gestellt. In der „Bauconcessionsakte“ findet man auch die nachträglichen Anträge zur Änderung des Bebauungsplans: Verlängerung des Gebäudes um drei Meter sowie zwei- anstatt dreistöckiger Baukörper.
Plögers Firmengründungen fielen in eine Zeit, in der sich die Zigarrenherstellung in Deutschland rasant entwickelte. Eine der größten deutschen Zigarrenregionen lag nicht weit entfernt im Minden-Ravensberger Land; in den Städten Minden, Vlotho und Bünde entstanden seit den 1830er Jahren erste Zigarrenfabriken. In der Mitte des 19. Jahrhundert verlagerte sich die Zigarrenherstellung auf das Land; im Kreis Herford gab es 18 Fabriken mit über 400 Beschäftigten und fünfzig Jahre später 190 mit etwa 9.000 Beschäftigten.
Auch in Greven waren um die Wende zum 20. Jahrhundert neben der Firma Plöger weitere Klein- und Kleinstbetriebe angesiedelt, die sich laut Grevener Adressbuch auf die Herstellung von Zigarren spezialisiert hatten. So sind 1910 für den Amtsbezirk Greven die Zigarrenfabrikanten Anton Beinker (Münsterstraße), Josef Bernsmeyer (Emsstraße), Heinrich Horstmann (Saerbecker Straße) und Arnold Theising (Barkenstraße) aufgelistet.
Die Standortbedingungen für die „Tabakfabrik W. Plöger“ und ihre Konkurrenz ähnelten denen in Minden-Ravensberg. Zwar gab in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allen die wachsende Textilindustrie, besonders die 1855 gegründete (und 1993 stillgelegte) Grevener Baumwollspinnerei, Greven und seiner Wirtschaft den entscheidenden Industrialisierungsschub; doch auch die Herstellung von Zigarren bot Arbeit für Männer und Frauen. Die Anbindung der Region an die erweiterte Emsschifffahrt, der Chauseebau und der Bahnanschluss an die Strecke Münster – Rheine mit Anbindung an den Norden (1866) vereinfachten den Fernverkehr, den Zugang zur Nordsee und damit den Transport des benötigten Tabaks.
Zigarren bestehen aus Einlage, Umblatt und Deckblatt. Für ihre Herstellung verwendete man getrocknete Tabakblätter aus Übersee. Der Trocknungsprozess der Blätter war unterschiedlich lang – je nach ihrem Einsatz als Deckblätter, Umblätter oder Einlage. Sie hatten unterschiedliche Qualität, waren bereits abgelagert und fermentiert. In der Fabrik wurden sie nach Deckblatt, Umblatt und Einlage sortiert, die angefeuchteten Deckblätter und Umblätter dann entrippt. Als Deckblätter wurden die farblich und geruchmäßig besten Blätter genommen; bei den angefeuchteten Tabakblättern wurden zunächst die senkrechten Hauptrippen entfernt und die Blatthälften dann übereinandergelegt und gepresst. Mit den minderwertigeren Tabakblättern und mit „Abfällen“ mischte man die Einlage zusammen. Für die Umblätter nahm man schwachrippige Tabakblätter, die sich als Deckblatt nicht eigneten.
Zur Herstellung der Zigarre nahm der Wickelmacher das Umblatt in die Hand, ordnete das Tabakmaterial und legte es auf das Umblatt; danach umgab er die Einlage mit dem Umblatt und rollte den so hergestellten Wickel auf dem Tisch, um ihm ein wenig Festigkeit zu geben. Der Wickel wurde dann in einer zweiteiligen Wickelform bis zu 24 Stunden gepresst und dabei erwärmt. Solche Wickelformen aus Holz sind heute noch in der Gaststätte Winninghoff in Greven zu sehen.