04.06.2021

Abenteuer Bakelit. Studierende erforschen eine (fast) vergessene Universitätssammlung der WWU

Ein wahrer Design-Klassiker ist das Telefon aus schwarzem Bakelit. Foto: Friederike Niemann.

Christin Fleige

 

Handmixer, Aquarienpumpe, Feldflasche, Fotoapparat, Seifendose, Massagegerät, Spannungsprüfer – was diese Gegenstände miteinander gemein haben könnten, ist anhand der bloßen Aufzählung kaum ersichtlich. Und doch sind alle Objekte Teil einer Universitätssammlung der WWU, die im Foyerbereich des Gebäudes Fliednerstraße 21 in vier Vitrinen dauerhaft ausgestellt ist. Erst vor Ort offenbart sich aufmerksamen Betrachter*innen – wenn auch womöglich erst auf den zweiten Blick – die Gemeinsamkeit der knapp 200 Gegenstände aus den 1920er bis 1970er Jahren: Es ist das Material, der historische Kunststoff Bakelit, aus dem alle Exponate (mindestens in Teilen) gefertigt sind.

Im Schatten der größeren, öffentlichkeitswirksameren Sammlungen und Museen der WWU, wie dem Archäologischen Museum oder dem Bibelmuseum, scheint die Bakelitsammlung trotz der öffentlichen Präsentation in Vergessenheit geraten zu sein. Sie wird nicht mehr wissenschaftlich betreut und wird von Nutzer*innen des Gebäudes zumeist als kaum beachtenswertes Sammelsurium antiquierter Gegenstände wahrgenommen. Für eine Gruppe von fünf Studierenden im Masterstudiengang Kulturanthropologie/Volkskunde hingegen erwiesen sich die vier angestaubten Vitrinen als spannendes Forschungsobjekt.

Im Sommersemester 2019 begannen die Studierenden im Rahmen des zweisemestrigen Lehrforschungsprojektes „Dinge des Wissens: Die Sammlungen der WWU“ unter der Leitung von Prof. Dr. Lioba Keller-Drescher, sich mit der Geschichte, Bedeutung und heutigen Nutzung von Universitätssammlungen zu beschäftigen. Ziel des praxisorientierten Seminars war es, in einem eigenen Forschungsprojekt eine der mehr als 30 wissenschaftlichen Sammlungen der WWU genauer unter die Lupe zu nehmen. Dank eines Hinweises aus der Zentralen Kustodie, deren Leiter Dr. Eckhard Kluth den Forschungsprozess mit zusätzlicher Expertise unterstützte, fiel die Wahl auf besagte Bakelitsammlung.

Die darin versammelten Exponate sind überwiegend in dunklen Braun- und Rottönen sowie Schwarz gefertigt und erscheinen auf den ersten Blick eher unscheinbar und wenig außergewöhnlich. Tatsächlich jedoch waren viele dieser Objekte vor gut 100 Jahren alles andere als selbstverständlich. Denn das von dem belgisch-US-amerikanischen Chemiker Leo Hendrik Baekeland (1863–1944) entwickelte und 1907 patentierte Bakelit stellte den ersten vollsynthetischen, duroplastischen, d.h. hitzebeständigen, und kostengünstig produzierbaren Kunststoff dar. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten durch den Einsatz dieses neuen Werkstoffes viele Gebrauchsgegenstände erstmals in vielfältigen Formen und in großen Massen industriell hergestellt werden. Schnell hielten Bakelitprodukte in vielen Bereichen des Alltags Einzug und trugen zu einer wahren Kunststoffeuphorie bei.

Wie vielfältig der Einsatz des Bakelits war, das nicht ohne Grund als „Material der 1000 Möglichkeiten“ beworben wurde, spiegelt sich auch in der bereits eingangs beschriebenen Bandbreite der in der Sammlung der WWU vorhandenen Gegenstände wider. Vor allem Haushalts- und Kommunikationsgegenstände sowie diverse elektrische Kleingeräte und Werkzeuge, denen die Isolierfähigkeit des Bakelits zugutekam, sind darunter zu finden. Während einige Objekte wie ein Wählscheibentelefon und ein Schallplattenspieler mittlerweile Einzug in die moderne Popkultur gefunden haben und heute wieder als kultig-nostalgische Deko-Objekte beliebt sind, warfen andere Exponate wie ein sogenannter „Nordsüd-Gleichrichter“, der angeblich Erdstrahlen und Elektrosmog neutralisieren könne, zunächst einige Fragen auf. Wieder andere Gegenstände sind – in modernerer Ausführung und aus anderen Materialien gefertigt – auch heute noch verwendete Alltagsbegleiter, so z.B. eine Kaffeedose, ein Feuerzeug oder eine Thermosflasche.

Die Vielfältigkeit der in der Bakelitsammlung der WWU vorhandenen Objekte hängt vermutlich auch damit zusammen, dass eines der ursprünglichen Ziele der Sammlung darin bestand, die Materialeigenschaften und daraus resultierende Nutzungsmöglichkeiten des Bakelits zu veranschaulichen. Denn die Sammlung wurde vom langjährigen Direktor des Instituts für Didaktik der Chemie – welches zurzeit noch im Gebäude der Fliednerstraße 21 untergebracht ist – Prof. Dr. Günter Kerrutt (1930–2016) gemeinsam mit Norbert Klitz (1953–2015), Hausmeister des Gebäudes und begeisterter Bakelitsammler, zusammengetragen. Zu Lehrzwecken band Günter Kerrutt die Objekte auch aktiv in seine Lehrveranstaltungen ein; nach seiner Emeritierung im Jahr 1995 verloren sie jedoch zunehmend ihren Zweck als Anschauungsmaterial für Studierende.

Dass die Sammlung nun durch das Lehrforschungsprojekt am Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie aus einem völlig anderen wissenschaftlichen Blickwinkel wieder in die universitäre Lehre eingebunden wurde, veranschaulicht die diskursive Geprägtheit von Wissenschaft und verweist auf Prozesse der Produktion und Zirkulation von „Wissen“ und „Wissensdingen“. Hier zeigt sich das Potenzial auch vermeintlich veralteter akademischer Sammlungen, die ihre Relevanz für die Forschung und Lehre des Faches, in dem sie ursprünglich entstanden, weitgehend verloren haben.

Studierende dokumentieren und fotografieren die Objekte. Foto: Lioba Keller-Drescher.

Aus kulturanthropologischer Perspektive ergaben sich z.B. Fragen zur Geschichte der an der WWU entstandenen Bakelitsammlung, zur alltagsgeschichtlichen sowie heutigen populärkulturellen und musealen Bedeutung von Bakelitobjekten und zu Prozessen des Vergessens und Wiederentdeckens von (Wissens-)Dingen. Diesen und weiteren Fragen widmeten sich die studentischen Forscher*innen, denen die Lehrveranstaltung die selbstständige Durchführung eines längerfristigen wissenschaftlichen Projektes ermöglichte. Die Ergebnisse der Recherchen in Archiven, Museen und Bibliotheken, der Exkursionen und Interviews und der systematischen Dokumentation der Sammlung konnten – pandemiebedingt mit einiger Verzögerung – mit einer Publikation abgeschlossen werden. Die in der gemeinsamen Schriftenreihe NIKE des Universitätsarchivs und der Zentralen Kustodie erscheinende  Broschüre kann unter kustodie@uni-muenster.de angefordert werden (Schutzgebühr: 5 Euro).

 

Literaturhinweise:
Braun, Dietrich und Collin, Gerd (2010): 100 Jahre Bakelit. In: Chemie in unserer Zeit 44, S. 190–197.
Koßmehl, Gerhard (2010): Bakelit erobert die Welt. In: Kunststoffe 1/2010, S. 10–13.

Kategorie: Aus der Uni

Schlagwort: Christin Fleige