27.08.2021

Burenabende in Herford: Im November 1900 gründete sich die Herforder Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes

Dietrich Murken, Mitbegründer der Herforder Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes, mit dem Kollegium der Herforder Landwirtschafts- und Realschule, 1909, Foto: Kommunalarchiv Herford.

Lukas Ortwig

Im Oktober 1899 brach in Südafrika der Zweite Burenkrieg aus. Großbritannien kämpfte gegen die Buren, die Nachfahren der europäischen Kolonisten zumeist niederländischer Herkunft. Diese forderten mehr Rechte und Unabhängigkeit gegenüber den vor allem an den Bodenschätzen (Diamanten- und Goldbestände) interessierten Engländern. Der Krieg löste in der deutschen Gesellschaft eine anglophobe Stimmung aus, die sich partei- und klassenübergreifend bis zur Befriedung des Konfliktes verfestigte. Wie keine andere Verbandsorganisation verstand es der im April 1891 in Berlin gegründete „Allgemein Deutsche Verband“ (ab 1894: Umbenennung in „Alldeutscher Verband“), sich als zentraler Vertreter der rechten Oppositionen im Deutschen Kaiserreich zu positionieren. Zu den Kernanliegen des radikalnationalistischen Verbandes zählten die Stärkung des Deutschtums, der Ausbau der kaiserlichen Marine sowie die Ausweitung der deutschen Weltmachtstellung. Besonders während des Zweiten Burenkrieges (1899-1902) wurde die vermeintliche sozialdarwinistische Attitüde der „Stammverwandtschaft“ mit der burischen Ethnie von den Verbandsfunktionären postuliert.

Im Hotel zur Post, Hämelinger Straße 17, wurde die Herforder Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes 1900 gegründet, Foto: Kommunalarchiv Herford.

Auch das ländlich geprägte Herford war von diesen innen- und verbandspolitischen Entwicklungen betroffen. Unter Alfred Geiser, dem Geschäftsführer des Alldeutschen Mutterverbandes aus Berlin, wurde die Herforder Ortsgruppe am 06. November 1900 im Hotel zur Post gegründet. Gemäß den Leitlinien des Mutterverbandes stammte der gesamte Vorstand aus dem Besitz- und Bildungsbürgertum. Vor allem sind hierbei die beiden Vorstandsmitglieder Dietrich Murken und Wilhelm Meyer gesondert zu erwähnen. Murken, der spätere erste Vorsitzende der Ortsgruppe, war Oberlehrer an der Landwirtschafts- und Realschule nebst Ackerbauschule, aus der nach dem 2. Weltkrieg das Ravensberger Gymnasium hervorgehen sollte. Pastor Meyer aus Hiddenhausen organisierte Reden, Veranstaltungen und Gesangseinlagen. Die beiden Vorstandsmitglieder waren zusätzlich in anderen nahestehenden Vereins- sowie Verbandsorganisationen eingebunden, und nahmen neben ihren Tätigkeiten für die Ortsgruppe in den Zweigvereinen des Evangelischen Bundes sowie des Christlich-Vaterländischen Vereins leitende Positionen ein.

Im Verlauf des militärischen Konfliktes zwischen den beiden Burenrepubliken (Transvaal und Oranje-Freistaat) und Großbritannien wurden große Teile der burischen Bevölkerung in eigens errichteten Internierungs- bzw. Konzentrationslagern unter desolaten hygienischen Bedingungen festgehalten. Zwischenzeitlich waren nach Schätzungen bis zu 160.000 Buren interniert von denen wiederum 20.000 bis 30.000 ums Leben kamen. Um auf den Kriegsverlauf in Übersee und die miserablen Lebensumstände in den Internierungslagern hinzuweisen, wurden nicht nur in Herford, sondern im gesamten Deutschen Kaiserreich sogenannte Burenabende durch den Alldeutschen Verband ins Leben gerufen. Bei den Veranstaltungen wurden burische Gastredner ins Zentrum der Referentenvorträge gerückt. Zwei veranstaltete Burenabende stachen in Herford besonders hervor: Symbolische Akte wie die öffentliche Verabschiedung einer Resolution an den Reichskanzler Bernhard von Bülow am ersten Burenabend (21.03.1901) und das Versenden eines Telegramms an den Präsidenten der Südafrikanischen Republik, Paul Kruger, am zweiten Burenabend (22.08.1901) belegten eine relevante Stellung der Ortsgruppe in der Region Minden-Ravensberg. Es ist zu erwähnen, dass sich erst nach dem ersten Burenabend andere Ortsgruppen in Bielefeld, Lübbecke, Minden und Bünde konstituierten. Der erste Burenabend im Herforder Schützenhof mit rund 2000 Veranstaltungsbesuchern legte dabei den Grundstein für eine weitreichende regionale Vernetzung.

Ansichtskarte mit einer Darstellung eines in Enger geplanten jedoch nie umgesetzten Buren-Denkmals, Foto: Kommunalarchiv Herford.

Der Alldeutsche Verband romantisierte den Krieg der Buren gegen die Briten, indem in der internen Verbandszeitung freiwillige deutsche und niederländische Kriegsteilnehmer als „edelmütig“ oder „freiheitsliebend“ bezeichnet wurden. Selbst in Herford gab es Bürger, die am Krieg in Übersee teilnahmen. So berichtete der Maurermeister Heinrich Mormann im Jahr 1902 bei der zweiten Generalversammlung der Ortsgruppe über seine Erlebnisse in Südafrika.

Der Friedensschluss zwischen Buren und Briten im Frühjahr 1902 durch den Vertrag von Vereeniging (nahe Johannesburg) führte zu einer sukzessiven Einstellung der antienglischen Öffentlichkeitsarbeit. Vielmehr rückten die Funktionäre des Alldeutschen Verbandes den Nationalitätenkonflikt in den Ostgebieten des Deutschen Kaiserreiches in den Vordergrund. Ab 1904 lassen sich keine ausgeschriebenen Veranstaltungen in den Herforder Lokalzeitungen nachweisen. Ein Indiz dafür, dass die Ortsgruppe den Weg in die Bedeutungslosigkeit beschritt.

Zuerst erschienen in: HF-Magazin. Heimatkundliche Beiträge aus dem Kreis Herford, Nr. 117, 16.06.2021, herausgegeben von der Neuen Westfälischen.

Link: https://www.kreisheimatverein.de/wissen/hf-magazin/

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