Das Rad der Wahl, Teil 2: Coole Kids auf coolen Rädern

24.04.2026 Niklas Regenbrecht

Timo Luks

Modernität und Coolness hängen an der Wahl des Fahrrads. Während die Älteren klassische Damen- und Herrenräder wählten, die sie zum Teil abenteuerlich beluden (https://www.alltagskultur.lwl.org/de/blog/das-rad-der-wahl-teil-1-lastenraeder/), griffen Jugendliche zu anderen, weniger „alltagstauglichen“ Rädern. Teilweise lösten die Fahrradmoden einander ab, ohne dass man von einer ganz strengen und linearen Entwicklung ausgehen sollte. Wer sich für welches Rad entschied und welche Räder auf historischen Fotografien zu sehen sind – daran lassen sich einige Aspekte des Alltags ablesen.

Der Kulturanthropologe Rolf Lindner ging kürzlich der Frage nach, wie Erinnerungen und gelebte Erfahrungen dazu beitragen, „dass uns Hässliches subjektiv schön erscheint.“ Lindner widmete sich lebensgeschichtlichen Erzählungen über die Städte des Ruhrgebiets sowie Manchester und Salford. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf Straßenfotografie und Fotobücher, die die alten Industriestädte ästhetisch aufwerteten oder einen Transformationsprozess dokumentierten, der das vermeintlich Hässliche überwinden sollte.

Die Fotografin Shirley Baker (1932–2014) etwa setzte dem Straßenleben Manchesters und Salfords in den 1960er Jahren ein Denkmal; just in dem Moment, als den alten Backsteinsiedlungen der Abriss bevorstand und der im britischen Kontext als „slum clearance“ bezeichnete Prozess urbaner Erneuerung einsetzte. Eine Aufnahme der Fotoserie trägt den Titel A Boy on a Bike (https://shirleybakerphotography.com/the-street-photographs/). Rolf Lindner zeigte sich beeindruckt, wie Baker einen lebhaften Alltag einfing, der nicht den „gängigen Vorstellungen vom bedrückenden Leben im sogenannten Slum“ entsprach. Lindner interessierte sich vor allem für die Wäscheleinen und die frisch gewaschene weiße Wäsche, die quer über der Straße hingen – ein gängiges Motiv auch der Ruhrgebietsfotografie.

Aber was hat es mit dem Jungen und seinem Rad auf sich, der ja nun ganz offensichtlich im Mittelpunkt des Bilds steht: respektabel gekleidet in Anzug, Weste und Krawatte, in leichter Schräglage über das Pflaster fahrend, den Blick in die Kamera gerichtet und im Begriff, an der auf dem Gehweg positionierten Fotografin vorbeizufliegen? Das Bild bekräftigt eine spätere Aussage Shirley Bakers: Sie habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder und Jugendliche beim Anblick ihrer Kamera sofort in Pose gingen. Der Junge auf dem Rad posierte offensichtlich, auch wenn es eine Pose in Bewegung ist. Die Tragik besteht darin, dass niemand der Anwesenden ihn anschaute. Wie ungerecht! Handelte es sich doch um ein schickes und sportliches Rad in Rennradoptik.

Ein Junge, der in den frühen 1960er Jahren in Salford mit Rennlenker unterwegs war, interessierte sich nicht für Wäscheleinen und weiße Wäsche. Eher dachte er an Tom Simpson (1937–1967). Simpson: Bergarbeitersohn aus Nottinghamshire, Sieger der Flandernrundfahrt, erster Brite im Gelben Trikot der Tour de France, Sieger von Mailand–San Remo und der Lombardeirundfahrt, erster britischer Straßenweltmeister und BBC Sports Personality of the Year – der größte und durch seinen Tod auf dem Mont Ventoux während der Tour de France auch tragischste Held des britischen Radsports. Simpsons Offenheit gegenüber den Medien hatte ihn zudem schnell zum Radsportbotschafter gemacht, der in Großbritannien eine wahre Cyclemania auslöste. Ein Junge in Salford kannte ihn ganz sicher, entsprechend dynamisch posierte er für eine Fotografin.

Borken, Palmsonntag 1971; Fotograf: Dietmar Sauermann (Archiv für Alltagskultur, 0000.55661)

Die charakteristisch nach unten gebogene Lenkstange – damit konnten sich (männliche) Jugendliche von der älteren Generation unterscheiden. Sport- beziehungsweise Rennräder waren dynamisch und modern. In den Katalogen der Hersteller waren sie seit den frühen 1960er Jahren präsent, und sie zielten unverkennbar auf die Zielgruppe männlicher Heranwachsender. Daher ist es keine Überraschung, dass sie sich auch in Westfalen auf Fotos schlichen. So dokumentierte Dietmar Sauermann für die Volkskundliche Kommission 1971 Palmsonntagsbräuche – und hielt dabei einen Jungen auf einem Fahrrad fotografisch fest. Sauermann war vermutlich mehr am Palmstock interessiert, den der Junge in der Hand hielt; der jugendliche Radfahrer selbst war aber sicher stolz auf sein sportliches Rad – mit Rennlenker!

Der Ruhrgebietsfotograf Helmut Orwat (Jg. 1938) fand ähnliche Motive. Als die Lange Straße in Castrop-Rauxel (genauer gesagt: das Straßenschild) in den Fokus seiner Kamera geriet, schob im Hintergrund ein männlicher Jugendlicher sein sportliches Rad, beide Hände am Unterlenker.

Castrop-Rauxel, 1960 bis 1979; Fotograf: Helmut Orwat (Archiv für Alltagskultur, 2013.19005)

Sportliche Modelle mit Kettenschaltung und Rennlenker, in der Regel aber mit Schutzblechen und Beleuchtung, also „verkehrstauglich“, auch wenn Hersteller in ihren Katalogen besonders sportliche Versionen ohne letzteres anboten – das war eine mögliche Wahl für Jugendliche, um Modernität und Coolness zu unterstreichen. Die andere Möglichkeit war – natürlich! – das Bonanza-Rad.

Bonanza-Räder: So hießen in Deutschland jene Modelle, die in den USA und Großbritannien, aufgrund des charakteristisch hohen Lenkers naheliegend, „High Riser“ oder „Chopper“ hießen und von Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre Bestseller waren. Bei diesen Rädern mit kleinen 20-Zoll-Rädern, Bananensattel und allerlei auffälligen Accessoires denkt man an alles, nicht aber an Rennräder und Radsport. Dennoch wurden sie zunächst als Sporträder vermarktet beziehungsweise in dieses Segment einsortiert. Entscheidend war die sportlich anmutende Optik, vor allem die Inspiration aus der Motocross-Szene (kurze Schutzbleche, Federelemente, Stollenreifen). Das in der Bonanzarad-Bibel zusammengetragene Material umfasst Katalogabbildungen des US-Herstellers Schwinn, der mit dem „Stingray“ eines der ersten Bonanza-Räder auf den Markt brachte, das zum Verkaufsschlager wurde. Im Katalog wurden auf derselben Seite das „Stingray“ (49,95 Dollar) und das „10-Speed-Varsity“ („Two gearshifts! Racing style handlebars! Racing Saddle! 10-speed sprint derailleur gear!“ – 66,95 Dollar) angepriesen. In der Bundesrepublik begegnet uns das erste Bonanza 1968/69 im Neckermannkatalog unter der Bezeichnung „Moto-Cross-Fahrrad“. Im Katalog des Jahres 1970 bewarb Rudi Altig (1937–2016), mehrfacher Etappensieger bei der Tour de France und dem Giro d’Italia, Sieger der Flandernrundfahrt und von Mailand-San Remo, Weltmeister des Jahres 1966, das Modell unmissverständlich: „Der Straßenkreuzer unter den Sporträdern – NECKERMANN-Bonanza“.

Gestiegener Wohlstand sowie neue Formen des Konsums und der Werbung für Konsumgüter machten es möglich, ein Rad als Sportrad zu vermarkten, dass so ganz und gar nicht sportlich zu fahren war. Mit dem Bonanza stand gepflegtes Flanieren und Posieren auf dem Programm. Es war „Fortbewegungsmittel, kindliches Statussymbol und Freizeitbeschäftigung“ (Christiane Cantauw) in einem. Auf zahlreichen Bildern Helmut Orwats fungieren Bonanza-Räder (oder die bereits etwas früher eingeführten Klappräder) als Signal für Modernität. Die damals neuen und angesagten Modelle schufen Stadtansichten, die, darauf weist Christiane Cantauw hin, einen gelungenen Strukturwandel des Ruhrgebiets ins Bild setzten. Der Anschluss an die „Nach-Industrie-Moderne“ ist dort gelungen, wo „Kinder mit angesagten Fortbewegungsmitteln auf gepflasterten, sauberen Gehwegen“ spielen.

Gladbeck, 1973, Fotograf: Helmut Orwat (Archiv für Alltagskultur, 2006.00324)
Bochum-Wattenscheid, 1973, Fotograf: Helmut Orwat (Archiv für Alltagskultur, 2006.00325)
Castrop-Rauxel, 1973, Fotograf: Helmut Orwat (Archiv für Alltagskultur, 2014.00190)

Mit Blick auf die Stadtlandschaften des nach-industriellen Ruhrgebiets signalisierten Bonanza- und Klappräder Modernität, aus Sicht der jugendlichen Besitzer*innen Lässigkeit. Die Wahl des Rads war unter Heranwachsenden eine Stilfrage. Und natürlich wählte man, wo immer es ging, nicht die Modelle der Eltern und Großeltern. Man wollte schließlich weder Einkaufstaschen noch Milchkannen transportieren, sondern Flanieren und Posieren. Das brachte eigene Probleme unter Gleichaltrigen mit sich. Mille Petrozza (Jg. 1967), der mit Abstand größte Musiker des Ruhrgebiets, erinnert sich an seine Kindheit in Essen:

„Angebertypen, die ihre tatsächliche oder – häufiger – vermeintliche Überlegenheit etwas zu demonstrativ vor sich hertrugen, konnte ich bereits damals auf den Tod nicht ausstehen. Es gab an dieser Grundschule zum Beispiel einen Jungen, dessen Eltern eine schicke Laube hatten und der das teuerste Bonanzarad von allen fuhr. Bonanzaräder waren eine große Sache für uns, aber längst nicht alle Familien konnten sich eins leisten, das war also ein Statussymbol. Es hat diesem Kind an nichts gemangelt, und das hat er für meine Begriffe ein bisschen zu deutlich heraushängen lassen.“

Mille Petrozzas Verweis auf die „Grundschule“ ist fahrradhistorisch stimmig: Nach der Hochphase mit exorbitanten Absatzzahlen und einer enormen Modellvielfalt schwand die Attraktivität der Bonanza-Räder seit Mitte der 1970er Jahre rapide, konkret: Beliebt blieben sie bei Kindern, während sich unter älteren Jugendlichen ein neuer Trend ankündigte: einerseits schnellere und leichtere Rennräder oder zumindest rennsportlich aufgemachte Räder; andererseits BMX-Räder und Mountainbikes. Damit konnte man tatsächlich sportlich oder im Gelände fahren – aber natürlich weiterhin vor dem Hintergrund der Stadtlandschaften posieren. Shirley Bakers Boy on a Bike hob sich mit seinem modernen Rad in Rennsportoptik von einem Straßenbild ab, das im Salford der frühen 1960er Jahre noch ziemlich trist und (spät-)industriell wirkte. Im Ruhrgebiet fügten sich Bonanza-Räder zehn Jahre später in ein Panorama städtebaulicher Modernisierung und des einsetzenden Strukturwandels. Inzwischen sind stillgelegte Bahntrassen und Radfernwege mit Rennrädern und Gravel Bikes bevölkert.

 

Literatur:

Baker, Shirley: Without a trace. Manchester and Salford in the 1960s, Stroud, Gloucestershire 2018.

Cantauw, Christiane u.a.: Täglich Bilder fürs Revier. Pressefotografien von Helmut Orwat 1960–1992, Steinfurt 2023.

Fotheringham, William: Put me back on my bike. Die Tom-Simpson-Biografie, Bielefeld 2007.

Lindner, Rolf: „I met my love by the gas works wall“. Wie das Imaginäre die gegenständliche Welt überlagert. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 127 (2024), S. 247–260.

Maltzan, Jörg/Langhorst, Martin/Ziegler, Alexander; Die Bonanzarad-Bibel. Von Bananensattel & Sissybar bis Pornoschaltung, Bielefeld 2020.

Petrozza, Mille/Gross, Torsten: Your heaven, my hell. Wie Heavy Metal mich gerettet hat. Autobiographie, Berlin 2025.

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