Timo Luks
Modernität und Coolness hängen an der Wahl des Fahrrads. Während die Älteren klassische Damen- und Herrenräder wählten, die sie zum Teil abenteuerlich beluden (https://www.alltagskultur.lwl.org/de/blog/das-rad-der-wahl-teil-1-lastenraeder/), griffen Jugendliche zu anderen, weniger „alltagstauglichen“ Rädern. Teilweise lösten die Fahrradmoden einander ab, ohne dass man von einer ganz strengen und linearen Entwicklung ausgehen sollte. Wer sich für welches Rad entschied und welche Räder auf historischen Fotografien zu sehen sind – daran lassen sich einige Aspekte des Alltags ablesen.
Der Kulturanthropologe Rolf Lindner ging kürzlich der Frage nach, wie Erinnerungen und gelebte Erfahrungen dazu beitragen, „dass uns Hässliches subjektiv schön erscheint.“ Lindner widmete sich lebensgeschichtlichen Erzählungen über die Städte des Ruhrgebiets sowie Manchester und Salford. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf Straßenfotografie und Fotobücher, die die alten Industriestädte ästhetisch aufwerteten oder einen Transformationsprozess dokumentierten, der das vermeintlich Hässliche überwinden sollte.
Die Fotografin Shirley Baker (1932–2014) etwa setzte dem Straßenleben Manchesters und Salfords in den 1960er Jahren ein Denkmal; just in dem Moment, als den alten Backsteinsiedlungen der Abriss bevorstand und der im britischen Kontext als „slum clearance“ bezeichnete Prozess urbaner Erneuerung einsetzte. Eine Aufnahme der Fotoserie trägt den Titel A Boy on a Bike (https://shirleybakerphotography.com/the-street-photographs/). Rolf Lindner zeigte sich beeindruckt, wie Baker einen lebhaften Alltag einfing, der nicht den „gängigen Vorstellungen vom bedrückenden Leben im sogenannten Slum“ entsprach. Lindner interessierte sich vor allem für die Wäscheleinen und die frisch gewaschene weiße Wäsche, die quer über der Straße hingen – ein gängiges Motiv auch der Ruhrgebietsfotografie.
Aber was hat es mit dem Jungen und seinem Rad auf sich, der ja nun ganz offensichtlich im Mittelpunkt des Bilds steht: respektabel gekleidet in Anzug, Weste und Krawatte, in leichter Schräglage über das Pflaster fahrend, den Blick in die Kamera gerichtet und im Begriff, an der auf dem Gehweg positionierten Fotografin vorbeizufliegen? Das Bild bekräftigt eine spätere Aussage Shirley Bakers: Sie habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder und Jugendliche beim Anblick ihrer Kamera sofort in Pose gingen. Der Junge auf dem Rad posierte offensichtlich, auch wenn es eine Pose in Bewegung ist. Die Tragik besteht darin, dass niemand der Anwesenden ihn anschaute. Wie ungerecht! Handelte es sich doch um ein schickes und sportliches Rad in Rennradoptik.
Ein Junge, der in den frühen 1960er Jahren in Salford mit Rennlenker unterwegs war, interessierte sich nicht für Wäscheleinen und weiße Wäsche. Eher dachte er an Tom Simpson (1937–1967). Simpson: Bergarbeitersohn aus Nottinghamshire, Sieger der Flandernrundfahrt, erster Brite im Gelben Trikot der Tour de France, Sieger von Mailand–San Remo und der Lombardeirundfahrt, erster britischer Straßenweltmeister und BBC Sports Personality of the Year – der größte und durch seinen Tod auf dem Mont Ventoux während der Tour de France auch tragischste Held des britischen Radsports. Simpsons Offenheit gegenüber den Medien hatte ihn zudem schnell zum Radsportbotschafter gemacht, der in Großbritannien eine wahre Cyclemania auslöste. Ein Junge in Salford kannte ihn ganz sicher, entsprechend dynamisch posierte er für eine Fotografin.