Themenschwerpunkt Arbeit(en): Der „Schwammklöpper“ – ein vergessener Beruf

21.04.2026 Niklas Regenbrecht

Der letzte Fredeburger Schwammklöpper Wilhelm Knape (13.10.1875-05.04.1969), auch Zundermacher genannt, undatiert (1950er/1960er Jahre), Postkartenverlag Josef Grobbel, © LWL-Medienzentrum für Westfalen, 20_4165.

Christof Spannhoff

Wer heute an im Wald wachsende Pilze denkt, hat zumeist Speisepilze im Sinn. Kaum jemand verbindet diese eukaryotischen Lebewesen mit einem einst nicht unbedeutenden Handwerk, von dem ganze Regionen lebten. Der Beruf des Schwammklöppers gehört zu jenen fast vollständig verschwundenen Tätigkeiten, die nur noch in historischen Quellen und regionalen Erinnerungen weiterleben. Dabei war er einige Jahrzehnte lang von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung und eng mit einem Rohstoff verbunden, der über Jahrhunderte hinweg unverzichtbar war: dem Zunderschwamm. Was heute so unscheinbar als Pilz an Laubbäumen wächst, bildete früher die Grundlage für das Erzeugen von Feuer und fand auch in der Medizin Verwendung.

Unter dem Begriff „Zunderschwamm“ verstand man im alltäglichen Gebrauch keineswegs einfach den Pilz selbst, sondern vielmehr das daraus gewonnene, verarbeitete Material. Ausgangspunkt war in der Regel der Zunderporling, ein an Buchen und Birken wachsender Pilz, der in vielen Regionen Europas verbreitet war. Doch bevor er genutzt werden konnte, musste er in einem aufwendigen Verfahren bearbeitet werden. Historische Beschreibungen zeigen, dass der rohe Pilz zunächst von Holzresten gereinigt, in Pottaschenlauge eingeweicht oder sogar abgekocht und schließlich mit Salpeter eingerieben wurde. Diese Behandlung dauerte oft mehrere Tage oder gar Wochen und diente dazu, die Struktur des Materials aufzuschließen.

Nach dem Trocknen begann der entscheidende Arbeitsschritt, der dem Beruf des Schwammklöppers seinen Namen gab: das Klopfen, niederdeutsch Kloppen. Mit hölzernen Hämmern oder Klöppeln wurde der Pilz so lange bearbeitet, bis er weich, elastisch und faserig wurde. Erst durch dieses intensive mechanische Verfahren entstand ein Material, das Funken aufnehmen und langsam weiterglimmen konnte. Wurde die Oberfläche zusätzlich mit Mehl bestäubt, entstand eine besonders feine Variante, die als Pulverschwamm bekannt war. Dieses Produkt war leicht entzündlich und eignete sich hervorragend zum Feueranschlagen.

In einer Zeit, in der es weder Streichhölzer noch Feuerzeuge gab, war der Zunderschwamm ein unverzichtbares Hilfsmittel zur Feuererzeugung. Zusammen mit Feuerstein und Stahl bildete er die Grundlage für das Entzünden von Feuer im Alltag wie auch im militärischen oder handwerklichen Bereich. Darüber hinaus wurde Zunder auch medizinisch genutzt, etwa als blutstillendes Material, das von Barbieren, Badern und Apothekern verwendet wurde. Entsprechend groß war die Nachfrage, und es entwickelte sich ein eigener Wirtschaftszweig rund um Gewinnung, Verarbeitung und Handel.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese Entwicklung findet sich im Sauerland, insbesondere im Raum Fredeburg. Dort entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine regelrechte Zunderindustrie, die zahlreichen Menschen Arbeit und Einkommen verschaffte. In dieser vor- und frühindustriellen Zeit gab es – gerade im Sauerland – viele Menschen, die nicht von ihren landwirtschaftlichen Erträgen leben konnten. Der Wald bot der Landbevölkerung daher Möglichkeiten, gerade in ökonomischen Notzeiten, sich weitere Einnahmequellen zu schaffen. Die Sozialgeschichte hat diese Überlebensstrategien sozialer Unterschichten als „Ökonomie des Notbehelfs“ (Olwen Hufton, 1974) bezeichnet. Dieser Nebenerwerb war dann derart prägend, dass die Einwohner der Region im Volksmund den Beinamen „Fredeburger Schwammklöpper“ erhielten – ein Ausdruck, der bis heute überliefert ist. Dieser Name verweist auf die zentrale Tätigkeit des Handwerks, das Klopfen des Zunderschwammes, und macht zugleich deutlich, wie prägend diese Arbeit für das Leben vor Ort gewesen sein muss.

Die Tätigkeit der Schwammklöpper war dabei in mehrere Arbeitsschritte gegliedert. Am Anfang stand das Sammeln der Pilze im Wald. Männer, die oft als „Tunderkerle“ bezeichnet wurden, zogen während der Sommer- und Herbstmonate tagelang durch die Wälder. Mit Hilfe langer Stangen, an deren Ende sich scharfe Werkzeuge befanden, lösten sie die Zunderschwämme von den Baumstämmen und transportierten sie in Säcken oder Beuteln. Diese Tätigkeit erforderte nicht nur körperliche Ausdauer, sondern auch Erfahrung im Auffinden der entsprechenden Standorte.

Nach dem Sammeln folgte die eigentliche Verarbeitung, die meist im häuslichen Umfeld oder in spezialisierten Werkstätten stattfand. Zunächst wurden die Pilze gereinigt und von harten, unbrauchbaren Bestandteilen befreit. Anschließend legte man sie über einen längeren Zeitraum in Pottaschanlauge ein, teilweise bis zu vierzehn Tage. Dieser Schritt war entscheidend, um das Material weich und formbar zu machen. Nach dem Trocknen begann dann das Schwammklopfen im engeren Sinne: Mit Holzklöppeln wurde der Pilz so lange bearbeitet, bis er die gewünschte Konsistenz erreicht hatte. Zeitgenössische Berichte schildern, dass dieses Klopfen so intensiv war, dass es bis auf die Straße hinaus zu hören gewesen sein soll.

Der letzte Fredeburger Schwammklöpper Wilhelm Knape (13.10.1875-05.04.1969), auch Zundermacher genannt, undatiert (1950er/1960er Jahre), Postkartenverlag Josef Grobbel, © LWL-Medienzentrum für Westfalen, 20_4166.

Nach dem Klopfen wurde der Zunder weiterverarbeitet. Man schnitt ihn in dünne Scheiben oder Streifen, je nach Verwendungszweck. Ein Teil blieb unbehandelt und wurde vor allem für medizinische Zwecke genutzt. Der größere Teil jedoch wurde mit Salpeter eingerieben, um die Entzündlichkeit zu erhöhen. So vorbereitet, konnte der Zunder Funken besonders gut aufnehmen und war damit ideal für das Feueranschlagen geeignet.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieses Gewerbes war der Vertrieb. Die fertigen Produkte wurden nicht nur lokal verkauft, sondern über ein weit verzweigtes Netz von Hausierern in viele Teile Europas gebracht. Ebenso wie die Sauerländer Sensenhändler reisten diese Hausierer über große Entfernungen und führten neben Zunder oft auch andere Waren mit sich. Ihre Routen gingen bis nach Holland, in die Schweiz sowie nach Polen, Russland und Ungarn.

Mit der Zeit entwickelte sich sogar eine Art internationaler Rohstoffhandel. Als die natürlichen Vorkommen des Zunderporlings im Sauerland zurückgingen, begann man, den Pilz aus anderen Ländern zu importieren, etwa aus Schweden. Dies verdeutlicht, wie wichtig die Aufrechterhaltung der Produktion für die lokale Wirtschaft war und welchen Stellenwert der Zunder als Handelsware besaß.

Auch große Handelszentren wie Nürnberg spielten eine bedeutende Rolle. Dort wurde Zunder in verschiedenen Qualitäten angeboten, die sich in Preis und Verarbeitung unterschieden. Von einfachen, rohen Varianten bis hin zu sorgfältig bearbeiteten, hochwertigen Sorten reichte das Angebot. Die differenzierte Preisstruktur zeigt, dass es sich um ein etabliertes Produkt mit klar definierten Qualitätsstufen handelte, das sowohl im Groß- als auch im Einzelhandel vertrieben wurde.

Der Niedergang dieses traditionsreichen Handwerks setzte vergleichsweise abrupt ein. Mit der Erfindung der Streichhölzer um 1830 verlor der Zunder innerhalb weniger Jahrzehnte seine zentrale Bedeutung. Die neue Technik machte das aufwendige Verfahren der Zunderherstellung überflüssig und verdrängte das Produkt aus dem Alltag. In der Folge verschwand auch der Beruf des Schwammklöppers nahezu vollständig.

Heute ist der Zunderschwamm nur noch in wenigen Nischen von Bedeutung, etwa im künstlerischen Bereich beim Verwischen von Kohlezeichnungen. Der Beruf des Schwammklöppers hingegen existierte lange Zeit nur noch in der Erinnerung, bis er seit den 1990er Jahren heimatgeschichtlich und touristisch wiederentdeckt und als Symbol der „guten alten Zeit“ verwendet wurde. Das 2003 errichtete Denkmal für den letzten Zunderklopfer, Wilhelm Knape, auf dem Kirchplatz in Bad Fredeburg, die Fredeburger Heimatblätter „Der Schwammklöpper“ (1990–2019) und der seit 2012 jährlich stattfindende Schwammklöppermarkt sind Zeugen dieser Entwicklung. So steht der Schwammklöpper exemplarisch für viele Berufe vergangener Zeiten: Er zeigt, wie eng Natur, Handwerk und Wirtschaft miteinander verbunden waren und wie rasch technischer Fortschritt gewachsene Strukturen veränderte. Gleichzeitig erinnert er daran, dass selbst unscheinbare Rohstoffe eine große Bedeutung in einer „Ökonomie des Notbehelfs“ entfalten konnten.

 

Literatur

Johann Georg Krünitz, Oeconomische Encyclopädie, oder allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirtschaft, Bd. 150, Berlin 1828, S. 179: Art.: Schwamm (Zunder-).

Wilfried Reininghaus, Die vorindustrielle Wirtschaft in Westfalen. Ihre Geschichte vom Beginn des Mittelalters bis zum Ende des Alten Reiches, 3 Bde., Münster 2019, Bd. 1, S. 260–263.

Annemarie Runge, Die Fredeburger „Schwammklöpper“, in: Westfälische Pilzbriefe 2 (1959), S. 8–9.