24.11.2020

„Bis’te äok unne de Ferenkejkers gohn?“ Die Einführung des Fernsehers in Westfalen (Teil 1/2)

Ein stolzer Besitzer vor seinem Fernseher im Hagener Wohnzimmer. Er gehörte Mitte der 1950er Jahren zu Wenigen, die ein Geräte besaßen. Die Anschaffungskosten waren zu dem Zeitpunkt noch sehr hoch (Archiv für Alltagskultur, Inv.-Nr. 1997.00620).

Dörthe Gruttmann

Während heute das Fernsehen mit seiner kaum zu überblickenden Anzahl an (weltweit) verfügbaren Sendern langsam durch Streaming-Dienste wieder verdrängt wird, war es viele Jahrzehnte (und ist es durchaus immer noch) ein wichtiger Bestandteil des Alltagslebens von Menschen – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Trotz dieser zugeschriebenen Bedeutung, wurde die Rolle des Fernsehens und seines Einflusses erst ab den 1970er Jahren wissenschaftlich untersucht, und zwar zunächst im städtischen und urbanen Raum.

Heute geht die Forschung davon aus, dass das Fernsehen (zusammen mit anderen Faktoren) eine Homogenisierung der Bevölkerung gefördert hat durch die Angleichung sozialer Hierarchien, die Auflösung religiöser und sozialer Milieus sowie die Nivellierung der Unterschiede zwischen städtischem und ländlichem Raum.

Doch wie wurde der Fernseher zum bedeutenden Bestandteil der Nachkriegskonsumgesellschaft? In welcher Form hat man ferngesehen? Wie unterscheidet sich das frühe Fernsehgucken durch das heutige? Antworten auf diese Fragen liefern Gewährsleuteberichte aus dem Archiv für Alltagskultur. Ab 1951 hatte die Volkskundliche Kommission für Westfalen über drei Jahrzehnte insgesamt 46 detaillierte Fragelisten zu bestimmten Themenkomplexen an sogenannte Gewährsleute in der ganzen Region versandt, die dann wiederum der Kommission Berichte mit Erlebnissen und Beobachtungen zurückgesandt haben, teils ergänzt durch Zeichnungen und Fotografien. Während es sonst bei den Fragelisten darum ging, das (rurale) westfälische Leben zwischen etwa 1880 und 1910 zu rekonstruieren, wurde 1965 die Frageliste 38 zum Fernsehen versandt, die erstmalig einen anderen Zeitraum berücksichtigte. Auf diese Befragung kamen 57 Antworten mit einer Berichtlänge zwischen weniger als eine Seite bis 33 Seiten zurück.

Bei den Gewährsleuten handelte es sich grundsätzlich um Personen, die alltagskulturellen Themen gegenüber positiv eingestellt waren. In der Mehrheit waren es (gebildete) Männer wie pensionierte Lehrer oder Beamte, aber auch Bauern und Landarbeiter, die die Berichte verfassten. Ihren Beschreibungen ist gemein, dass der Fernseher sich sehr schnell verbreitet hatte – schneller noch als das Radio in den 1920er und 1930er Jahren. Zwar verhinderten anfangs die hohen Anschaffungskosten von rund 1.500 Mark einen massenhaften Erwerb, jedoch leisteten sich vielfach Kneipen- und Cafébesitzer einen Fernseher und stellten diesen in ihren Räumlichkeiten den Gästen zur Verfügung, in der Hoffnung höhere Umsätze zu generieren. Und das trotz der anfänglich schlechten Bildqualität, weswegen auch die Bezeichnung „Flimmerkiste“ aufkam. Der Gewährsmann Wolfgang Niehoff beispielsweise berichtete, dass ein Wirt im Frühjahr 1953 den ersten Fernsehapparat im Dorf angeschafft habe: „[E]s war damals etwas ganz neues und es wurden regelmäßig Fernsehtage veranstaltet. Einigemale war zwischen den Sendungen sogar in einem extra aufgebauten Zelt Tanzveranstaltungen“ (MS02645, S. 1).

Der Fernseher stand oftmals in der Ecke eines Zimmers, beispielsweise im Wohnzimmer oder in der Küche (Archiv für Alltagskultur, Inv.-Nr. 0000.91563).

Das Fernsehgucken in Lokalen ließ jedoch – den Eindruck vermitteln die Berichte – schnell nach. Vielmehr ging man zu Verwandten oder Nachbarn, die sich einen Fernseher gekauft hatten. Dafür legten auch ältere und jüngere Familienmitglieder zusammen, um sich ein Gerät leisten zu können. Gemeinsames Fernsehen war in der Anfangszeit weit verbreitet. Es war etwas so Besonderes, dass man seine besten Sachen anzog. Auch Mitbringsel für die Gastgeber waren nicht unüblich sowie die Bewirtung der Gäste. Otto Balkenholl aus Hemmerde (Unna) berichtete Ende 1965: „Vor 10-12 Jahren war ich schon mal ab und zu vom Schwager in Unna extra zum Fernsehen eingeladen, es waren zuweilen auch andere Gäste anwesend, aus der Verwandtschaft oder der Nachbarschaft. Unter solchen Umständen war die Bewirtung der Gäste mit Gebäck, Likör, Wein u.s.w. eine Selbstverständlichkeit“ (MS02598, S. 3). Joseph Oel aus Drewer (Rüthen, Kreis Lippstadt) berichtete: „Beim Fernsehen am Feierabend wird von den Männern in manchen Familien Bier getrunken; den Frauen Pralinen oder Konfekt angeboten“ (MS02689, S. 5). Es wurde weniger in der Kneipe getrunken, stattdessen ließen sich viele das Bier in Flaschen abfüllen, um es zu Hause vor dem Fernseher zu genießen.  „Der Umsatz von Flaschenbier und der Alkoholkonsum im Familienkreise haben […] sehr zugenommen. Insbesondere ist der Alkoholkonsum durch Frauen in Zunahme begriffen, ebenso aber auch der Genuß von Schokolade, Süßigkeiten und Obstsäften“, schrieb Wilhelm Sundermann aus Ladbergen (MS02723, S. 2). Auch konnte sich das Fernsehen auf das äußere Erscheinungsbild auswirken: „Wenn eine nette Ansagerin dran ist sagen die Männer schon mal, hat die dass Haar schön, so musst Du es Dir auch machen“, bemerkte eine Gewährsfrau aus der Bauernschaft Aulendorf in Darfeld (MS02589, S. 7).

Anfangs gab es nur ein Fernsehprogramm, 1963 sendete dann auch das ZDF, vier Jahre später kam der WDR hinzu. Das Fernsehprogramm sprach unterschiedliche Interessen an: „Für die heranwachsenden Jugendlichen (ab 14) sind die Schlagersendungen (Freddy, Howland, Ria Pavone, Esther usw.) die anziehendsten Sendungen. Kinder bis zu 14 Jahren sehen in Leeden am liebsten Cowboyfilme, James Boond [sic!], überhaupt am liebsten Fernsehvorführungen wo es tüchtig knallt – ‚Am Fuß der blauen Berge‘ und den unverwüstlichen Lassie und Fury“ (MS02645, S. 3). Für Erwachsene waren andere Sendungen beliebt: „Ganz begeistert sind alle ohne Ausnahme wenn Stücke von Millowitsch gezeigt werden“ (MS02589, S. 4). Ebenso „Ohnesorg Theater ist immer sehr beliebt. Quiz mit Kuhlenkampf verfolgen wir immer gern […]“ ergänzt eine Gewährsfrau aus Nortrup (MS02593, S. 3). Diese fand wiederum viele Sendungen ungeeignet – eine Meinung, die einige Gewährspersonen teilten. „Ehrlich gesagt, oft läuft man weg, wenn das ‚Tanzgedudele‘ schlimmer wird. Bauchtanz von Inderinnen geht noch. Gesang und Wackelei von Negern und Negerinnen lehne ich ab. Auch übertriebene Revues. Vieles ist bestimmt schädigend. Auch Einbrüche, Flucht und Krimis“, heißt es in dem Bericht (Ebd., S. 2f.).

Fortsetzung folgt.

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Schlagworte: Nachkriegszeit · Freizeit · Dörthe Gruttmann