01.12.2020

„Bis’te äok unne de Ferenkejkers gohn?“ Die Einführung des Fernsehers in Westfalen (Teil 2/2)

Kinder 1975 vor einem Fernseher mit TED-Bildplattengerät zur Wiedergabe von kurzen Videos (Archiv für Alltagskultur, Inv.-Nr. 0000.S3829)

Dörthe Gruttmann

[Teil 1 hier]

Ein Gerät anschaffen wollten viele jedoch nicht. Gründe hierfür lagen unter anderem in der anfänglichen Angst, von der Bildröhre würde eine schädigende Strahlung ausgehen oder auch, dass Fernsehen besonders für Kinder ungesund sei. Clemens Schnell aus Hagen berichtete im Sommer 1966: „Andere wiederum wollten wegen ihrer noch schulpflichtigen Kinder kein Fernsehen haben, da es den Augen schade, die Schulaufgaben vernachläßigt würden und die Kinder auch im Wachstum behindert würden, weil sie nicht mehr gnug [sic!] an die frische Luft kämen“ (MS02717, S. 2).

Das gemeinsame Fernsehgucken wurde ebenfalls nicht immer positiv bewertet. Karl Schmidthaus aus Bochum-Laer schrieb im November 1966 über die als Zwang empfundene soziale Verpflichtung, die mit dem Fernsehen bei Bekannten einherging und von welcher er sich nach einiger Zeit befreien konnte: „Die Hausfrau hatte noch in der Küche zu tun, während der Mann mit uns schon im Wohnzimmer vor der Flimmerkiste saß. Da sie aber nicht auf Unterhaltung verzichten wollte, redete sie von der Küche aus unentwegt dazwischen. Uns war es auch Höflichkeitsgründen nicht vergönnt, uns der Sendung zu widmen, sondern wir mußten auf das Gespräch der Hausfrau mehr zu achten [sic!], denn wenn man nicht aufmerksam ihren Worten lauschte und nicht ordnungsgemäße Antworten gab, fühlte sie sich beleidigt – was sie natürlich nicht offen zeigte, sondern nur merken ließ. Selbst wenn sie schließlich fertig war und sich ebenfalls zu uns setzte, gab es keine Ruhe, um sich ein Stück anzusehen, denn dann ging die ununterbrochene Rederei aus der Nähe weiter und bei jeder Gelegenheit rannte sie fort, einmal dies, und dann wieder das zu holen, was eigentlich gar nicht nötig wäre. So kam es, daß man manchmal von einer Sendung wohl die Bilder sah, aber vom Ton noch nicht einmal die Hälfte mitbekommen hatte. Das haben wir einige Zeit mitgemacht und dann fielen uns oft Ausreden ein, weshalb wir nicht mehr so oft kommen konnten. Statt dessen gingen wir mehrfach in eine bekannte Wirtschaft und besahen uns dort ein Samstag-Abend-Programm. Ich habe festgestellt, daß auch bei zu häufigen privaten Fernsehbesuchen man den Gastgebern so langsam aber sicher lästig wird. Es geht eben nichts davor, wenn man nur mit seiner Familie vor dem Fernsehschirm sitzt. Da kann man dann tun und lassen, was man will, braucht sich keinen Beschränkungen zu unterwerfen und auf niemanden Rücksicht nehmen“ (MS02776, S. 15).

Für Kinder war Fernsehgucken von Beginn an eine beliebte Freizeitbeschäftigung – wenn sie denn durften (Archiv für Alltagskultur, Inv.-Nr. 2004.04912).

Grundsätzlich veränderte das Fernsehen den Alltagsrhythmus: Aufgaben wie Vieh füttern wurden dem Fernsehprogramm angepasst, Essenszeiten änderten sich und sogar Schlafenszeiten. Während beim Radiohören in den Abendstunden oft noch Hand- und Flickarbeiten der weiblichen Familienmitglieder verrichtet wurden, fielen diese zugunsten des Fernsehguckens nun aus. Auch die soziale Interaktion mit Mitmenschen nahm langfristig ab. So schrieb eine Gewährsfrau: „Viele Hausfrauen klagen darüber, dass nach Feierabend kein trautes Gespräch mit ihrem Ehegatten zu Stande käme da er sich viel lieber die Sportsendungen besähe“ (MS02589, S. 6). Ein anderer Gewährsmann führt die ausgestorbenen Straßen im Dorf auf die Etablierung der ‚Flimmerkiste‘ zurück: „Aufgefallen ist mir seit langem, daß des Abends auf den Straßen des Dorfes völlige Ruhe herrscht. Macht man mal in der Dunkelheit einen Gang, dann ist es schon ein Wunder, einem Fußgänger zu begegnen und selten einem Auto. Dann sitzen also alle Dörfler vor den Bildschirmen. […] Ob nun diese Zurückgezogenheit und Abkappselung [sic!] auf die Dauer zu einer Entfremdung der Dorfbewohner untereinander führen wird, läßt sich heute noch nicht beurteilen, das wird die Zeit erst lehren. Familienzusammenkünfte, Verkehr mit Freunden und Verwandten hat sehr nachgelassen, hat keinen rechten Reiz mehr, das Fernsehen ist oft interessanter. Wenn vor 5-10 Jahren, als nur wenige ein Gerät besaßen und von diesen dann Nachbarn und Freunde zur Teilnahme eingeladen wurden, dann waren solche Abende gesellschaftlich ein schönes angenehmes Ereignis, oft ein überraschendes Erlebnis. Nun aber ist jeder selbständig und unabhängig mit eigenem Apparat. Die Harmonie mit den Mitmenschen bekommt einen Knacks, das läßt sich nicht leugnen“ (MS02598, S. 2).

Soziale Hierarchien verschoben sich durch das Fernsehen. Im ländlichen Raum schauten auch die Angestellten zusammen mit den Arbeitgebern Fernsehen. Der Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft in den 1950er und 1960er Jahren führte gar dazu, dass Landarbeiter häufig das Fernsehgucken in ihren Vertrag reinschreiben ließen, so dass Bauern sich ein Gerät kauften, wenn sie es denn nicht bereits eines besaßen. Auch war ein Fernseher nach einigen Jahren kein Statussymbol mehr – so schreibt ein Gewährsmann aus Leeden: „dagegen ist das Gerät für die Arbeiter-, Heuerlings- und Beamtenfamilien Allgemeingut geworden“ (MS02645, S. 2).

Trotz der zügigen Verbreitung der ‚Flimmerkiste‘, hatte eine sprachliche Adaption ins Niederdeutsche noch nicht stattgefunden: „Einen plattdeutschen Namen scheint man für das Fernsehen noch nicht gefunden zu haben. Während man bei Einführung des Staubsaugers diesen ‚Huilebeßmen‘ Heulebesen, nannte, frug mich ein Alterskollege als ich den ersten Fernsehempfänger bekam: ‚Bis’te äok unne de Ferenkejkers gohn‘? (Bist du auch unter die Ferngucker gegangen)“ (MS02717, S. 7).

 

Weiterführende Literatur:

Hodenberg, Christina von: Square-eyed Farmers and Gloomy Ethnographers: The Advent of Television in the West German Village. In: Journal of Contemporary History 51/4 (2016), S. 839–865.

Nunes Matias, Jutta: Quasselstrippe. Volksempfänger. Flimmerkiste. Über den Umgang mit Medien. Münster 2005, S. 73–83.

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Schlagworte: Nachkriegszeit · Freizeit · Dörthe Gruttmann